Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Wolfgang Korn
Die Weltreise einer Fleeceweste. Eine kleine Geschichte über die große Globalisierung

Buchbesprechung

Kaum ein Phänomen prägt unseren Alltag so sehr wie die Globalisierung. Dennoch ist sind ihre Auswirkungen kaum überschaubar, auch nicht für die meisten Erwachsenen. In Die Weltreise einer Fleeceweste erklärt Wolfgang Korn die Globalisierung anschaulich und lebensnah für Kinder. Als Objekt dient ihm eine Fleeceweste, deren Weg er von der Herstellung bis zur Wiederverwertung in der so genannten „Dritten Welt” nachzeichnet. Er beginnt mit der Erdölgewinnung für das Polyester in Dubai, fährt fort mit einer Altkleidersammlung im Senegal und landet schließlich auf einem Flüchtlingsboot vor den Kanarischen Inseln. Die Weste macht also eine „Weltreise”. Die betreffenden Länder schildert der Autor in bunten Farben, die fernen Orte bleiben daher keine bloßen Punkte auf der Landkarte. Auch für die an der Fertigung und am Transport beteiligten Personen erfindet er Schicksale, die beispielhaft für ihre jeweilige Lebenssituation sind. Viele Passagen dieses Jugendsachbuchs haben folglich erzählenden Charakter. Die gelungene Mischung aus Fiktion und Information macht das Buch zu einer spannenden Lektüre, nach der man die Welt besser versteht.

Die Geschichte beginnt in den Ölförderanlagen im Persischen Golf. Damit die jungen Leser sich darunter etwas vorstellen können, führt der Autor sie direkt an den Schauplatz: „[W]o befinden wir uns? Auf dem Meer, aber in Sichtweite der Küste. Und obwohl Nacht ist, weht eine warme Brise über dem Wasser. Und um uns herum erheben sich Lichtertürme wie Riesenweihnachtsbäume aus dem Meer. Das sind Förderinseln, auf denen 24 Stunden am Tag Erdöl gefördert wird.” Doch was ist das eigentlich, Erdölförderung? Und warum gibt es überhaupt Erdöl? Präzise und klar erklärt Wolfgang Korn die Entstehung dieses Rohstoffs und beschreibt anschließend, wie das zu Tage gebrachte Öl in Tankschiffe verladen wird. Dabei schildert er auch das Schicksal des jungen Hafenarbeiters Sadek. Dieser kommt aus Indien und muss mit dem wenigen Geld, das er als Gastarbeiter in Dubai verdient, seine Familie in der Heimat ernähren. Indem er dem Arbeiter ein Gesicht verleiht, kann der Autor konkret auf soziale Missstände aufmerksam machen – ein wichtiges Merkmal des Buches: „Viel besser – mehr als den doppelten Lohn wie in ihrem Heimatland – verdienen die Gastarbeiter aus dem Westen: Bauleiter von Wolkenkratzern, Tierärzte auf Kamelzucht-Farmen oder Ingenieure auf Bohrinseln.”

Diese Vorgehensweise kombiniert Elemente der (in diesem Fall fiktiven) Reportage mit klassischer Wissensvermittlung. Durch die stimmungsvolle Schilderung der Handlungsorte und beteiligten Personen werden die Vorgänge plastisch. Die soziale Struktur eines Landes wird so auch für Jugendliche nachvollziehbar, der abstrakte Begriff der Globalisierung greifbar. Und auch deren Hintergründe kann der Autor begreiflich machen. Er bezieht sich dabei auf den Wirtschaftswissenschaftler Theodore Levitt, dessen Theorie er folgendermaßen erklärt: „Noch nie haben so viele Menschen so viele Gegenstände kreuz und quer über den Globus miteinander ausgetauscht. Und das betrifft nicht nur Gegenstände, sondern auch Ideen, Mode, Musik – und vor allem: Geld. Niemand werkelt mehr allein vor sich hin [...]. Wie wir uns verhalten, was wir herstellen und kaufen, hat Auswirkungen auf alle anderen Menschen auf dieser Erde. Die Wirtschaft ist nicht mehr [...] beschränkt, sondern mit der ganzen Welt vernetzt, also ,globalisiert’”.

Konkret bedeutet das im Fall der Fleeceweste, dass aus dem persischen Erdöl in Bangladesh Polyester hergestellt wird. In den dortigen Fabriken wird die Weste auch genäht und gefärbt. In einer von ihnen sitzt die 17-jährige Taslima an ihrer Nähmaschine. Zehn bis zwölf Stunden beträgt ihre Arbeitszeit normalerweise. Heute muss sie länger bleiben, weil der Posten „3000 Fleecewesten für Deutschland” unbedingt noch fertig werden muss. Für einen kurzen Moment lässt Korn uns an Taslimas Gefühlswelt teilhaben: Sie ist müde von der Arbeit, hat keine Kraft mehr in den Armen, und hin und wieder fallen ihr die Augen zu. Dann sieht sie, wie der Monsun die kleine Lehmhütte ihrer Familie zerstört, jedes Jahr zur Regenzeit. Der Gedanke daran gibt ihr Kraft: Sie will arbeiten, um der Armut zu entkommen. Auch hier macht der Autor anhand eines persönlichen Schicksals soziale Missstände deutlich.

Doch zurück zur Fleeceweste: Nachdem die fertigen Kleidungsstücke vom Hafen in Singapur nach Deutschland verschifft wurden, werden sie dort in Warenhäusern zum Kauf angeboten. Auch der Erzähler, ein Journalist, kauft eine. Doch die „Weltreise der Fleeceweste” ist noch nicht zu Ende. Sie landet in einem Container der Altkleidersammlung. Auch hier, das macht Korn deutlich, kommt die Logik der Globalisierung zum Zug: Aus der Weste lässt sich noch Geld machen. Sie muss nur billig genug an Leute verkauft werden, für die die Abfälle der so genannten „Ersten Welt” noch Wert besitzen. So erreicht die Weste Afrika, und zwar den Senegal, wo sie Adrame für 130 Franc (ca. 2 Euro) kauft. Er hat den Traum, die Armut seines Landes hinter sich zu lassen und sein Glück in Europa zu suchen. Ein Schlepper verkauft ihm einen Platz auf einem Flüchtlingsboot nach Spanien. So gelangt die Fleeceweste wieder nach Europa. Geschickt verbindet Korn die Schilderung der individuellen Schicksale mit Fakten. Anschaulich erklärt er, dass hinter dem System der Altkleidersammlung eine ganze Industrie steht, die die aussortierte Ware nach Afrika transportiert und dort zu Schleuderpreisen verkauft. Mit diesen niedrigen Preisen können die dortigen Produzenten nicht konkurrieren. Ganze Wirtschaftszweige werden so in den afrikanischen Ländern zerstört, den Einheimischen wird die Lebensgrundlage entzogen.

Dazu vermitteln vom Text abgesetzte Informationskästen allgemeines Wissen zum Beispiel zu Dubai und Bangladesh, zu Öltankern und zum Welttextilabkommen. Ein Kasten mit der Überschrift „Logistik im Zeitalter der Globalisierung” verdeutlicht die Voraussetzungen, unter denen eine globalisierte Wirtschaft funktioniert: niedrige Löhne in den produzierenden Ländern und geringe Treibstoffkosten, damit sich der Transport über weite Strecken lohnt. Zu der Schlussfolgerung, dass Menschenrechte und die Umwelt dabei oft mit Füßen getreten werden, ist es nicht mehr weit. Immer geht es darum, möglichst billig zu produzieren. „Ständig fragen sich Experten in den großen Unternehmen: Was lässt sich am Produktionsprozess noch weiter zergliedern und preisgünstiger aufteilen? Wo gibt es die günstigsten Rohstoffe und Fertigungsteile? Wo sind die Arbeitskräfte für mein Produkt billiger?”

Das Buch beschreibt nicht nur eindrücklich die Funktionsweise der Globalisierung, sondern auch die dahinter stehende Logik. Dass dieses schwierige Unterfangen fast spielerisch gelingt und für Kinder und Jugendliche nicht nur verständlich, sondern auch spannend ist, macht das Buch so außergewöhnlich. Die Botschaft ist: Hinter den Produkten, die wir ohne weiter nachzudenken im Kaufhaus erwerben, stehen menschliche Schicksale. Wenn wir möglichst billige Waren kaufen, sollten wir auch wissen, dass der Preis deshalb so niedrig ist, weil eine junge Schneiderin wie Taslima in Bangladesh völlig unterbezahlt ihre schwere Arbeit verrichtet. Im letzten Kapitel plädiert der Autor dafür, beim Einkauf darauf zu achten, dass das Produkt unter sozial verträglichen Bedingungen hergestellt wurde. Nach Lektüre dieses Buches dürfte ohnehin klar sein: In einer globalisierten Welt bleiben die eigenen Handlungen nicht ohne Folgen für andere.
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Von Eva Kaufmann, 15.04.2009