Sparte: Sachbuch

Kurt Flasch
Warum ich kein Christ bin. Bericht und Argumentation

Sachbuch

Buchbesprechung

​Kurt Flasch, der dieses Jahr seinen 85. Geburtstag feiert, ist der große philosophische Hüter der Schafherde der christlichen Philosophie. Seine Methode ist historisch-kritisch, das heißt, er sorgt sich um die beste Ausgabe der Quellen stellt eine Genealogie der Deutungen auf, stellt Varianten fest, mit einem Satz: er sorgt sich um Genauigkeit im Umgang mit dem Text. Die Gedankengänge versucht er aus ihren eigenen Voraussetzungen zu verstehen und in Beziehung zu antiken oder modernen Wahrheitskonzepten zu setzen. Der Systematiker und der Historiker arbeiten in Flaschs Werken synergetisch zusammen und sind nicht mehr zu trennen. Bereits in seiner großartigen Studie von 1999 „Nikolaus von Kues – Geschichte einer Entwicklung“ beleuchtet Flasch nicht nur das geistige Umfeld des Renaissance-Philosophen, sondern rekonstruiert dessen Denken in fünf „Epochen“.

Doch nun hat Kurt Flasch Resümee gezogen aus seiner über sechs Jahrzehnte währenden Hütertätigkeit: „Warum ich kein Christ bin“ lautet der Titel seines Bekenntnisbuchs. Auf 280 Seiten liefert Flasch „Bericht und Argumentation“ – so heißt das Buch im Untertitel. Bericht über seinen persönlichen Bildungsweg und den Weg seiner Forschungen und Argumentation gegen die christlichen Philosophen von Paulus bis Ratzinger, die ja immer eine Missionsabsicht implizieren und ihn allesamt doch nicht überzeugen können.

Diese Argumentation wiegt schwer bei einem, der sich in Textkenntnis und Sachkenntnis der christlichen Überlieferung mit einer Subtilität öffnet und nähert, dass es einem Kirchenvater eine Freude gewesen wäre. Und sie wiegen schwerer, weil Flasch sowohl aus der griechischen als auch aus der modernen Philosophie argumentiert. Sein Urteil ist streng: Von Beginn an baue das Christentum auf zweifelhaften Mythen auf, arbeite mit wackeligen aristotelischen Voraussetzungen. Da, wo die Moderne das Wahrheitsverständnis des Christentums kritisiert und bedroht, flüchte es sich in Glaubenskonstruktionen, die sich jedem Argument entzögen. Einige Dogmen des Christentums seien zudem dazu geeignet, den Gläubigen zu erschrecken, zu demütigen und einzuschüchtern.

In keiner Epoche, stellt Kurt Flasch fest, entsprach das Philosophieren über Christus und den Glauben den entsprechenden Wahrheitsbegriffen- weder den modernen, noch denen der jeweiligen Zeiten. Nach einer ausführlichen und uneitlen Nacherzählung seiner Theologie- und Philosophiestudien, die in eine umfassende „Entmythologisierung“ münden, führt er in die Methodik der historisch-kritischen Studien ein und erläutert den Begriff von „Wahrheit“ in der Religion. Dann führt er in nach der metaphysischen Hierarchie geordneten Kapiteln von „Gott“ über „Welt“ und „Erlösung“ bis zur christlichen Einzelseele und ihrem Pendeln zwischen Himmel und Hölle.

Flasch schließt mit einem ausführlichen Kapitel „Wie es sich anfühlt, kein Christ zu sein“. Es fühlt sich offenbar ruhig und gelassen an, kein Christ im Sinne der Kirche und ihrer Tradition mehr zu sein. Die Zumutungen der Vernunft durch die Winkelzüge der Scholastiker treten in den Hintergrund, die psychischen Risiken des Höllenglaubens schwinden – der Geist wird frei. Flasch deutet an, was ihn an den mutmaßlich inspirierten Texten immer wieder anzog: die poetische Erfindungskraft und die Denkbewegung, die die christlichen Texte manifestieren. So bleibt die Andeutung einer theologia poetica, in der nichts geglaubt, sondern dem Geist zu denken gegeben wird.
Marius Meller

Von Marius Meller, 18.07.2014

​Marius Meller hat Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaft studiert und war Redakteur für Literatur bei der Frankfurter Rundschau und beim Berliner Tagesspiegel. Heute lebt er als Autor in Berlin und arbeitet als freier Literaturkritiker für Deutschlandradio und Deutschlandfunk.