Sparte: Sachbuch

Rüdiger Safranski
Goethe. Kunstwerk des Lebens

Biografie

Buchbesprechung

​Ein größeres Vorhaben, als Goethes Leben noch einmal zu erzählen, ist für einen Biographen kaum denkbar. Nicht nur der schiere Umfang des Werks, der Reichtum dieses Lebens, die Fülle der Begegnungen und Beziehungen, auch das Ausmaß des vorhandenen Materials, der Zeugnisse und Darstellungen ist kaum überschaubar und wächst stetig an. Wer sich dennoch an ein Buch über Goethe wagt, beschränkt sich meist auf einen Ausschnitt, eine Episode oder Epoche.
Rüdiger Safranski, der vielfach ausgezeichnete Großmeister der deutschen Biographik, hat sich dieser Herausforderung ohne alle Einschränkungen gestellt und einen 750 Seiten umfassenden Band über Goethes Leben vorgelegt. Ganz unvorbereitet hat er sich an diese Gipfelbesteigung allerdings nicht gewagt. Überblickt man seine Veröffentlichungen der letzten Jahre, die Bücher über Schiller (2004), die Romantik (2007) und die Freundschaft zwischen Schiller und Goethe (2009), erkennt man in dem neuen Werk die Ausführung eines lange und gut vorbereiteten Plans.

Zu diesem gehört auch die Wahl eines speziellen Zugriffs, in dem dieses Leben seine besondere Prägnanz, seine bis in unsere Zeit reichende Strahlkraft gewinnt: Schon Nietzsche hatte Goethe als ein Ereignis in der Geschichte des deutschen Geistes bezeichnet, wenn auch als ein folgenloses. Dem widerspricht Safranski: „Goethe war nicht folgenlos. Zwar hat die deutsche Geschichte seinetwegen keinen günstigeren Verlauf genommen, aber in anderer Hinsicht ist er überaus folgenreich, und zwar als Beispiel für ein gelungenes Leben, das geistigen Reichtum, schöpferische Kraft und Lebensklugheit in sich vereint.“
Die individuelle Gestalt dieses Lebens sei nach wie vor faszinierend, gerade in einer Zeit, die in ihrem Hang zu allseitiger Vernetzung mehr zum Konformismus neige als zur Individualität. Wie man vielseitig verbunden sein, an vielem Anteil nehmen und trotzdem ein Einzelner bleiben könne, das lerne man, so Safranski, gerade durch Goethe. Und zwar durch, so der Untertitel des Buches, sein „Kunstwerk des Lebens“.

Erzählt wird dieses Leben in chronologischer Folge, von der Geburt am 28. August 1749 in Frankfurt am Main, im Haus am Hirschgraben, bis zur Sterbestunde am 22. März 1832 im Weimarer Haus am Frauenplan. Safranski überwindet den um Goethe errichteten Wall aus Forschungsliteratur und Vorgängerbiographien, indem er sich gewissermaßen durch die Hintertür Zugang verschafft und zu den primären Quellen vordringt, zu den Werken, Briefen, Tagebüchern und Gesprächen.

Goethe spricht in diesem Buch also immer wieder selbst, ist als Stimme vernehmbar, und erscheint als lebendige, mit ihren Gefühlen, Stimmungen und Gedanken auftretende Figur. Daß diese Stimme sich einfügt in den Gang des Geschehens, verdankt sich Safranskis Kunst der Schilderung und Beschreibung. Sie erzeugt einen breit dahinfließenden Erzählstrom, der alle Ereignisse und Begebenheiten zusammenführt, miteinander verbindet und in Beziehung setzt, ihnen aber auch ihre Eigenart belässt.

Das multiperspektivische Verfahren, das dabei zur Anwendung kommt, bietet dem Leser neben dem großen Panorama, dem Über- und Ausblick, auch die Perspektive des Protagonisten selbst, wie er Herder in Straßburg begegnet, Friederike in Sessenheim kennenlernt oder Napoleon in Erfurt gegenübertritt. Viele wohlbekannte und vielbeschriebene Begebenheiten erscheinen so in neuem Licht. Und auch wenn der Leser den historischen Abstand zur Zeit der Handlung nie vergißt, wird er doch hineingenommen, fühlt sich geborgen in einer großen Erzählung.

Zu dieser gehört auch, daß der Autor nicht alles noch einmal ausbreitet, sondern klug auswählt, gewichtet und komponiert. Denn diese Biographie hat einiges zu bewältigen. Nicht nur ein Leben, dem die handelnde Person (wie bei der Flucht aus Weimar nach Italien) immer wieder neue Wendungen und Inhalte zu geben weiß. Sondern die mit Goethe auch das „vielleicht letzte Universalgenie“ zum Gegenstand hat, das Verse schreibt, Dramen und Romane entwirft, sich aber auch mit Kunstgeschichte und Philosophie, mit Malerei und Musik, mit Botanik und Farbenlehre, mit Medizin und (gezwungenermaßen) Juristerei und vielem mehr befaßt. Und immer wieder hineingerät in die geschichtlichen Umbrüche seiner Zeit, die Auswirkungen der Französischen Revolution und der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, die napoleonischen Kriege und europäischen Nationalstaatsbestrebungen.

Wer die über dreißig Kapitel, die Zwischenbetrachtungen, Schluß- und Vorbemerkungen dieses Buches gelesen hat, hat eine ganze Epochen- und Kulturgeschichte studiert. Und gewiß auch verstanden, warum diese über achtzig Jahre dauernde Ära „Goethezeit“ genannt wird. Es wird lange dauern, bis sich wieder jemand an die Aufgabe wagen wird, dieses Leben zu erzählen.
Matthias Weichelt

Von Matthias Weichelt, 18.05.2014

​Matthias Weichelt ist Chefredakteur der Zeitschrift „Sinn und Form“. Er schreibt unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "Neue Zürcher Zeitung".