Sparte: Sachbuch

Jürgen Kaube
Max Weber. Ein Leben zwischen den Epochen

Biografie

Buchbesprechung

​Von der Welt, in die Max Weber 1864 hineingeboren wurde, sei am Ende nicht mehr viel übrig gewesen, heißt es in Jürgen Kaubes zum 150. Geburtstag des Soziologen erschienener Biographie. Ein Leben „zwischen den Epochen“, so der Untertitel, das vor Ausrufung des Kaiserreichs begann und nach dessen Untergang zu Ende ging: Weber „lebte im Zeitalter des Nationalstaats und in dem seiner Krise, in der Welt des historischen Gelehrtentums und in der Welt der ästhetischen Avantgarden, in der Welt der Gründerzeit und in der Welt der politischen Extreme.“ In einer sich grundlegend wandelnden Welt also, die auch schon eine globale, international verwobene war, in einer Zeit der Bürgerlichkeit und des Kapitalismus, der konkurrierenden Herrschaftsvorstellungen und der sich ablösenden Gesellschaftsmodelle. Wer als Zeitgenosse all diese Problemfelder erfassen und beschreiben wollte, brauchte einen weiten Horizont und einen genauen Blick, mußte entlegene Details und widersprüchliche Phänomene verbinden, die chaotische Wirklichkeit begrifflich ordnen können.

Max Weber wurde in seinem kurzen, ungeheuer produktiven Leben nicht nur ein herausragender Gelehrter, sondern ein intellektueller Maßstab, der mit seinen Thesen und Argumenten immer wieder ins Herz seiner Zeit traf. In seiner außerordentlich kenntnisreichen und packend geschriebenen Darstellung gelingt es Jürgen Kaube, selbst Soziologe und seit 2012 stellvertretender Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die Weg- und Wendemarken dieses Lebens anschaulich zu erzählen und im Sinne einer intellektuellen Biographie mit den zentralen Gedanken der Werke Webers zu verbinden.

So lernt der Leser Webers Kindheit und Jugend in einer Welt des finanziell abgesicherten Bürgertums kennen, das sich seiner politischen und gesellschaftlichen Stellung erst noch versichern muß. Der geistig frühreife Knabe verinnerlicht das wilhelminische Bildungsprogramm und kann mit vierzehn zwar noch nicht schwimmen, hat aber schon ein enormes Lektürepensum bewältigt. Kaube läßt die „Lebensführung“ (so ein späterer Weberscher Leitbegriff) seines Protagonisten, der in der Bildungsochserei des Studiums und im burschenschaftlichen Sauf- und Fechtkult die obligatorische Männlichkeitsprobe besteht, vor dem Hintergrund von dessen Milieu lebendig werden.
Max Weber, ab 1894 Professor für Nationalökonomie in Freiburg und ab 1896 in Heidelberg, „stopft sein Leben und sich voll, mit Terminen, Lektüren, Aufträgen, Arbeiten, Essen, Bier“. An der Gehetztheit des Gelehrten ändert auch die 1893 geschlossene „Gefährtenehe“ mit Marianne, seiner Nichte zweiten Grades, nichts. Zunehmende Depressionen werden durch intensive Arbeit bekämpft, was zu starken gesundheitlichen Problemen und schließlich zum Zusammenbruch führt.

Dem fünfjährigen fast vollständigen Rückzug aus dem akademischen Leben folgt 1904 mit "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" dann plötzlich der erste Teil jener Schrift, die Webers späteren Ruhm begründet: Für seinen Biographen ist diese besondere Konstellation gerade deshalb wichtig, weil der Zusammenhang zwischen Lebensführung, Nervenkrise und Werk weder eindeutig noch kausal bestimmbar sei: „Was die ‚Leerstelle‘ der Jahre zwischen 1899 und 1903 in der Biographie Max Webers so bemerkenswert macht, ist die Tatsache, daß genau in dieser Zeit der gemütskranke, zu keinerlei öffentlicher Kommunikation oder anhaltender Arbeit fähige Reisende das Werk entworfen haben muß, das ihn weltberühmt machen sollte: seine Studie über den historischen Zusammenhang zwischen protestantischer Berufsethik und modernem Kapitalismus.“

Kaube erläutert prägnant die Genese dieses soziologischen Klassikers, der all seine Widerlegungen überlebt und selbst von denen zitiert wird, die kein Wort davon gelesen haben. Und er schildert eindringlich Webers weiteres Leben und Wirken: die Zerrissenheit einer Existenz, der mehr an Konflikten als an der Karriere gelegen war, die anfängliche Begeisterung für den Krieg, die in Ernüchterung umschlägt und zur Abkehr von der Politik führt, die späte erotische Erfüllung mit Mina Tobler und Else Jaffé, die Rückkehr an die Universität und die immer größeren öffentlichen Auftritte, die Auseinandersetzungen mit Kollegen und Kontrahenten, die Begegnungen mit Staatsmännern, Wirtschaftsführern und Militärs, aber auch mit Dichtern wie Stefan George, an dessen Beispiel Weber sein Modell der charismatischen Herrschaft entwickelt.
Daß es dem Autor gelingt, Leben und Werk des nach Luther und Goethe meisterforschten deutschen Intellektuellen auf gerade einmal gut 400 Seiten darzustellen, ist eine Kunst für sich. Tatsachenhunger, Wertefreiheit und Rationalitätsverständnis – die Begriffe, die Kaube als Hauptmerkmale von Webers Soziologie benennt, lassen sich auch als Tugenden seiner von kritischer Bewunderung getragenen Biographie ausmachen. Dazu gehört auch die Überlegung, warum dieses Leben uns heute noch interessiert. Weber, davon ist Kaube überzeugt, suchte nach Antworten auf Fragen, die uns noch immer beschäftigen. Und daß seine Argumente nach wie vor lebendig sind, liegt nicht zuletzt an den Fragen, die seine Arbeiten aufgeworfen haben.
Matthias Weichelt

Von Matthias Weichelt, 18.10.2014

​Matthias Weichelt ist Chefredakteur der Zeitschrift „Sinn und Form“. Er schreibt unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "Neue Zürcher Zeitung".