Sparte: Sachbuch

Alois Prinz
Bonhoeffer. Wege zur Freiheit

Sachbuch

Der V-Mann Gottes

Mit gerade einmal 21 Jahren war Dietrich Bonhoeffer bereits Doktor der Theologie, mit 24 hatte er seine Habilitation abgeschlossen. Im Alter von 39 Jahren wurde er als Mitglied der Widerstandsgruppe um Admiral Canaris auf Befehl Hitlers am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg erhängt. Einen Monat später hatten US-Soldaten das Lager befreit. Der Zweite Weltkrieg war vorbei. Heute wird Bonhoeffer nicht nur als unbeugsamer Widerstandskämpfer und Wegbereiter der Ökumene verehrt, auch in seinen Gedichten lebt er fort. Aus seiner Feder stammt unter anderem der Text zu "Von guten Mächten wunderbar geborgen", einem der bekanntesten, in viele Sprachen übersetzten Kirchenlieder.

Es überrascht im Grunde nicht, dass der profilierte Biograph Alois Prinz nun Bonhoeffer zu seinem Titelhelden gemacht hat. So finden sich unter den zahlreichen Schicksalsbeschreibungen, die Prinz bisher verfasst hat, auch mehrere Biographien zu Ausnahmecharakteren des Christentums. Die Mystikerin Theresa von Avila hat Prinz ebenso anschaulich porträtiert wie den Apostel Paulus und den Ordensgründer Franziskus von Assisi. Dabei ging er stets mit offenkundiger Sympathie für die jeweilige Figur vor, ohne jedoch der Gefahr der Idealisierung zu erliegen.

Durch diese Besonderheit zeichnet sich auch das Bonhoeffer-Buch "Wege zur Freiheit" aus. Der eindrücklichen Schilderung der Hinrichtung in Flossenbürg auf den letzten Seiten stellt Prinz eine facettenreiche Beschreibung der charakterlichen und intellektuellen Entwicklung des Theologen voran: Bonhoeffer - 1906 als sechstes von den acht Kindern einer großbürgerlichen Familie in Breslau geboren, in Berlin aufgewachsen - legte von klein auf Zeichen der Hochbegabung in unterschiedlichsten Bereichen an den Tag. Womöglich hätte er als Sportler ebenso Karriere machen könne wie als Pianist. Sein Entschluss, ausgerechnet Theologie zu studieren, rief vor allem bei seinem Vater, dem berühmten Neurologen Karl Bonhoeffer, wenig Begeisterung hervor. Schließlich beschloss der junge Dietrich Bonhoeffer, seinen akademischen Erfolgen zum Trotz, dass die Universität nichts für ihn sei. Stattdessen wollte er Pfarrer werden.

Folgt man Prinz, hatte Bonhoeffer erkannt, dass seine eigentliche Berufung im Dienst am Menschen liegt, als er 1930 einige Monate in New York verbrachte: Hier besuchte er die afroamerikanischen Gemeinden in Harlem. In den Gospel-Gesängen und dem mitreißenden Stil der Prediger entdeckte er eine ihm gänzlich neue, weltzugewandte Form des Christentums. Wieder nach Deutschland zurückkehrt war, er nicht nur überzeugter Pazifist, sondern auch hochgradig sensibilisiert für die politische und gesellschaftliche Situation.

Prinz vergegenwärtigt uns diese Persönlichkeit in all ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit. Mit seiner Vorliebe für Musik, elegante Kleidung und ausgedehnte Reisen wirkte Bonhoeffer bisweilen wie ein typischer Dandy der Weimarer Republik. Frauen gegenüber verhielt er sich allerdings oft unbeholfen, obwohl er sich nichts sehnlicher als eine Lebensgefährtin wünschte. Nach außen strahlte er Entschlossenheit und Zuversicht aus - auch und gerade dann, wenn in seinem Inneren Glaubens- und Sinnkrisen tobten. Von Kindheit an hatte Bonhoeffer es als seine Pflicht betrachtet, anderen ein Vorbild zu sein und in jeder Situation "Haltung" zu bewahren. Aber machte ihn dies automatisch zum heldenhaften Widerstandskämpfer? Ohne erhobenen Zeigefinger führt Prinz seinem Leser vor Augen, dass selbst die stärksten Charaktere nicht davor gefeit sind, gegen ihr Gewissen zu handeln: Im April 1933 - die Nazis waren seit Kurzem an der Macht - starb der jüdische Schwiegervater von Bonhoeffers Zwillingsschwester Sabine. Die Familie wünschte sich, dass Dietrich die Beerdigung hält. Doch Bonhoeffers Vorgesetzter riet davon ab, "in diesen Zeiten einen Juden zu beerdigen". Bonhoeffer befolgte diesen Rat. Wenig später bereute er und bat seine Schwester um Vergebung für seine Feigheit. Sie hat ihm verziehen, er selbst konnte sich nicht verzeihen.

Von da an sprach Bonhoeffer unermüdlich gegen das herrschende Unrecht. Er druckte Flugblätter und reiste ins Ausland, um vor der von Deutschland ausgehenden Kriegsgefahr zu warnen. Bald schon wurde ihm die Lehrerlaubnis entzogen, später erhielt er Rede- und Schreibverbot. Einschüchtern ließ er sich davon nicht. Ebenso kurzweilig wie gewissenhaft veranschaulicht Prinz welch bedeutende Rolle Bonhoeffer im "Kirchenkampf" zukam. So war der Theologe der wohl mit Abstand unerschrockenste Vertreter der "Bekennenden Kirche", die sich gegen den Antisemitismus der von Hitler gleichgeschalteten "Deutschen Christen" abgrenzte.

1939 fuhr Bonhoeffer erneut in die USA. Hier erwartete ihn eine Professur in Harlem und ein vergleichsweise risikoarmes Dasein als Exilant. Doch diesmal siegte das Gewissen über das Sicherheitsbedürfnis. Nach vier Wochen nahm Bonhoeffer wieder den Dampfer zurück nach Nazi-Deutschland, wo er begann, im "Amt für Abwehr" unter Leitung von Wilhelm Canaris zu arbeiten. Offiziell stand er jetzt im Dienst der Nationalsozialisten, inoffiziell war er als V-Mann Gottes tätig und unterstützte jene, die mit ihm einer Meinung waren, dass ein Attentat auf Hitler, die einzig noch verbleibende Lösung wäre.

Das eingangs erwähnte Gedicht "Von guten Mächten wunderbar geborgen" hatte Bonhoeffer einem Brief beigelegt, den er an Weihnachten 1944 aus dem Gefängnis in Berlin-Tegel an seine Verlobte Maria von Wedemeyer schrieb. Laut Prinz war er zu diesem Zeitpunkt zuversichtlich, bald wieder frei zu kommen und mit seiner 18 Jahre jüngeren Braut endlich das Leben beginnen zu können, von dem er so lange geträumt hatte.

Als jedoch wenig später die geheimen Aufzeichnungen vom ebenfalls inhaftierten Wilhelm Canaris gefunden wurden und Hitler erfuhr, in welchem Ausmaß das "Amt für Abwehr" in Anschlagspläne auf ihn verwickelt war, war Bonhoeffers Schicksal besiegelt. Doch selbst im Angesicht des sicheren Todes verlor er nichts von seiner regelrecht heiteren Gelassenheit. Prinz stützt sich hier hauptsächlich auf die Berichte von damaligen Augenzeugen, an einer psychologischen Erklärung von Bonhoeffers übermenschlich anmutendem Gleichmut versucht er sich glücklicherweise nicht. So endet die Beschreibung des Menschen, der Dietrich Bonhoeffer zu Lebzeiten war, mit einer Verneigung vor dem Helden, als der er starb.
Marianna Lieder

Von Marianna Lieder, 15.06.2018

​Marianna Lieder ist seit 2011 Redakteurin beim „Philosophie Magazin“. Als freie Journalistin und Literaturkritikerin arbeitet sie u. a. für den Tagesspiegel, die Stuttgarter Zeitung und Literaturen.