Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Jochen Voit
Hamed Eshrat (Illustrator)

Nieder mit Hitler! oder warum Karl kein Radfahrer sein wollte

Graphic Novel

Wo Unrecht zu Recht wird. Die Geschichte einer Widerstandsgruppe Jugendlicher in der NS-Zeit als Graphic Novel

Wie könnte man heute junge Menschen, vor allem Zehn- bis Vierzehnjährige, für das interessieren, was ihre Urgroßväter und Urgroßmütter in der Zeit des nationalsozialistischen Terrorregimes in Deutschland von 1933 bis 1945 erfahren haben? Wie sie lebten. Ob sie sich von Angst leiten ließen, von Gleichgültigkeit oder Mut. Ob sie sich anpassten oder ob sie das System hassten. Ob sie duldeten, innerlich emigrierten oder ob sie kämpften. - Tatsächlich gibt es eine Reihe hervorragender Kinder- und Jugendromane, die sich mit der Zeit der faschistischen Diktatur in Deutschland und den während des Zweiten Weltkriegs okkupierten Ländern befassen.
 
Der Historiker Jochen Voit und der Comic-Künstler Hamed Eshrat rücken nun das Leben von fünf Jugendlichen im NS-Staat auf eine ganz besondere Weise ins Bild, in der Graphic Novel „Nieder mit Hitler! Oder Warum Karl kein Radfahrer sein wollte“ („Radfahrer“ ist hier auch metaphorisch zu verstehen: Derjenige, der nach oben buckelt und nach unten tritt).
 
Ja, es gibt auch Comics und Graphic Novels, die sich glaubwürdig mit dem Thema befassen, angefangen mit Art Spiegelmans „Maus“. Voits und Eshrats Geschichte, die die Erfahrungen von fünf jungen Menschen aus der thüringischen Stadt Erfurt beleuchtet, fällt allerdings aus dem Rahmen der üblichen Bild-Erzählungen. Sie beruht auf der wahren Lebensgeschichte und den Erinnerungen des nunmehr 91-jährigen evangelischen Pfarrers Karl Metzner. In den frühen 1940er Jahren lernte er auf der Handelsschule den Fabrikbesitzerssohn Jochen Bock kennen. Jochen war, spätestens nachdem sein geliebter älterer Bruder 1942 an der Ostfront gefallen war, ein überzeugter Gegner des Nationalsozialismus und Verteidiger demokratischer und humanistischer Gedanken. Karl, der einem sozialdemokratischen Elternhaus entstammt, wurde ihm zum Seelenverwandten. Sie hörten heimlich verbotene ausländische Radiosender – wofür allein schon martialische Strafen drohten. Im Sommer 1943 gründeten sie, zusammen mit drei Schulfreunden, eine Widerstandsgruppe und druckten und verteilten Flugblätter mit Texten des antifaschistischen Nationalkomitees Freies Deutschland. Bereits kurze Zeit später wurden sie von Mitschülern denunziert, von der Geheimen Staatspolizei verhaftet und wegen „Hochverräterischer Umtriebe“ angeklagt. Der befürchteten Todesstrafe entgingen sie nicht zuletzt deshalb, weil ihr Klassenlehrer, Mitglied der NSDAP, ihnen ein gutes Leumundszeugnis ausstellte. Karl wurde nach achteinhalb Monaten Haft aus der Strafanstalt entlassen.
 
Tragische Ironie der Geschichte: Karl Metzner geriet als Geistlicher in der sozialistischen DDR noch einmal ins Visier der Staatsicherheitsbehörden. Man versuchte, ihn zu erpressen und für Spitzeldienste in Kirchenkreisen anzuwerben. Nachdem dies misslang, wurde er wiederum zum Staatsfeind. Er war Mitbegründer der unabhängigen Friedensbewegung und wurde 1989 einer der Akteure der Friedlichen Revolution, die zum Ende der DDR führte. Auf den letzten Seiten der Graphic Novel, die die Ereignisse im NS-Staat und in der DDR aus Karls Sicht nacherzählt, findet man eine Illustration, die den Geistlichen unter einer Vielzahl von Menschen zeigt, die für eine demokratische Öffnung ihres Landes demonstrieren. Das Bild wird von einem Transparent beherrscht, dessen Aussage auch das Leitmotiv der Geschichte ist: „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht“.
 
Jochen Voit und Hamed Eshrat filtern diese These im Lauf von Karls Ich-Erzählung nicht als kategorischen Imperativ aus dem mutigen Verhalten der fünf Schüler heraus. Sie zeigen vielmehr am alltäglichen Leben junger Menschen, die in einer Diktatur aufwachsen, wie schwierig, ja lebensgefährlich das Insistieren auf eigener Integrität, auf offenem Umgang mit Wahrheit und Mitgefühl unter solchen Lebensverhältnissen ist. Der Autor – kongenial begleitet vom Illustrator - belegt eindringlich, mit welchen Konsequenzen Individualisten wie Jochen und Karl rechnen mussten, selbst in ihrer naiven und spontanen Form des Widerstands gegen Ungerechtigkeit.
 
Gerade Jugendlichen, die dem Lesen von Romanen nicht unbedingt zugewandt sind, könnte die klassische Form einer Graphic Novel als wunderbarer Türöffner dienen, um der Zeitgeschichte näher zu rücken, sie aus individuellen Blinkwinkeln zu betrachten und mit dem eigenen Leben zu vergleichen. Vor allem dann, wenn die erzählerische und illustratorische Dramaturgie so nachvollziehbar vor Augen liegt, wie in „Nieder mit Hitler!“: In glaubwürdigen Dialogen und spannenden Perspektivwechseln in der Bildgestaltung.
Siggi Seuß

Von Siggi Seuß, 20.12.2018

​Siggi Seuß, freier Journalist, Hörfunkautor und Übersetzer, schreibt seit vielen Jahren Kinder- und Jugendbuchkritiken.