Sparte: Sachbuch

Thomas Bauer
Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt

Sachbuch

Die Bejahung der Vieldeutigkeit

„Tatsächlich sind die Befunde widersprüchlich“, schreibt der Islamwissenschaftler Thomas Bauer in einem Essay, der sich einerseits gegen die Verengung der Welt durch ihre Vereindeutigung richtet und andererseits für „Ambiguitätstolerenz“ wirbt. Was ist das für eine Widersprüchlichkeit, die sich dem Leser da sofort als Problem aufdrängt? Denn ist die Beseitigung von Widersprüchlichkeiten nicht das Kerngeschäft eines aufgeklärten Geistes?

Widersprüchlichkeit, auf die Pflanzenwelt im Jahr 2018 bezogen heißt das zum Beispiel: 30.000 Maissorten weltweit stehen ein paar Dutzend gegenüber, die im größeren Stil überhaupt angebaut werden. Genveränderte Sorten aus dem Labor des Gemüsemonopolisten Monsanto dominieren den Markt. Anderes Beispiel: Traditionelle Religiosität nimmt überall auf der Welt ab. Fundamentalistische Religiosität nimmt gleichzeitig zu. Und um noch ein Beispiel aus dem kulturellen Bereich zu nennen: Museen boomen weltweit. Gleichzeitig verbringen die Besucher nur noch wenige Sekunden vor einem Bild. Das heißt: Die Kunst wird Teil einer allgemeinen Erlebniskultur, sie boomt und wird gleichzeitig egal. „Endlos viel Bedeutung führt zu Bedeutungslosigkeit.“

Was bedeutet oder nicht-bedeutet dies alles nun? Haben wir viel oder wenig Artenvielfalt? Erlebt die Religion einen Boom oder ist das Gegenteil der Fall? Leben wir in einer kunstfreundlichen oder kunstfeindlichen Umgebung? Mit Thomas Bauer müsste man sagen: Alles ist der Fall. Und alles muss deswegen nebeneinander beschrieben werden. Doch wer würde das heute noch aushalten? Weltweit haben wir es heute mit populistischen Politikern zu tun. Alle sprechen sie vermeintlich klare Worte und verfolgen leicht vermittelbare Ziele. In Wahrheit verstricken sie sich in allerlei Widersprüche. Der größte: Demokratische Wahlen werden von ihnen mit demokratiefeindlichen Parolen gewonnen. Wie man gerade bei den amerikanischen Midterm Elections sehen konnte, fügt das ihrer Popularität aber keinen Schaden zu. Thomas Bauer hat eine Erklärung dafür. Er diagnostiziert eine grassierende Unfähigkeit, mit Ambivalenzen umzugehen. Es ist, als könne in einer immer komplexer werdenden Welt die Ambiguität kaum noch ausgehalten werden. Weswegen sie entweder geleugnet wird oder eben zum Selbstzweck erklärt wie vielfach in der modernen Kunst. Bauer hat dafür ein paar kuriose Beispiele parat. Etwa jenes der Daimler AG, die 1989 ihre NS-Verstrickungen aufarbeiten wollte. Und zwar mit einer möglichst unverbindlichen Skulptur zum Gedenken an die Opfer von Zwangsarbeit. Bernhard Heiligers Bodenplastik Tag und Nacht war so abstrakt wie nötig, um die Dinge nicht beim Namen nennen zu müssen. „Das Kunstwerk“, schreibt Bauer, „bedeutete also überhaupt nichts!“

Man kann mit der Ambivalenz also auch eine Menge Schindluder treiben. Thomas Bauer will auf einen anderen Umgang mit ihr hinaus. Es geht ihm nicht darum, die Vielfalt moderner Lebenswelten kulturkritisch zu beklagen, sondern vielmehr unsere zunehmende Unfähigkeit, mit ihr zu leben. Der Clou am heutigen Umgang mit ihr ist nämlich der: „Bedeutungslosigkeit ist ebenso wenig vieldeutig wie nur eine einzige Bedeutung.“ Das heißt, ein Kunstwerk, das so offen ist, dass es alles und nichts bedeutet, ist ebenso totalitär wie ein Kunstwerk, das einer staatlichen Ideologie unterworfen ist. Auf die Religion bezogen gilt gleiches: „Religiöser Fundamentalismus und religiöse Gleichgültigkeit hängen in der Tat eng miteinander zusammen. Sie sind Resultat einer schwindenden Ambiguitätstoleranz in durchbürokratisierten, hochtechnisierten und vor allem kapitalistischen Gesellschaften.“ Nicht umsonst ist es eines der wichtigsten Anliegen der „identitären Bewegung“, widerspruchsfreie Identifikationsangebote für Menschen mit Eindeutigkeitssehnsucht zu machen.
Tatsächlich scheint es eine der größten Herausforderungen unserer Zeit zu sein, Unterschiede auszuhalten, ohne in permissive Dumpfheit zu verfallen. Die Karriere der Begriffe „Authentizität“ und „Identität“ führt Bauer auf ein von Freud schon formuliertes „Unbehagen in der Kultur“ zurück. Ausgerechnet der vormoderne Islam kann einem hier Impulse geben. Der Koran nämlich ist ein Text, der sich in verschiedenen Varianten überliefert hat. Auch die islamischen Juristen waren sich seit jeher uneinig, was Gottes Gesetz (die Scharia) genau beinhalten sollte und verzichteten anders als der heutige IS weitgehend auf drastische Strafen. "In über 1000 Jahren vor dem späten 20. Jahrhundert", schreibt Bauer, habe es "so gut wie keine Steinigung von Ehebrechern und schon gar keine Hinrichtungen wegen einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher sexueller Handlungen" gegeben. Der Zwang zur Eliminierung von Uneindeutigem, der letztlich bis hin zur Etikettierung sexueller Identitäten in der liberalen Gesellschaft reicht, hat etwas mit den Letztbegründungsansprüchen der Moderne zu tun.

Was empfiehlt Bauer also unserer Gesellschaft: „Ambiguität auf ein lebbares Maß zu reduzieren, ohne dabei zu versuchen, sie gänzlich zu eliminieren.“ Denn überall da, wo man versucht hat, Uneindeutigkeit abzuschaffen, wurde alles noch unübersichtlicher. Und überall dort, wo man den Wald vor lauter Bedeutungen nicht mehr sehen konnte, entstand eine gefährliche Leere. Die zunehmende Steuerung von Entscheidungsprozessen durch Algorithmen scheint der Vereindeutigung der Welt in die Hände zu spielen. Dem gilt es entschieden entgegenzuwirken. Politik, Schulen und Kunst im öffentlichen Raum sind jene Institutionen, die eine neue Praktik der Ambivalenztoleranz in Gang setzen können.
 
Katharina Teutsch

Von Katharina Teutsch, 14.12.2018

​Katharina Teutsch ist Journalistin und Kritikerin und schreibt unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, den Tagesspiegel, die Zeit, das PhilosophieMagazin und Deutschlandradio Kultur.