Sparte: Sachbuch

Michael Hampe
Tunguska oder Das Ende der Natur

Sachbuch

Buchbesprechung

​Am 30. Juni 1908 kam es in dem Waldgebiet am sibirischen Tunguska-Fluss zu einer gigantischen Explosion. Auf einer Fläche von 2000 Quadratkilometern knickten Bäume wie Streichhölzer um, zahlreiche Tierherden verendeten, noch aus 500 Kilometer Entfernung war gleißendes Licht zu sehen. Die Reisenden in der transsibirischen Eisenbahn klagten über eine heftige Druckwelle. Experten gehen davon aus, dass ein Meteoriten-Aufprall die Katastrophe verursacht hat. Weil jedoch weder Einschlaglöcher noch Gesteinsreste gefunden wurden, gilt diese Theorie nicht als endgültig erwiesen – ein denkbar günstiger Nährboden für alternative Deutungsansätze.

Mittlerweile existieren etwa 120 verschiedene Tunguska-Hypothesen: So wollen die einen den am sibirischen Fluss zahlreich umherschwirrenden Insekten die Schuld in die Schuhe schieben („Mückenexplosion“), andere machen Aliens für die Katastrophe verantwortlich oder vermuten dahinter ein misslungenes Experiment des ebenso genialen wie größenwahnsinnigen kroatischen Erfinders Nikola Tesla. Neben Naturwissenschaftlern und Esoterikern hat das Tunguska-Ereignis immer wieder auch Filmemacher und Literaten in seinen Bann gezogen. Thomas Pynchon und Stanislaw Lem gehören zu denen, die ihm in ihren Romanen ein Denkmal gesetzt haben.

Mit Michael Hampe hat nun ein Philosoph den rätselhaften Vorfall zum Titelthema seines Buches gemacht. „Tunguska oder Das Ende der Natur“ heißt diese eigenwillige Schrift, in der sich ein Physiker, ein Biologe und zwei Philosophen in eine theorielastige, aber geschmeidig lesbare Debatte darüber verstricken, was damals in Sibirien tatsächlich geschehen sein könnte. Der das „Ende der Natur“ verheißende Untertitel ist zunächst in einem apokalyptischen Sinne zu verstehen, denn die Diskussion findet nach einem fingierten nuklearen Weltuntergang auf einem im Nirwana umher schippernden Geisterschiff statt. Hampe knüpft hier an die literarische Tradition der Totengespräche an.

Das Gespräch seiner vier schemenhaften Herren ist dafür umso lebhafter. Schnell weitet sich ihr Schlagabtausch um den Einzelfall – die „Naturkatastrophe“ Tunguska – zum Streit um Grundsätzliches aus, um die große philosophie- und wissenschaftsgeschichtliche Frage nach „der Natur“ in und außerhalb des Menschen – diesem heillos überfrachteten Konzept, das mit Sokrates in die Welt kam, der einst das Reich der Natur vom Reich des Geistes und der Moral schied. Seither habe sich, so Hampe, ein regelrechter „Denkzwang“ entwickelt, der uns gar keine andere Wahl lässt, als unter der „Natur“ das „Andere“ zu verstehen; ein Anderes, das der Technokrat zu beherrschen trachtet, während der Umweltaktivist es zu beschützen sucht, der Lyriker es besingt und dessen Gesetzmäßigkeit der Naturwissenschaftler zu erkennen glaubt.

In Hampes Quartett nun ist es unverkennbar der Physiker Tscherenkow, bei dem dieser „Denkzwang“ besonders ausgeprägt ist. Natur ist für ihn nichts anderes als gesetzmäßige Struktur, ein mathematisches Gebilde, darin erschöpfe sich ihr „Wesen“. Während sich hinter dieser extremen Wissenschaftsgläubigkeit die Positionen des amerikanischen Nobelpreisträgers Steven Weinberg verbergen, verweisen die übrigen drei Figuren bereits durch ihre Namen auf die realen Vorbilder, deren Thesen sie mehr oder weniger eindeutig wiedergeben. So ist der Biologe namens Bordmann mit seiner Technikkritik und seiner Parteinahme für das Animalische und Organische ein Wiedergänger des Schweizer Zoologen Adolf Portmann. Blackfoot erinnert an den Philosophen und Mathematiker Alfred North Whitehead und der allen überlegene Feierabent ist ein Double des großen Wissenschaftstheoretikers Paul Feyerabend.

Auch zwischen den beiden Philosophen gibt es Divergenzen, doch in ihrer entscheidenden Kritik an den Thesen der Naturwissenschaftler sind sie sich einig: Beide wollen sich nicht darauf einlassen, den Fall Tunguska als Teil einer gesetzmäßig strukturierten Totalität zu kategorisieren. Tunguska, das steht für Blackfoot und Feierabent fest, bleibt etwas Singuläres, ein nicht weiter klassifizierbarer Sonderfall und ist gerade deshalb so typisch für die komplexe Zusammensetzung, die wir „Leben“ oder „Natur“ nennen.

Dass auch Hampe die Ansichten der beiden letztgenannten teilt, zeichnet sich allmählich in dem fiktiven Vierer-Gespräch ab. In einem anschließenden naturphilosophischen Essay bezieht der an der ETH Zürich lehrende Philosoph noch einmal unmissverständlich Position. So ist die rätselhafte Formulierung vom „Ende der Natur“ vor allem als Aufforderung zu verstehen, die Individualität und Vielfalt der Welt nicht einem voreiligen Systemdenken zu opfern. Es geht hier um einen Abschied vom Naturbegriff, insofern er „Gesetzmäßigkeit“ und „Ganzheit“ suggeriert, um die Entzauberung einer „Natur“, der ein „Wesen“ unterstellt wird, das sie zum ontologischen Gegensatz von Kultur und Technik werden lässt. Für Hampe sind dies Einheits- und Ganzheitsfiktionen, die den wahren Charakter der Phänomene verdecken. Denn alles auf der Welt, so der Gedanke, für den wir den Kopf wieder frei bekommen sollen, ist unwiederholbar und einmalig, ein kleines Ereignis. In besonderer Weise gilt dies auch für Hampes Buch.
Marianna Lieder

Von Marianna Lieder, 18.07.2012

​Marianna Lieder ist seit 2011 Redakteurin beim „Philosophie Magazin“. Als freie Journalistin und Literaturkritikerin arbeitet sie u. a. für den Tagesspiegel, die Stuttgarter Zeitung und Literaturen.