Sparte: Belletristik

Clemens Setz
Der Trost runder Dinge

Erzählungen

Momentaufnahmen einer schwindelnden Welt

Der österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz hat ein besonderes Talent dafür, das Leben aus dem Takt geraten zu lassen. Das Eigenartige ist nie fern in seinen Texten. Nicht Allerweltsmenschen tauchen darin meist auf- oder unter, sondern absonderliche Gestalten, die auf der Schwelle zwischen Irrsinn und Alltag balancieren. Hypersensible, die in jedem Ding ein Zeichen sehen. Doch Clemens J. Setz käme nicht auf die Idee, sie bloßzustellen oder hämisch anzustarren. Vielmehr schaut er ihnen neugierig und liebevoll beim Leben zu und verpackt ihr Einzelschicksal in versponnene Geschichten. Nach dickleibigen Romanen wie „Frequenzen“, oder „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ legt der Autor jetzt einen neuen Erzählungsband vor.

Darin berichtet er mit heilloser Phantasie von jenen, die ihr So-Sein aus dem Normalsein katapultiert, von den surrealen Tendenzen der so genannten Wirklichkeit und den Unmöglichkeiten des Daseins. Es sind Momentaufnahmen einer schwindelnden Welt. Darin erweist sich etwa „Frau Triegler“ als gespenstische Krankenschwester, die ihre kleinen Patienten mit kalter Zuneigung ans Herz drückt, während die Mutter in der Erzählung „Zauberer“ ihren toten Sohn ins Kinderzimmer bettet und ihre Liebhaber zum nekrophilen One-Night-Stand lädt. Ein paar Seiten später präsentiert der Autor einen psychotischen Vater, der nicht in der Lage ist, seinen Wahnsinn kundzutun, während ein anderer Vater sich in seinen Jugendwahn wickelt wie in einen Schlafsack. „Menschen sind so seltsam“, heißt es in einer der Erzählungen und genau davon erzählt Setz auf sehr unterschiedliche Weise.

Die Skurrilität seiner Figuren und ihre Erlebnisse sind das eine, das andere ist die Sprachmächtigkeit, mit der Setz von ihnen erzählt. Alltag wandelt er zu Literatur, etwa indem er Allerweltsverben wie „sitzen“, „stehen“ und „liegen“ umgeht. „Neben uns existiert zum Glück ein Getränkeautomat“, heißt es stattdessen bei ihm. Anstelle von „Ich schaute auf die Uhr“ schreibt Setz „Ich kontrollierte die Zeit“. Hinzu kommen verrückte Formulierungen, die auf ebenso verrückten Sinneswahrnehmungen fußen. Da ist dann von einem „intensiven Anorakgeruch, nach geschmolzenen und dann im Innenfutter warm gewordenen Kragenschnee“ die Rede. Von der Liebe zur Sprache und der Lust am Spiel mit ihr zeugen alle Erzählungen in diesem Band. Als Leser kommt man mit dem Unterstreichen einzelner Sätze gar nicht hinterher. Das galt auch schon für seinen Erstling, den Erzählungsband „Die Liebe zu Zeiten des Mahlstädter Kindes“, mit dem Setz 2001 bekannt geworden ist und für den er zudem den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat. Mittlerweile gehört er zu den wichtigsten deutschsprachigen Autoren. Außer Romane und Erzählungen schreibt er Gedichte und Theaterstücke; jüngst hielt er eine viel beachtete Rede bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.

Geboren wurde Setz 1982 in Graz, wo er auch heute lebt. Bevor er als Schriftsteller reüssierte, hat er Mathematik und Germanistik studiert. Kennzeichnend für seine Literatur ist eine waghalsige Offenheit, die sich sowohl in den gewählten Sujets als auch in den angeschlagenen Tonarten niederschlägt. So radebricht er etwa in der Erzählung „Spam“ nach Art einer per Übersetzungshilfe generierten betrügerischen Mail. Keine der Erzählungen tönt wie die andere. Mal erzählt er in der Ich-Form, mal in der 3. Person Singular, mal ist der Ton hochfahrend diskret, mal dezent ironisch, mal frönt Setz der Hoch-, mal der Populärkultur, hier erzeugt er Rührung, da Komik. Offenheit zeichnet auch die Enden seiner Erzählungen aus, die auf keine schlichten Pointen hinauslaufen, sondern sich im Ungefähren einnisten, nachdem sie nicht selten souverän vom Realen ins Surreale gekippt sind.
Shirin Sojitrawalla

Von Shirin Sojitrawalla, 11.09.2019

Shirin Sojitrawalla arbeitet als freie Journalistin mit den Schwerpunkten Theater und Literatur für den Deutschlandfunk, die taz, die Frankfurter Rundschau, Theater der Zeit, nachtkritik.de und andere. Sie lebt und arbeitet in Wiesbaden.