Sparte: Belletristik

Heinz Helle
Die Überwindung der Schwerkraft

Roman

Annäherung an einen Toten

Heinz Helle, in München geboren, Absolvent des Literaturinstituts im schweizerischen Biel, schreibt kurze Romane, die auf beunruhigende Wiese schnell zu den existentiellen Lebensfragen vorstoßen: In seinem Debütroman „Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin“ konnte man dem auf den Nullpunkt heruntergekühlten Nachdenken über Liebe und Beziehungsfähigkeit zuschauen. Wenn Niklas Luhmann versucht hätte, Innerlichkeitsprosa zu schreiben, wäre möglicherweise dieses Buch dabei herausgekommen. Helles zweiter Roman „Eigentlich müssten wir tanzen“ wiederum ist eine Dystopie, die sich nicht an der Mode der lustvollen Untergangsbeschwörung beteiligt, sondern vielmehr eine Versuchsanordnung, in der fünf Männer nach einem Wochenende in den Bergen feststellen, dass in der Zwischenzeit die Welt untergegangen ist – die Menschen, die sie zuvor waren, werden schlagartig zu auf das pure Überleben getrimmten Maschinen.
 
Nun, in seinem dritten und neuen Roman, erzählt Heinz Helle von einer komplizierten Annäherung zwischen zwei ungleichen Brüdern. Helle ist ein wandlungsfähiger Stilist. Er schreibt hier, anders als in den vorangegangenen Büchern, in langen, sich manchmal über Seiten hinziehenden Satzperioden, die so elegant gefügt sind, dass sie sich mühelos verfolgen lassen. Ein Gedankenstrom, ein Erinnerungsversuch, eine Trauerarbeit.
 
Zwei Brüder gehen zusammen trinken. Der ältere ist einer von der Sorte, denen man ungerne begegnen möchte, vor allem nicht an einem Abend in der Kneipe. Er redet viel und er ist überzeugt davon, dass seine Rede Gewicht und Geltung hat. Er ist hochintelligent und zutiefst misanthropisch. Und wie so oft bei solchen Figuren bemerken wir bald, dass dieser Mann ein ins Dunkle gewendeter Humanist ist, der seine Hoffnungen hat fahren lassen müssen. Er ist besessen von der Bösartigkeit der Menschen, hat sich hineingebohrt in die Geschichte des Zweiten Weltkriegs; er kennt alle Details über die widerwärtigen Umtriebe des belgischen Kinderschänders Marc Dutroux. Wer die Menschheit durchschaut hat, so könnte man schlussfolgern, hat keine andere Wahl als die, sich von den Menschen abzuwenden.
 
Der zwölf Jahre jüngere Ich-Erzähler ist zunächst nur das Medium, durch das die Suada des Älteren fließt. Doch der ältere Bruder, das erfährt man recht schnell, ist tot. Die vermeintliche Unmittelbarkeit des Erzählten ist in Wahrheit die unzuverlässige Erinnerung des jüngeren Bruders. Durch den Akt des Aufschreibens versucht er zum einen, posthum Nähe herzustellen. Zum anderen aber verfügt der jüngere Bruder dadurch auch über die Deutungshoheit: Er entscheidet, was wie erzählt wird.
 
Heinz Helle hat dieses enorm dichte Gewebe an Motiven, Perspektiven und Zeitebenen fest im Griff. „Die Überwindung der Schwerkraft“ ist ein Buch, das das Verhältnis von Zuneigung und Distanz unter Geschwistern (die hier streng genommen  nur Halbgeschwister sind) reflektiert und auch die Frage nach Schuld und Verantwortung stellt – selbst und gerade auch innerhalb des familiären Kontextes. Und es ist nicht zuletzt auch ein Buch, das immer wieder Ausflüge in das Groteske unternimmt. Komik und Verzweiflung, das weiß dieser ungemein kluge Autor, liegen stets nah beieinander.
Christoph Schröder

Von Christoph Schröder, 11.09.2019

​Christoph Schröder, lebt als freier Autor (Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Die Zeit) in Frankfurt am Main und ist Dozent für Literaturkritik an der dortigen Universität.