Sparte: Belletristik

Jochen Schimmang
Neue Mitte

Roman

Buchbesprechung

​Mit seinem im Jahr 2009 erschienenen Roman Das Beste, was wir hatten entwarf Jochen Schimmang das Porträt einer literarisch bislang arg vernachlässigten Generation: Jener Generation, der die friedliche, gute, alte Bundesrepublik eine innere Heimat gewesen ist und die, sozusagen als Spiegelbild der ihres Landes enthobenen Ostdeutschen, ebenfalls den Verlust eines Identität stiftenden Refugiums zu beklagen hatten. Neue Mitte, der neue Roman, ist auf geschickte Weise mit dem Vorgängerbuch verzahnt, widmet sich jedoch der dunklen Kehrseite dieses Lebensgefühls.

Berlin im Jahr 2029. Neun Jahre lang hat eine Militärjunta unter dem Befehl des mittlerweile untergetauchten General Rotkirch, von den Drahtziehern als massenkompatible Galionsfigur an die Spitze gesetzt, das Land regiert. Nun steht Deutschland seit vier Jahren unter der Verwaltung der britischen Besatzungsmacht. Eine von den Briten eingesetzte demokratische Übergangsregierung ist im Begriff, sich zu installieren. Ulrich Anders, Mitte der 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts geboren, wird von seinem ehemaligen Studienkollegen Sander gebeten, ihm beim Aufbau einer Bibliothek in der Hauptstadt behilflich zu sein. Anders, der die Jahre der Militärdiktatur in einer Art innerer Emigration als Feinkosthändler in Aachen verbracht hat, reist nach Berlin – und landet im Niemandsland des ehemaligen Regierungsviertels, einer geradezu paradiesischen Enklave von Kreativen, Anarchisten, Aussteigern und ehemaligen Widerständlern, die das Leben nun nach ihren eigenen Regeln organisieren und gar nicht so recht bemerken, dass sich außerhalb ihres Blickfeldes eine Konterrevolution anzubahnen droht.

Jochen Schimmang ist ein glänzender Erzähler, dem es in Neue Mitte gelingt, die unterschiedlichsten Milieus glaubhaft zu schildern und aus einem vermeintlichen Zukunftsroman ein Versuchsfeld zu machen, in dem sich die deutsche Vergangenheit, die Gegenwart und die Vision von deren Fortschreibung begegnen. Dem ganz konkreten, in Recherchen nachvollziehbaren Bonn in Das Beste, was wir hatten, setzt Schimmang nun ein imaginiertes Berlin entgegen. Das Zentrum der Stadt (und des gesamten Landes), das sich einst fest in der Hand der dunklen Machthaber befand, verwandelt sich bei ihm in einen geradezu utopischen Hoffnungsort, zu einem Gegenentwurf zur nicht allzu freudvollen Realität rundherum. Da gibt es eine Clique, die man heute „Digitale Bohème“ nennen würde; ein Zusammenschluss junger, genialischer Computerprogrammierer. Es gibt so altmodische Berufe wie Knopfmacher; es gibt einen alten Gärtner, der sich als das philosophische Rückgrat der Community erweist. Und ein Restaurant namens „Le plaisir du texte“.

Der Schimmang’sche Möglichkeitssinn macht es möglich. Und nicht nur das: Neue Mitte ist auch ein kluges literarisches Spiel quer durch die Epochen. Nicht ohne Grund trägt sein Protagonist den gleichen Vornamen wie der Held aus Robert Musils Mann ohne Eigenschaften; einem Roman, über den Ulrich mit seiner neuen Geliebten Eleanor Rigby (!) ein aufschlussreiches Gespräch führt. Nicht zufällig erinnert die Figur des einflussreichsten und legendären juristischen Beraters der Militärjunta, dessen Bibliothek Ulrich für den Ankauf begutachtet, an Carl Schmitt. Und erst recht nicht zufällig ist es in einem Zukunftsszenario das Medium Buch, das als Medium der Aufklärung seinen Platz behauptet. Sogar die Printmedien erleben ihre wundersame Wiederauferstehung. Schimmang betreibt eine bunte Collage aus Epochen, Lebensstilen und -haltungen, theoretischen Diskursen und philosophischen Positionen. Neue Mitte deswegen einen postmodernen Roman zu nennen, täte dem Buch dennoch unrecht – dafür ist es zu unterhaltsam und zu wenig anstrengend.

Wovon also erzählt Schimmang, wenn er aus dem Jahr 2029 berichtet und aus jenem bitterkalten Berliner Winter? Selbstverständlich, wie jeder gelungene Gesellschaftsroman, von uns allen, von dem Land, in dem wir leben und von den historischen Kontinuitäten, die jeden angeblichen Umbruch begleiten. Und es gibt einen ganz dezenten Hinweis darauf, was der Anstoß gewesen sein könnte für den Roman: „Es war“, so heißt es in einer Referenz auf das Jahr 2009, „einfach eine Leerstelle da, und in die sind die Generäle gestoßen. Sie mochten sich auch nicht weiter von inkompetenten Verteidigungsministern dirigieren lassen.“ Manchmal sind selbst die für etwas gut. Jedenfalls in der Literatur.       
Christoph Schröder

Von Christoph Schröder, 18.03.2014

​Christoph Schröder, lebt als freier Autor (Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Die Zeit) in Frankfurt am Main und ist Dozent für Literaturkritik an der dortigen Universität.