Sparte: Sachbuch

Michael Hampe
Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik

Sachbuch

Buchbesprechung

​Die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre Kinder“ - dieser Ausspruch des Girondisten-Führers Verginiaud angesichts des Terrors der heißlaufenden Guillotinen beschreibt auch das Verhältnis der modernen Naturwissenschaften zu den Geisteswissenschaften und den schönen Künsten: Die neuzeitlichen Denker lieferten mit ihren Methoden- und Theoriediskursen die Folie für einen atemberaubenden naturwissenschaftlichen und technischen Fortschritt. Was allerdings das gesellschaftliche Renommee und natürlich heute auch die Zuteilung von überlebensnotwendigen Finanzen angeht, scheint sich der „Erfolg“ der Natur zum „Misserfolg“ der Geisteswissenschaften und Künste umgekehrt proportional zu entwickeln: je imposanter der wissenschaftliche Fortschritt, desto arroganter der Blick auf die humanities, die Eierschalen der Wissenschaft.
Was dieses für viele Beobachter (auch für den Philosophen Michael Hampe) längst ungeheure Zeitalter der Technik so selbstbewusst macht, ist der universale Anspruch, den es mit seinen wissenschaftlichen Grundfertigkeiten des Erklärens und Deduzierens erhebt. Die doch recht zahlreichen kritischen Kränkungen des wissenschaftlichen Selbstbewusstseins von Kant über Wittgenstein und Gödel bis Feyerabend ändern nichts daran: Man kann heute das Wissenschaftssystem als totalitär bezeichnen - und wie Michael Hampe als „Szientismus“. Den Rest aber, nämlich die Humanwissenschaften und die Künste werden abgetan als museale oder quasi-therapeutische Mitleids-Institutionen, als „Kultur“-Module für nach Feierabend.
Der Zürcher Philosoph Michael Hampe ist mit seinem 450-seitigem Langessay Die Lehren der Philosophie angetreten – und zwar mit der Wucht eines Hauptwerkes -, um diese Lehren zu kritisieren und gegebenenfalls zu retten; zu retten vor dem allgemeinen, zivilreligiösen Technikgehabe der Massen und Medien und vor den Gebildeten unter den Szientisten wie Donald Davidson oder Thomas Metzinger.

Zunächst erinnert Hampe in seiner tour d’horizon durch 2500 Jahre Geistesgeschichte daran, dass Sokrates, der Archetyp des philosophischen Erziehers, keine Doktrin entwickelte, sondern im Gegenteil Doktrinen kritisiert und entkräftet hat. Ihm ging es um eine Art produktive Verwirrung, die er bei seinen Gesprächspartnern durch seine „Hebammenkunst“ hervorrief und aus der dann eine Ahnung des guten Lebens entstehen konnte. Hampe sieht schon hier die Kraft des Erzählens am Werk, die er - neben dem analytischen Desillusionieren - als die langfristig wirksamen und höchst bewahrenswerten Disziplinen des Denkens beschreibt.

Mit allen Argumenten der klassischen, der analytischen, der postmodernen Philosophie, sowie der strengen Wissenschaftstheorie vertraut, führt er seinen Gedankengang systematisch und historisch verschränkt durch die Zeitalter des abend- und auch morgenländischen Geistes. Dabei springt er elegant und immer aufschlussreich durch die Materien und unterscheidet stets die doktrinär behauptende von der offen erzählenden und desillusionierenden Philosophie. Michael Hampe, argumentiert und kritisiert ebenso brillant wie unterhaltsam und ohne jede philosophische Arroganz. Er endet intensiv und mit überzeugendem Pathos in Mystik und philosophischem Schweigen, denn diese sind nach Hampe die letzten, aber vielversprechenden Konsequenzen der philosophischen Tätigkeit. Hampe erzählt nicht von Witt-genstein als Mystiker, sondern geht auf Meister Eckhard zu-rück, berichtet von quasi zen-buddhistischen Zuständen von (transzendenzloser) Fülle und Leere. Die Lehren der Philosophie, die nach Hampe bestehen werden, sind die erzählenden und die desillusionierenden. Lehren, die der Reflexion einen Raum und einen Horizont geben, und keine, die mit zweifelhafter Begründungskunst Doktrinen vermitteln. Den gesellschaftlichen Skandal, dass diese Form der Philosophie nicht schon an Schulen mit Priorität gelehrt wird, und dass ein „Philosophicum“ nicht mehr für jeden Akademiker Pflicht ist, lässt der Pragmatiker Hampe in seiner ganzen Dringlichkeit aufscheinen. Dieses wunderbar überzeugende und anregende Buch ist Streitschrift und undoktrinäre Philosophie zugleich.
Marius Meller

Von Marius Meller, 18.10.2014

​Marius Meller hat Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaft studiert und war Redakteur für Literatur bei der Frankfurter Rundschau und beim Berliner Tagesspiegel. Heute lebt er als Autor in Berlin und arbeitet als freier Literaturkritiker für Deutschlandradio und Deutschlandfunk.