Sparte: Belletristik

Francis Nenik
Reise durch ein tragikomisches Jahrhundert. Das irrwitzige Leben des Hasso Grabner.

Roman

Der begabte Egoist

Der Schriftsteller Francis Nenik ist einer der großen Unbekannten in der deutschsprachigen Literatur: Sein Autorenname ist ein Pseudonym; von ihm selbst weiß man nur, dass er 1981 geboren wurde, in der Nähe von Leipzig aufgewachsen ist und sich neben seiner schriftstellerischen Arbeit in der Landwirtschaft betätigt. Wenn man all das überhaupt glauben darf.

Unglaublich allerdings ist auch die Geschichte, die Nenik für sein neues Buch ausgegraben hat – ironischerweise bei den Recherchen zu einem Essay über vergessene Dichter. In einem DDR-Autorenlexikon stieß Nenik auf Hasso Grabner. Ein Mann, dessen Name heute kaum noch jemand kennt und dessen Leben bislang unerzählt blieb, obwohl es Stoff für gleich mehrere Romane hergegeben hätte. Und so hat Nenik sich an die Arbeit gemacht. Die Biografie seines Helden erzählt er nicht in breit ausgewalzten, rührseligen Episoden. Stattdessen bedient Nenik sich eines knappen und eleganten Stils, der die Brillanz seines Autors durchaus nicht verbirgt. Die Sprunghaftigkeit der Erzählung entspricht der Quirligkeit, mit der Hasso Grabner selbst durch die historischen Wendungen des 20. Jahrhunderts gefegt ist.

Grabner sei, so formuliert es Nenik, „der Chronist einer Groteske namens Geschichte“ und habe sich stets dort aufgehalten, wo diese Groteske gerade fabriziert worden sei. Geboren 1911 in Leipzig, wächst Grabner in diversen Pflegefamilien auf und hat bereits in frühen Jugendjahren Kontakt zu sozialistischen und kommunistischen Organisationen aufgenommen. Als der Schelm, der er ist, wird er später der SED gegenüber angeben, er habe im Rahmen seiner kindlichen Möglichkeiten ab 1918 an den bewaffneten Kämpfen für die gerechte Sache teilgenommen. Grabner ist ein Produkt der unübersichtlichen Epoche: Irrlicht, Agitator und Opfer zugleich; ein schlauer Kopf und ein Hallodri.

Die Nationalsozialisten stecken ihn im Mai 1935 wegen seiner politischen Umtriebe ins Zuchthaus. Als Grabner im August 1938 das Gefängnis verlässt, wartet vor der Tür die Gestapo auf ihn und bringt ihn ins KZ Buchenwald. Dort wiederum gelingt es ihm, dem gelernten Buchhändler, eine Anstellung in der Lagerbibliothek zu ergattern. Eine Kapsel inmitten des Schreckens. Und ein starkes Bild dafür, wie Grabner sich durch die tödlichen Gefahren der Epoche hindurchnavigiert. „Grabner“, so schreibt Nenik treffend. „war zu klein, um aufzufallen, und zu groß, um von der Geschichte immer nur weggerissen zu werden.“

Das zeigt sich besonders deutlich im zweiten Teil des Buchs, in dem sich Nenik Grabners Wirken in der DDR widmet. Er beginnt, Romane zu schreiben und wird in den Schriftstellerverband aufgenommen. Doch überall, wo Grabner wirkt, begegnen die ideologisch verhärteten Betonköpfe ihm mit Misstrauen: Ein begabter Egoist sei dieser Grabner, so steht es in einem Bericht. Wann immer man versucht, ihn für sein Freidenkertum abzustrafen, fällt er erst recht auf die Füße. Für zwei Monate fungierte er im Jahr 1946 als Intendant des MDR; er leitete das Kombinat Schwarze Pumpe und war maßgeblich beteiligt am Aufbau der Jugendorganisation FDJ. Nur konform und parteitreu konnte Grabner sich eben nie verhalten. Andererseits aber konnte er jedem SED-Bezirksausschuss bei kritischen Nachfragen seine Widerstandskämpfer-Vergangenheit unter die Nase reiben.

Seit 1961 wurde Grabner von der Stasi überwacht. Er schrieb diverse Romane, hatte zwischenzeitlich Publikationsverbot und starb schließlich im Jahr 1976. Dass jetzt jemand seine Geschichte auf so unterhaltsame Weise erzählt, ohne die Tragik dieser Biografie zu verkennen, ist ein später Triumph.
Christoph Schröder

Von Christoph Schröder, 15.01.2019

​Christoph Schröder, lebt als freier Autor (Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Die Zeit) in Frankfurt am Main und ist Dozent für Literaturkritik an der dortigen Universität.