Sparte: Belletristik

Elke Erb
Gedichtverdacht

Lyrik

Verdächtiger Eigensinn

Im vergangenen Jahr hat Elke Erb ihren 80. Geburtstag gefeiert, doch nach wie vor gilt sie als die radikalste und querköpfigste Protagonistin der experimentellen deutschsprachigen Lyrik. Unermüdlich produktiv, von den jüngeren Kolleginnen und Kollegen bewundert, verfolgt sie ihren Weg des „prozessualen Schreibens“, bei dem es ihr darum geht, die Wahrnehmungen ihres „unterschwelligen Ich“ ungefiltert zur Sprache zu bringen und sie dann nicht nach formalen Gesichtspunkten, sondern assoziativ zu strukturieren: So erläutert sie ihre Arbeitsweise in ihren Poetologischen Bemerkungen aus dem Jahr 2015. Die dabei freigesetzte poetische Energie, gepaart mit dem schrägen Humor der Dichterin, bringt einen großen Reichtum an offenen Bildern und überraschenden Zusammenhängen hervor, die wiederum kreative Prozesse im Bewusstsein des Lesers oder Hörers auslösen können.

Elke Erbs unverwüstlicher Eigensinn verdankt sich nicht zuletzt ihrer Biografie. In einem Dorf in der Eifel geboren, in Kriegs- und Nachkriegsarmut aufgewachsen, siedelte die Tochter eines Literaturwissenschaftlers als Elfjährige mit ihrer Familie in die DDR über und hatte dort bald Anlass, ihre Aufsässigkeit zu trainieren: Seit 1968 erregte sie, mittlerweile Germanistin und Übersetzerin, immer wieder Anstoß mit ihren Gedichten und ihrem Einsatz für ähnlich unbotmäßige Kollegen. Von 1982 an veröffentlichte sie auch in Westdeutschland, wo sie 1988 den Peter-Huchel-Preis erhielt, auf den viele weitere Preise folgten. Seit 1998 erscheinen ihre Bücher in der adäquat eigenwilligen Edition „roughbooks“ des Schweizer Verlegers Urs Engeler.

Der jüngste Band „Gedichtverdacht“ lässt schon im Titel das Verfahren durchschimmern, das Elke Erb seit einigen Jahren anwendet: Sie „holt“ sich Texte, Notate, Tagebucheinträge, Einfälle aus der Vergangenheit, aus ihrem sorgsam geführten Archiv, wobei das „Holen“, von ihr ausdrücklich so bezeichnet, die Funktion einer poetischen Geste annimmt. Ob und in welchem Maße aus dem Geholten ein Gedicht entsteht, ist ungewiss, eine Definitionsfrage, auch ins Ermessen des Lesers gestellt. Die Übergänge sind fließend, und so bleibt es mitunter beim „Verdacht“, der als solcher schon inspirierend genug ist.

Das bedeutet zugleich, dass der schmale Band ganz verschiedene Textsorten enthält: längere Prosapassagen und kleinste Gedankensplitter, Fremdzitate, Gesprächsnotizen, Traumprotokolle und ausgearbeitete, zuweilen kommentierte Verse. Bespielt wird eine Zeitachse zwischen DDR-Impressionen des Jahres 1970 und einer morgendlichen Meditation über gefällte Bäume im Winter 2018, die mit den Verszeilen endet: „Sie werden mich übersterben./ Meine Handflächen meinen: Schade um sie.“  Im Kontext einer Selbst- und Weltbeobachtung, die sich von allen Schranken, Einordnungen und Wertungen befreit hat, fügen sich die Fragmente zu einem flirrenden Gesamtkunstwerk. „Vexierbild“ hieß ein früher Gedichtband Elke Erbs, und auch hier liegt dieser Vergleich nahe.

Das Übersetzen experimenteller Lyrik stellt eine enorme Herausforderung dar und stößt oft an Grenzen. Bei Elke Erb aber gibt es, jedenfalls in diesem Band, einige Faktoren, die das Problem relativieren: Sie arbeitet nur selten mit Reimen oder lautmalerischen Effekten, auf der semantischen Ebene bleibt sie stets konkret und, so ungezügelt ihre Fantasie sich auch bewegt, auf geradezu bodenständige Weise der Realität zugeneigt. Gerade dieser verblüffende Kontrast macht den Reiz ihres Umgangs mit Sprache aus. Er dürfte sich, mit wenigen Einbußen, gut in ein anderes Idiom übertragen lassen.
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 17.09.2019

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.