Sparte: Belletristik

Karen Duve
Fräulein Nettes kurzer Sommer

Roman

Die betrogene Rebellin

In diesem Frühjahr wurden der 1961 in Hamburg geborenen Schriftstellerin Karen Duve gleich drei wichtige Literaturpreise verliehen. Zwar war sie für ihre  Prosa, die thematisch und stilistisch ungewöhnlich viele Farben zeigtviele Farben zeigt, schon häufiger ausgezeichnet worden. Doch mit ihrem jüngsten Roman „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ landete Duve, seit 1996 als freie Autorin tätig, einen Ausnahmeerfolg und einen Bestseller. Was umso mehr erstaunt, als es sich bei ihrer Heldin um eine Dichterin der deutschen Romantik handelt, die – obwohl literarisch hochbedeutend - der Mehrheit des Publikums allenfalls als Schulbuch-Erinnerung geläufig sein dürfte: Annette von Droste-Hülshoff, 1797 als Tochter einer katholischen Landadelsfamilie im Münsterland geboren und 1848 in Meersburg am Bodensee unverheiratet gestorben. In Duves Erzählung wird sie so lebendig, als wäre sie unsere Zeitgenossin. Und ihre Epoche, das von politischen und sozialen Umbrüchen geprägte Biedermeier, offenbart bisher unbekannte, skurrile und tragikomische Züge.
 
In einer fast 600 Seiten starken, doch überaus kurzweiligen Mischung aus Historien-Epos, Künstlerroman, Familiensaga und Sittengemälde beleuchtet Karen Duve nicht nur einen, sondern drei Sommer in der Biografie der Droste, im Freundeskreis „Fräulein Nette“ genannt. Der Titel bezeichnet im metaphorischen Sinn den kurzen Sommer ihres Frauenlebens, der schon endete, als sie Anfang zwanzig war. Denn im Fokus steht hier nicht die Heranbildung des genial begabten westfälischen Freifräuleins zur Dichterin und Komponistin (die sie auch war), sondern das, was sie selbst ihre „Jugendkatastrophe“ nannte: ein infames Komplott,  mit dem eine missgünstig-misogyne Gesellschaft diese rebellische, unkonventionelle junge Dame in ihre Schranken weisen wollte und das sich dann tiefgreifend auf ihren Lebensgang auswirkte.
 
Jahrelange Recherchen, kühne Einfühlung und nicht zuletzt feministische Solidarität bilden die Grundlage für Duves Fall-Rekonstruktion, die sie einbettet in ein scharf gezeichnetes, oft boshaft amüsantes Figuren-Panorama. Im Zentrum Fräulein Nette, stets kränkelnd und äußerlich wenig anziehend, dafür extrem klug, gebildet, temperamentvoll und schlagfertig, deshalb von manchen als „Nervensäge“ empfunden. Um sie herum die weitverzweigte Verwandtschaft, die Freunde und Bekannten in den westfälischen Adelshäusern, ferner die Intellektuellen und Schriftsteller ihrer Zeit, von den Brüdern Grimm bis Schopenhauer, von Hegel bis zum jungen Heine. Und schließlich die Göttinger Studenten in ihrem genialischen oder nationalistischen Furor, in deren Kreisen „Fräulein Nette“ lebhaft mitdiskutierte und auch jenen beiden Herren begegnete, die im Auftrag des intriganten Onkels ihre zart keimenden Gefühle dazu missbrauchten, sie nachhaltig bloßzustellen. Was damals einer Verurteilung zum Single-Dasein gleichkam. Statt sich aber in die Opferrolle zu fügen, schuf Annette von Droste-Hülshoff ein Werk, das ihr einen Platz in der Literaturgeschichte sicherte.
 
Für all dies hat Karen Duve eine leichtgängige, weder altertümelnde noch gewaltsam modernisierende Sprache gefunden, die auch in den Dialogen stimmig bleibt, in schöner Balance zwischen Empathie und Ironie. Dass hier nicht die dichterische Arbeit der Droste im Vordergrund steht, sondern ihre Lebenswelt und ihr persönliches Schicksal, lässt das Buch für eine Übersetzung umso geeigneter erscheinen, weil eventuelle sprachliche Vermittlungsprobleme über die Distanz zweier Jahrhunderte sich dadurch erübrigen.   
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 11.09.2019

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.