Sparte: Sachbuch

Georg von Wallwitz
Mr. Smith und das Paradies. Die Erfindung des Wohlstands

Sachbuch

Buchbesprechung

​Der historische Aufstieg des homo oeconomicus, er begann mit einer gehörigen Tracht Prügel. So pointiert wie unkonventionell beschreibt es zumindest Georg von Wallwitz in seinem neuen Buch "Mr. Smith und das Paradies". Unkonventionell ist indes auch das Stichwort, das auf den 1968 geborenen Autor zutrifft. Denn Wallwitz, der Philosophie und Mathematik in München und Princeton studierte, ist in der deutschen Wirtschaftspublizistik ein Unikat. Als hauptberuflicher Fondsmanager und Vermögensverwalter, der gleichzeitig aus einem enormen kulturellen Wissensschatz schöpft, vereint er Theorie und Praxis wie hierzulande kaum ein zweiter. Wohl nicht zuletzt deshalb gelingt es ihm, ökonomische Zusammenhänge so ungewohnt amüsant, geistreich und vor allem verständlich zu erklären.
Nachdem Wallwitz in seinem 2011 erschienenen Debüt "Odysseus und die Wiesel" bereits unterhaltsam das Wesen der Finanzmärkte ergründete, begibt er sich nun auf eine Reise durch die moderne Ideengeschichte, um der „Erfindung des Wohlstands“ nachzuspüren. Die erste Etappe dieser wirtschaftsphilosophischen Tour d'Horizon führt ihn zu Voltaire. Und da sind wir wieder bei der Tracht Prügel. Denn nachdem sich Voltaire 1726 eine spitze Bemerkung gegenüber dem einflussreichen Chevalier de Rohan erlaubte, bekam er von dessen Schergen einen auf die Schnauze. In der Folge dieser Affäre musste der junge Philosoph schließlich nach England fliehen.

Doch was er in seinem unfreiwilligen Exil nun sah, beeindruckte ihn zutiefst: eine plurale und dynamische Gesellschaft, die im Takt mit den Kaufleuten in Richtung Fortschritt marschierte. Vor allem die Börsen offenbarten sich ihm als Tempel bürgerlicher Emanzipation, die die christlichen Heilsversprechen durch das ebenso profane wie süße Streben nach Wohlstand ersetzen. In seinen Philosophischen Briefen firmierte die Wirtschaft deshalb auch erstmals als „politische Ökonomie“ und „hörte damit auf, eine Randerscheinung und Lehre für brave Haus- und Landwirte zu sein.“ Begriff Voltaire den Markt also als gesellschaftliches Ordnungsmodell, das individuelle Freiheit und materiellen Reichtum garantierte, so avancierte kapitalistische Expertise zum aufklärerischen Regierungswissen. „Mehr als jeder andere trug [Voltaire] dazu bei, in den Köpfen der Menschen das Paradies durch den irdischen Wohlstand zu ersetzen.“

Adam Smith wird dieses Voltaire'sche Erweckungserlebnis dann später auf den vielzitierten Begriff der „unsichtbaren Hand“ bringen und das scheinbar chaotische Marktgeschehen als autoregulatives System der Interessenkoordination deuten. Smith, der bezeichnender Weise kein Ökonom, sondern ein ziemlich zerstreuter Moralphilosoph war, machte damit vor allem ein ethisches Argument geltend. Entgegen der christlichen Tradition galt ihm die Verfolgung des eigenen Vorteils nicht mehr als Sünde, sondern als Beitrag zum Gemeinwohl. Gleichwohl erkannte Smith, der eine ausgeprägte Aversion gegen Aktiengesellschaften hegte, aber auch bereits die Gefahren des Corporate Capitalism.

Eindringlich warnte er davor, dass der Staat sich nicht von jenen übertölpeln lassen dürfe, die mittels Klientelismus auf Kosten der Allgemeinheit wirtschaften. Genau das geschah jedoch im Zuge der industriellen Revolution. War diese zwar einerseits ein bürgerliches Emanzipationsprojekt, das gegen die aristokratischen Eliten durchgesetzt wurde, entpuppte sie sich andererseits, so würde man heute mit Occupy sagen, für die 99% als Verlustgeschäft. Statt des prognostizierten „Wohlstands der Nationen“ herrschte bittere Armut. Mehr denn je galt nun der Satz Tolstois: „Wer Geld besitzt, hat denjenigen, der keins besitzt, im Sack.“

Das reizvolle an "Mr. Smith und das Paradies" ist, dass das Buch zwar chronologisch die Ideengeschichte abschreitet, gleichzeitig aber auch immer wieder Brücken zur Gegenwart schlägt. Diskutiert Wallwitz die Industrialisierung, so analysiert er en passant die Konstruktionsfehler des Euros; erörtert er die Weltwirtschaftskrise, beleuchtet er nebenbei die Rolle von Subventionen. Und auch die thematische Schwerpunktsetzung birgt Überraschungen. Riefen die elenden Verhältnisse des Manchester-Kapitalismus eine ganze Reihe großer Denker auf die Weltbühne, so verhandelt das Buch zwar auch Evergreens wie Proudhon und Marx, legt den Fokus aber ebenfalls auf zwei andere, heute bisweilen etwas vernachlässigte Theoretiker: den Anarchisten Michail Bakunin, dessen politisches Erbe Wallwitz gegenwärtig bei der Tea-Party-Bewegung sieht, und den Mitbegründer des Utilitarismus, John Stuart Mill.

Letzterer ist deshalb so wichtig, weil er explizit ausspricht, was Ökonomen meist implizit voraussetzen, nämlich die Annahme, dass der Mensch ein reiner Nutzenmaximierer sei. Heute, zumal im Lichte der Finanzkrise, erscheint uns das als neoliberale Verkürzung. Historisch gesehen steckt in dieser Prämisse jedoch gewissermaßen die Grundidee der Sozialdemokratie. Denn wenn der Kapitalismus, so folgerte Mill, für so viele Menschen so wenig Nutzen bringt, muss er per Umverteilung justiert werden. Und so sollte es auch kommen. Der Kapitalismus zeigte sich wandelbar, der Kommunismus blieb in Europa hingegen nur ein Gespenst.

Mit der Weltwirtschaftskrise der 1920er Jahre standen die Ökonomen jedoch abermals vor einem ideologischen Scherbenhaufen. Die Märkte wollten sich einfach nicht selbst regulieren. In der Folge entbrannte deshalb die große Kontroverse zwischen Friedrich von Hayek und John Maynard Keynes. Wallwitz gelingt nun nicht nur das Kunststück, diese beiden Denkschulen in einer imaginierten Kneipendiskussion überaus anschaulich zu illustrieren, sondern er vermag ebenso prägnant zu verdeutlichen, dass wir 80 Jahre später kaum weiter gekommen sind. Wird heute über drückende Staatsschulden debattiert, stehen sich Verfechter von Austeritäts- und Wachstumspolitik wie eh und je gegenüber.

"Mr. Smith und das Paradies" zeigt sich somit als wunderbar charmantes Buch, das sich auf zwei Arten lesen lässt. Einerseits als leichtfüßige Einführung in die ökonomische Theorie, andererseits aber auch als anekdotisches Kompendium pointierter Reflexionen über das Wesen des Wohlstands. Und obschon Wallwitz dabei weitestgehend abwägend argumentiert, lädt er bisweilen auch zur Kontroverse ein. Denn ob Marx' Denken tatsächlich bereits den Keim des Leninismus' in sich trägt oder periodisch kollabierende Finanzmärkte wirklich den Preis des Wohlstands bilden, darüber ließe sich freilich streiten. Doch gerade das wäre wohl im Sinne des Autors, zeigt sein Buch doch vor allem eins: Wirtschaftstheorien sind, nicht anders als Literatur und Philosophie, notwendigerweise immer Produkte ihres Zeitgeistes, sodass stets jenen zu misstrauen bleibt, die vermeintlich endgültige, unumstößliche Antworten anbieten.
Nils Markwardt

Von Nils Markwardt, 18.06.2014

​Nils Markwardt arbeitet als freier Autor und schreibt u.a. für Literaturen und der Freitag.