Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Jörg Bernardy
Mann Frau Mensch. Was macht mich aus?

Erzählung

Das Andere macht das Leben interessant

Ein großer Schmetterling fliegt hoch hinaus. Schon das Cover von Jörg Bernardys Buch „Mann Frau Mensch“ schlägt im Bild den Ton des folgenden Textes an. Der Schmetterling ist mythologisch der Mittler zwischen Himmel und Erde, und so dreht sich jedes der sechs Kapitel dieses im Stil eines Essays geschriebenen Sachbuchs um die Frage, wie unser Körper unsere Identität bestimmt. Die visuelle Seite spielt hierbei eine wichtige Rolle, gleich auf dem Vorsatzpapier leuchtet das Rot als Farbe der Weiblichkeit, das Weiß als Farbe der Männlichkeit und das Blau als imaginäres Feld der Vorstellung von den Seiten dieses Buchs. „Was macht mich aus?“, fragt der Untertitel, und die Antwort ist eben nicht im Handumdrehen zu geben. So zeigt zwar eine Serie mit Fotografien der Haut und der Oberflächen einzelner Körperteile, wie verletzlich die Menschen doch sind, sie bietet aber keinen Aufschluss darüber, ob hier nun männliche oder weibliche Haut zu sehen ist. Das ist die Absicht des elegant geschriebenen Textes von Jörg Bernardy: nicht alleine Eindeutigkeit zu vermeiden, sondern die Fenster und Türen für Vieldeutigkeit zu öffnen, bevor das Leben voreilig in die Schubladen der Klischees verstaut werden kann.
 
Ein Buch über Identität und geschlechtliche Orientierung hat Jörg Bernardy geschrieben, und weil wir Identität nicht suchen oder finden können, sondern wir sie erst in einem niemals abzuschließenden Prozess herstellen müssen, kann es hier keine Devisen im Stil der Ratgeber-Literatur geben. Bernardy geht davon aus, dass nicht alleine unser biologisches Geschlecht über unsere sexuelle Orientierung entscheidet, sondern wir in der Tradition von Simone de Beauvoir zum Mann und zur Frau erst gemacht werden. Erziehung, Milieu, Medien, Kultur und Sprache sind Teil der Prägung, so dass die Dualität von männlich und weiblich ins Wanken gerät. Bernardy öffnet den Blick für Homosexualität, Bisexualität, für die Queer-Bewegung, die Transgender-Orientierungen oder ein asexuelles Empfinden.
 
Das Leben ist alles, was sein kann, und so verfolgt das Buch den Gedanken der Toleranz durch alle Lebensbereiche von der Freundschaft über die Familie, den Beruf bis in die Sprache hinein. Ein Sachbuch, das nicht die Absicht verhehlt, für eine bestimmte Zielgruppe geschrieben zu sein: Den Teenagern soll das ganze Spektrum geschlechtlicher Identität eröffnet werden. Alles muss einmal beim Namen genannt werden, um Ängsten und Unkenntnis begegnen zu können. Ohne dass es explizit erwähnt würde, scheint durch den behutsam formulierten Text die Intention hindurch, den zerstörerischen Klischees des Populismus und den hasserfüllten Kommentaren des Internets, die notorische Ausgrenzung betreiben, Humanismus entgegenzusetzen. Man muss nicht jede Orientierung teilen, auch das gehört zur Identität, aber die Würde der anderen zu achten, ist die Basis von allem. Wer sich ihr verpflichtet fühlt, hat starke Argumente in der Diskussion um verbindliche Werte, das beweist Jörg Bernardys Buch überzeugend. Hier werden nicht alleine Tabus mit sanfter Diktion trockengelegt, sondern auch gezeigt, dass auch und gerade die Vielfalt des Anderen das Leben interessant macht.
Thomas Linden

Von Thomas Linden, 14.12.2018

​Thomas Linden arbeitet als Journalist (Kölnische Rundschau, WWW.CHOICES.DE) in den Bereichen Literatur, Theater und Film und konzipiert als Kurator Ausstellungen zur Fotografie und zur Bilderbuchillustration.