Sparte: Sachbuch

Dietmar Dath
Swantje Karich
Lichtmächte. Kino - Museum - Galerie - Öffentlichkeit

Sachbuch

Buchbesprechung

​Dietmar Dath ist Schriftsteller und Kinokritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Swantje Karich Kunstkritikerin beim selben Blatt. Beiden gemeinsam ist außerdem, dass sie an Hochschulen unterrichten – und nun: ein Buch, das sie im Wechsel allein und zu zweit geschrieben haben. Es heißt „Lichtmächte. Kino – Museum – Galerie – Öffentlichkeit“, was ein kryptischer, wenn nicht zumindest erklärungsbedürftiger Titel ist. Was nämlich ist eine Lichtmacht?

Sie ist, so sagen die Autoren, „eine Metapher“. Und schieben eine ganze Liste hinterher: „Licht das steht für Präsenz, Echtzeit, Suggestion, Phantomcharakter, Symbolik. Macht, das steht für Einfluss, Zwang, Überwältigung, Gefolgschaftsherstellung, Verführung.“ Das klingt nach einem, vorsichtig gesagt, heterogenen Themenkomplex. So offen ist auch die Struktur dieses Buches, in das aus vielen verschiedenen Ecken viel Verschiedenes eingegangen ist. Das Buch soll aber, auch das stellen die Autoren selbst fest, vielmehr ein Reiseführer als eine Landkarte sein und eher einen Prozess dokumentieren als eine Vogelschau. Dass es darüber derart vielfältige Anschlüsse herstellt, ist jedenfalls kein Nachteil.

Zunächst einmal handelt diese 270-seitige Essay-Sammlung von den Orten und Nichtorten der ästhetischen und künstlerischen Repräsentation. Es folgt dabei den teils scharfkantigen, teils subliminaren Rissen in der stets dynamischen Tektonik von Medien und Datenspeichern. So zeigt Dietmar Dath, dass die DVD das Fernsehen zum „flexiblen Kino“ gemacht und damit eine ähnliche Revolution losgetreten habe wie einst der Tonfilm als Nachfolger des bewegten, aber unvertonten Leinwandbilds. Flexibles Kino: das heißt aber nicht nur, dass die DVD dem Buch ähnlich ist, in dem geblättert, also souverän vor- und zurückspaziert werden kann.Es ist auch ein Hinweis auf ein verändertes Sozialverhalten, das das neue Medium hervorgebracht hat.

Dem allezeit und überall verfügbaren Home-Entertainment musste das Kino schon aus Zwecken der eigenen Arterhaltung etwas ganz und gar Neues entgegensetzen: Der Multiplexriese überlebt nur noch durch das 3D-Spektakel und erschafft in der Feier von Ort und Technik eine völlig neue Eventkultur, die mit dem Museum plötzlich mehr zu tun hat als mit dem altbekannten Besuch eines Programmkinos. Gerade im 3D-Kino zeigt sich, was Verführung (ein ständiger Vertreter im Inventar der Macht) in Bezug auf den überforderten, also im Sog der raumbildlichen Bilder mitgerissenen, Zuschauer leistet. Das aber ist keine Zumutung für den Kopf, sondern eine für den Bauch. Und damit eine ganz andere als sie dem Betrachter da zugefügt wird, wo Film und Kunst (der Einfachheit halber: Videokunst) dem Zuschauer in Museen und Galerien begegnen. Da geht es, sagt Swantje Karich, um die Frage, „Was mutet die Kunst dem Film zu, was der Film der Kunst, und was wollen beide vom jeweiligen (oder gargemeinsamen) Publikum?“

Karich stellt zwei mögliche Ergebnisse in Aussicht: Entweder, das eine Medium fügt sich mit dem anderen im Sinne einer bloßen Addition zusammen. Oder aber, und besser, multiplizieren und verstärken sich beide gegenseitig. Schließlich, so verkünden es die Autoren in einem am französischen Situationismus geschulten manifestartigen Ton, bringen die vielfältig miteinander verstrickten Lichtmächte aber etwas ganz Neues hervor: Sie werden zu „imaginären Institutionen, aus denen eine gesellschaftlich umzusetzende Vorstellung von Freiheit in allgemeiner Selbstbestimmung gewonnen werden kann.“ Diese Freiheit hätte ihre Wurzeln dann nicht mehr im politischen Idealismus, sondern in der konkreten Rezeption der frei flottierenden Künste. „Wie heißt“, fragt schließlich Dietmar Dath, das „Gegenteil von Träumen? Dieses Gegenteil von Träumen heißt Spielen.“ 
Ronald Düker

Von Ronald Düker, 18.06.2014

​Ronald Düker ist Kulturwissenschaftler und Journalist und schreibt für DIE ZEIT sowie verschiedene Magazine. Er lebt in Berlin.