Sparte: Belletristik

Norbert Gstrein
Das Handwerk des Tötens

Roman

Buchbesprechung

Der Balkankrieg, eine schöne Helena und drei Journalisten auf der Suche nach der „wahren“ Story: In diesem in vielerlei Hinsicht spannungsvollen Dreieck entfaltet sich Norbert Gstreins jüngster Roman Das Handwerk des Tötens, für den er kürzlich mit dem renommierten Uwe-Johnson-Preis ausgezeichnet wurde. Wie kann man angemessen über den Krieg schreiben, und sollte man in Zeiten einer umfassenden Medialisierung überhaupt noch Romane schreiben? Das sind die großen Fragen, welche die drei männlichen Protagonisten dieses Romans und natürlich auch den Autor Gstrein umtreiben.

Norbert Gstrein widmet sein Buch dem Stern-Reporter Gabriel Grüner, der im Sommer 1999 im Kosovo erschossen wurde. Grüners Schicksal, „über dessen Leben und dessen Tod ich zu wenig weiß als dass ich davon erzählen könnte“, war jedoch nur der Anstoß für Gstreins keineswegs dokumentarischen Romans. In den Mittelpunkt seines Erzählens stellt Gstrein statt dessen den fiktiven österreichischen Kriegsberichterstatter Christian Allmayer, der von den ersten Kampfhandlungen an über den Zerfall Jugoslawiens berichtet hat und ebenfalls 1999 bei einem Hinterhalt im Kosovo umkommt.

Dieser Journalist hinterlässt neben seinen veröffentlichten Kriegsreportagen auch eine Vielzahl von privaten Aufzeichnungen sowie den Tonband-Mitschnitt eines Interviews mit dem kroatischen Warlord Slavko. Dieses Interview mit einem der vielen „Handwerker des Tötens“ ist nicht nur die Schlüsselszene in Allmayers Leben, sondern auch des gesamten Romans. Denn mit der Antwort, die Allmayer darin auf die zentrale Frage „Wie ist es, jemanden umzubringen?“ erhält, wird er selbst in die Frage von Schuld und Verantwortung hineingezogen und bekommt zugleich am eigenen Leib die Amoral des Krieges zu spüren. Als deren Resultat nämlich ist auch sein Tod zu verstehen.

Das dramatische Schicksal Allmayers stellt für seinen Freund Paul, ebenfalls Journalist und mäßig erfolgreicher Reiseschriftsteller, den willkommenen Anlaß dar, endlich sein seit Jahren vor sich her geschobenes Romanprojekt zu realisieren. Trotz aller Trauer und allen Entsetzens über die schreckliche Tat scheint der „Fall Allmayer“ ihm den ersehnten „plot“ für seinen großen Roman zu liefern. Besessen von dem Gedanken, das Geheimnis um den gewaltsamen Tod seines Freundes zu enthüllen, beginnt er, exzessiv über Allmayers Leben und dessen journalistische Arbeit zu recherchieren. Unter anderem reisen er, seine aus Dalmatien stammende Lebensgefährtin Helena und ein befreundeter Journalist, der zugleich der namenlose Ich-Erzähler des Romans ist, durch die früheren Kampfgebiete in Kroatien und Bosnien.

In seinem Wahn, die „wahren“ Zusammenhänge von Allmayers Tod auf dem Balkan herausfinden zu wollen, verstrickt Paul sich immer tiefer in ein Gespinst von Rekonstruktionen, Mutmaßungen und Legendenbildungen. Am Ende muß er jedoch desillusioniert erkennen: „Ein Toter macht noch keinen Roman“. Leben und Schreiben, Realität und Fiktion sind für ihn schließlich nicht mehr zu trennen, so dass er selbst seine Lebensgefährtin Helena nur noch in der ihr zugewiesenen Rolle als „erstem Verbindungsoffizier zu meiner Romanwirklichkeit“ wahrnimmt. So bleibt ihm nur noch die traurige Konsequenz, sich mit dem Scheitern seines Romanprojekts ebenfalls aus dem Leben zu verabschieden.

In einem Zagreber Hotelzimmer begeht er Selbstmord und hinterlässt statt eines Abschiedsbriefes nur den einen Satz Ich werde nicht mehr schreiben aus Cesare Paveses Das Handwerk des Lebens. Er dokumentiert damit das prekäre Verhältnis zwischen dem Handwerk des Tötens und dem Handwerk des Schreibens. Ebenso wie zuvor Allmayer geht auch Paul am Schreiben über den Krieg und dessen Folgen für das Individuum zugrunde. Vor Ort muß er erkennen, dass es „Landschaften nach der Schlacht“ sind, durch die er fährt, und dass es für jegliches Schreiben darüber von vornherein zu spät war, weil „sich mit dem Geschriebenen kein Toter mehr zum Leben erwecken“ läßt.

Nach Pauls traurigem Ende sieht der namenlose Ich-Erzähler es als seine moralische Pflicht an, dessen Romanprojekt zu vollenden. Und das Ergebnis dieser dritten Annäherung an die Unmöglichkeit, vom Krieg zu erzählen, ist der vorliegende Roman. Der Ich-Erzähler ist „vom gleichen Übel gepackt“ wie Paul, nämlich „von dem Traum, irgendwann einen Roman zu schreiben, der einem das Leben erträglich machen sollte, einen entschädigen, ohne dass ich sagen könnte, wofür“.

Analytisch rollt der Ich-Erzähler die gesamte Geschichte – sowohl die von Allmayer als auch die von Paul und Helena – auf. Bewußt liefert er damit einen Gegenentwurf zu Pauls zunehmend von Realitätsverlust gekennzeichnetem Schreiben und Leben. Insbesondere schreibt er an gegen Pauls Absicht, Helena in seinem Roman sterben zu lassen. Und sein Impuls, das Verhältnis von Realität und Fiktion zu korrigieren, ist sehr vital: Der Ich-Erzähler ist ebenso wie Paul in die schöne Helena verliebt.

Gstreins Text ist offensichtlich eine – auf den ersten Blick – nicht ganz unkomplizierte narrative Versuchsanordnung: Aus der Konstruktion einer dreifachen Vermittlungsinstanz (ganz zu schweigen von der Anspielung auf Joseph Conrads Almayer’s Folly) resultiert zwar einerseits eine Distanzierung vom Kriegsgeschehen, andererseits gewinnt Gstrein dadurch aber den literarischen Freiraum, gerade die Entwirklichung und Vermitteltheit jeglicher Kriegsdarstellung eindringlich darstellen zu können.

Das Handwerk des Tötens leistet damit erstens einen literarischen Beitrag zur nach wie vor aktuellen Debatte um die mediale Konstruktion von Wirklichkeit und die Funktionalisierung von Kriegsberichterstattung. Zweitens illustriert der Roman Gstreins These von der Unmöglichkeit, die Wahrheit eines Geschehens auf einen festen und allgemeingültigen Sinn zu reduzieren. Und drittens, und das ist das Entscheidende, gelingt es Gstrein, diese komplexen sprach- und erkenntnistheoretischen Überlegungen im Gewand einer detektivischen Spurensuche zu präsentieren. Gepaart mit vielen realistischen Reiseeindrücken und einer Dreiecks-Liebesgeschichte wird daraus eine sehr vielschichtige und faszinierende Geschichte.

In einer wohltuend distanzierten, zugleich aber insistierenden und genau beobachtenden, Sprache und mit großer stilistischer Souveränität führt Gstrein mit seinem jüngsten Roman vor, wie man frei von Klischee und Pose und jenseits von Stilisierung und Reportagejargon von den Schrecken des Krieges erzählen kann.
Anne-Bitt Gerecke

Von Anne-Bitt Gerecke, 27.01.2004