Sparte: Sachbuch

Jörg Baberowski
Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt

Sachbuch

Buchbesprechung

​Russische Provinz im Jahr 1937; Bezirkskonferenz der KPdSU: Einstimmig wird am Ende ein Schreiben an Stalin gen Moskau verabschiedet. Stehende Ovationen brechen sich Bahn. Sechs, sieben, acht Minuten. Der frenetische Applaus der gespielten Kollektivekstase will nicht enden. Denn: Wer als erster zu klatschen aufhört und „Väterchen“ die Ehrerbietung versagt, macht sich in den Augen der allgegenwärtigen NKWD-Agenten verdächtig. Erschöpft fasst sich der Direktor einer Papierfabrik in der elften Minute schließlich ein Herz und lässt sich atemlos in seinen Stuhl sinken. Erleichtert tun es ihm alle anderen nach. „Allein an solchen Taten werden unabhängige Leute erkannt. Erkannt und festgenagelt: In selbiger Nacht wird der Direktor verhaftet.“

Mit dieser Episode aus Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ beginnt Jörg Baberowski seine monumentale Studie „Verbrannte Erde - Stalins Herrschaft der Gewalt“. Eine Episode, die der Berliner Historiker kaum besser hätte wählen können. Veranschaulicht sie doch en miniature bereits seine zentrale These: Urheber und Regisseur des bolschewistischen Terrors war stets Josef Stalin – ein unumschränkter Diktator, der selbst in effigie noch als Choreograph des Schreckens auftrat.
Dass Stalin der Schöpfer des Stalinismus war, mag zunächst logisch klingen. Ist es aber nicht. Zumindest nicht im Lichte der neueren Geschichtswissenschaft. Denn diese verbucht die Millionen Toten vielmehr als Produkt der sowjetischen Turbomodernisierung und des Wirkens eines „Stalinismus von unten“, einer mörderischen Eskalationsdynamik sozialer und weltanschaulicher Kämpfe innerhalb des riesigen Vielvölkerreichs.

Mit „Verbrannte Erde“ schickt Jörg Baberowski sich nun an, diese Argumentation zu widerlegen. Und das kann zunächst deshalb überraschen, weil er sie lange Zeit selbst vertrat. In seiner 2003 erschienen Untersuchung „Der Rote Terror“ folgte auch er noch den Thesen des polnischen Soziologen Zygmunt Baumann, indem er Stalins Gewaltherrschaft aus dem „Streben nach Eindeutigkeit, der Überwindung von Ambivalenz und der Ordnungswut des modernen Gärtnerstaats“ erklärte.
Mit akribischer Quellenarbeit und in einem fesselnden Erzählstil gelingt es Baberowski nun aber faktenreich darzulegen, dass der Blutrausch der Stalin-Ära nicht ideologischen oder soziostrukturellen Zwängen, sondern vor allem dem Willen des Diktators gehorchte. Rechtfertigte Stalin den Terror zwar stets als historischen Hobel des kommunistischen Weltgeistes, so zeigt Baberowski hier, dass ihm der Traum vom Neuen Menschen nur als heilsgeschichtliches Kostüm einer massenmörderischen Machtpolitik diente, deren Ziel die skrupellose Selbsterhaltung einer vormodernen Personendiktatur war.

Doch wie gelang es dem ehemaligen Bankräuber Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, derart viel Macht zu konzentrieren? Eingehend analysiert Baberowski zunächst, wie Stalin nach dem Tod Lenins einen rasanten Aufstieg zum Apparatschick vollzog. Im Gegensatz zu seinen Konkurrenten Trotzki und Bucharin wusste Stalin, der Politik schon immer mit mafiösen Methoden praktizierte, sich nämlich effektiv im Klientelsystem der Nomenklatura zu bewegen. An der Spitze des Kremls angekommen, bestand seine erste Säule der Macht dann konsequenterweise in der Installation eines engmaschigen Systems persönlicher Treuebeziehungen. Dabei scharte er vor allem proletarische Aufsteiger um sich, die ihm den Karrieresprung mit unbedingter Loyalität dankten. Noch entscheidender war indes die zweite Säule. Durch willkürliche Verhaftungen und Erschießungen schuf Stalin eine Atmosphäre der Paranoia. Selbst seine Vertrauten konnten sich nie in Sicherheit wiegen.
Zu Stalins Machtmanagement gehörten nämlich nicht nur ritualisierte Demütigungen seiner Kamarilla, sondern er schreckte auch nicht davor zurück, engste Weggefährten hinrichten zu lassen. So wie Nikolai Jeschow, seinen einst willfährigsten Bluthund. Der langjährige NKWD-Chef, der dem Großen Terror, der Jeschowschtschina, seinen Namen gab, wurde schließlich exekutiert und sogar posthum von offiziellen Fotos retuschiert. Viele andere Getreue entgingen diesem Schicksal nur, weil sie rechtzeitig Selbstmord begingen. Kurz gesagt: „Aus Stalins Orbit gab es kein Entkommen. Man war entweder Opfer oder Täter oder wählte den Freitod.“

Im Vorwort bekennt Baberowski, dass ihn die monströse Gewalt beim Schreiben des Buches bis in die Träume verfolgte. Auch manchem Leser mag es so ergehen. Wenn man bei der Lektüre nämlich immer tiefer in diese minutiös dokumentierte Hölle der sowjetischen Bloodlands absteigt, so erscheint einem der Dauerexzess des Tötens mitunter schwer erträglich. Doch vermittelt „Verbrannte Erde“ gerade dadurch ein präzises Bild der stalinistischen Ära, die spätestens mit dem Großen Terror 1937/38 alle Vorstellungen sprengte. Denn als Direktor des sowjetischen Menschenparks forcierte Stalin eine willkürliche Entgrenzung des Terrors. Ende Januar ’38 gab er beispielsweise den Befehl, dass bis Mitte März noch einmal 57 200 „Volksfeinde“ verhaftet und davon 48 000 erschossen werden sollten. „Die Gewalt“, urteilt Baberowski, „wurde so sehr zur Selbstverständlichkeit, dass Begründungen zur Selbstrechtfertigung von niemanden mehr benötigt wurden.“ Dementsprechend fällt auch allein die zweijährige Bilanz des Großen Terrors schier unfassbar aus: 1 575 259 Menschen wurden verhaftet, davon 1 344 923 verurteilt – 681 692 zum Tode.

Stalins zentrale Herrschaftstechnik bestand somit in einer Shock-and-Awe-Strategie, die jeden Widerstand im Keim erstickte. Paradoxerweise war seine persönliche Machtposition also deshalb so stabil, weil sie auf der permanenten Destabilisierung des Systems beruhte. Indem der Diktator wie auf Knopfdruck paralysierende Schockwellen durch sein Imperium sandte, inszenierte er einen chronischen Ausnahmezustand, der es ihm ermöglichte, nahezu beliebig walten zu können. Stalin hatte das berühmte Diktum Carl Schmitts zutiefst verinnerlicht: Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.

Freilich bedurfte es hierfür abertausender willfähriger Helfer. Doch illustriert Baberowski nachvollziehbar, dass diese oft weniger aus ideologischer Überzeugung, denn aufgrund des allgegenwärtigen Kreislaufs von Angst und Denunziation handelten. Die KP-Kader und NKWD-Offiziere waren so sehr mit dem eigenen Überleben beschäftigt, dass sie Stalins Gunst um keinen Preis verlieren durften. Und dies gelang nur, wenn man reichlich Blutzoll zahlte. In vorauseilendem Gehorsam erbaten Stalins Schergen deshalb immer wieder die Todesquoten zu erhöhen, um noch mehr „menschlichen Abfall“ entsorgen zu können. Der Diktator dirigierte die Funktionäre wie ein Puppenspieler und behielt die Fäden des Terrors dabei stets in der Hand. Denn alle wesentlichen Mordkommandos wurden von ihm erteilt, zumindest abgesegnet. Jede Eigenmächtigkeit von Provinzfürsten hingegen drakonisch bestraft. Den Chef der kasachischen KP ließ Stalin beispielsweise nur deshalb erschießen, weil dessen Konterfei auf einem örtlichen Demonstrationsplakat das des Diktators überragte.
„Verbrannte Erde“ gibt einen buchstäblich erschreckend klaren Blick auf Stalins Gewaltregime und zeigt eindrücklich, dass es – zumindest in dieser Form – keinen Stalinismus ohne Stalin gegeben hätte. Deshalb musste dieser auch erst sterben, damit die Willkür des Terrors 1953 von Chruschtschow beerdigt werden konnte. Mancher wird sich an Baberowskis Studie indes reiben. Weniger weil sie sich einige theoretische Inkonsequenzen leistet, sondern weil sie den eingeübten Blick auf den Stalinismus neu ausrichtet. Aber gerade deshalb trifft zu, was bereits die Jury der Leipziger Buchmesse hervorhob, als sie „Verbrannte Erde“ mit dem diesjährigen Preis für das beste Sachbuch auszeichnete: Wer sich in Zukunft mit dem Stalinismus befasst, kommt an diesem Buch nicht vorbei.
Nils Markwardt

Von Nils Markwardt, 18.11.2012

​Nils Markwardt arbeitet als freier Autor und schreibt u.a. für Literaturen und der Freitag.