Sparte: Belletristik

Bettina Wilpert
Nichts, was uns passiert

Roman

Was überall passiert

Auf den ersten Blick könnte man meinen, Bettina Wilperts Debütroman nichts, was uns passiert sei ein Beitrag zur „Me too“-Debatte. Die aber hatte, als das Buch entstand, noch gar nicht begonnen. Es geht in dem Roman allerdings um einen jungen Mann, der Sex mit einer jungen Frau hat, die das in diesem Augenblick nicht will. Die Geschichte kreist um die Frage, ob es sich bei dem Vorfall um eine Vergewaltigung gehandelt hat oder nicht. Aus der Sicht einer anonymen Erzählstimme, die reporterhafte Züge hat, wird diese Frage von verschiedenen Seiten beleuchtet. Dass es keine eindeutige Antwort gibt, macht den Roman zu einem spannenden literarischen Experiment.

Die Handlung spielt in einem Umfeld, in dem nach gängigen Vorstellungen „so etwas nicht passiert“: Bettina Wilpert führt uns ins Universitätsmilieu von Leipzig, der angesagtesten und coolsten unter den ostdeutschen Städten, und da sie selbst dort lebt, kann sie ein hohes Maß an Authentizität herstellen, obwohl sie kein reales Ereignis, sondern einen konstruierten Fall verarbeitet. Anna, Ende zwanzig, aus einer ukrainischen Immigrantenfamilie stammend, hat ihr Sprachenstudium abgeschlossen und jobbt in einer Kneipe, der etwa gleichaltrige Jonas promoviert über ukrainische Popliteratur. Die beiden lernen sich durch gemeinsame Freunde kennen, finden viel Gesprächsstoff, vor allem in politischen Diskussionen, und schlafen einmal miteinander, ohne sich emotional zu engagieren.

Auf einer Party in Jonas‘ Wohngemeinschaft sehen sie sich wieder, Anna betrinkt sich heftig, Jonas bringt sie in sein Zimmer und will plötzlich Sex. Anna ist zu kraftlos, um sich zu wehren. Später wird sie berichten, sie habe „nein“ gesagt; Jonas behauptet, es nicht gehört zu haben. Als sie aufwacht, fühlt Anna sich missbraucht und traumatisiert. Nach drei Monaten zwischen Depression und ohnmächtiger Wut zeigt sie Jonas bei der Polizei an. Das Ermittlungsverfahren wird eingestellt, da kein Beweis für Gewaltanwendung vorliegt. Im Freundes- und Bekanntenkreis aber bilden sich, sobald die Sache sich herumspricht, harte Fronten, und Jonas wird, auf den bloßen Verdacht hin, sozial isoliert.

Bettina Wilpert hat für ihren Roman in Internetforen von Betroffenen recherchiert, sie hat eine Sozialpädagogin, eine Juristin, eine Psychologin und eine Kriminalkommissarin befragt. Ihre Sprache ist knapp, nüchtern, kunstlos bis auf einige Wendungen, mit denen sie den Protokollcharakter der Erzählung hervorhebt. Trotz dieser Lakonie erzeugt sie Anschaulichkeit und ermöglicht die Einfühlung in die wechselnde Perspektive aller Beteiligten, der beiden Hauptfiguren wie der zahlreichen Beobachter, die zu Wort kommen. Indem die Autorin streng neutral bleibt und sich jedes moralischen Urteils enthält, erreicht sie ihr Ziel, die Leser zum Nachdenken anzuregen über den Umgang der Gesellschaft mit sexuellen Übergriffen und deren psychologischen, juristischen und gruppendynamischen Folgen. Ein hochaktuelles Buch, das zugleich Einblicke in das Leben junger Deutscher zwischen Hochschulcampus und Großstadtszene vermittelt.
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 20.12.2018

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.