Sparte: Sachbuch

Christoph Schlingensief
Ich weiß, ich war's - Herausgegeben von Aino Laberenz

Biografie

Buchbesprechung

​Provokateur, Bürgerschreck, Enfant terrible. So wurde Christoph Schlingensief gern gelabelt. Doch derlei Schubladen wirkten für den vielleicht vielschichtigsten deutschen Gegenwartskünstler stets zu klein. Seine Filme, Inszenierungen und Performances bildeten zwar tatsächlich immer ästhetische Anschläge auf den Zeitgeist, sein unvergleichliches Talent bestand aber vor allem darin, akribisch choreographierte Bildwelten mit der Explosivität der Improvisation zu verbinden. Sich auf Schlingensief einzulassen, das heißt, das Unerwartete zu umarmen.

So auch in seinem Buch "Ich weiß, ich war's". Wenn er hier über seine Aufführung des "Fliegenden Holländers" im brasilianischen Manaus spricht, sinniert er nicht etwa über Wagner, sondern über die dortigen Faultiere, die immer träge im Baum herumhängen. Fast immer. Denn „einmal in der Woche gehen sie zum Kacken runter – und unten wartet der Jaguar. Fragt sich: Warum macht das Faultier das? Weil es höflich ist? Weil es denkt, ich gehe lieber runter und mache da mein Häufchen, sonst scheiße ich vielleicht jemanden auf dem Kopf? Ich glaube ja eher, das Faultier geht runter, weil es ab und zu dem begegnen muss, was ihm Angst macht, um lebendig zu bleiben.“

Diese Anekdote beschreibt natürlich vor allem eins: ihn selbst. Kaum ein anderer deutscher Künstler hat sich so produktiv an Ängsten abgearbeitet wie er. Das gilt besonders für seinen Kampf gegen den Krebs, den er mit nur 49 Jahren verlor. Sein brillantes „Fluxus-Oratorium“ "Die Kirche der Angst", das ihm posthum den Goldenen Löwen der Venedig-Biennale einbrachte, überschrieb er mit einem Motto Joseph Beuys': „Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt.“ Es war auch sein Motto. Denn wer sonst hätte angesichts wuchernder Metastasen sein eigenes Requiem inszenieren können, um en passant die Dämonen eines jeden zu beschwören? Nur Schlingensief.

Drei Jahre nach seinem Tod zeigt der von seiner Witwe Aino Laberenz herausgegebene Band "Ich weiß, ich war's" das vibrierende Selbstportrait eines Ausnahmekünstlers. Dabei sollen die Aufzeichnungen, die Schlingensief in seinen letzten beiden Lebensjahren anfertigte, explizit keine Autobiographie sein. „Christoph wollte einen Band der vorletzten Worte, der unvollendeten Gedanken“, schreibt Laberenz im Vorwort. Und so ist das Buch auch keine finale Werkschau, sondern ein offenes Kompendium von Reflexionen über ein Leben mit, von und für die Kunst.

Bildeten Werk und Vita bei Schlingensief stets eine symbiotische Einheit, sind es zunächst die biographischen Aperçus, die "Ich weiß, ich war's" so interessant machen. Aufschlussreich zeigt sich dabei vor allem eine Szene aus der Jugend. 1976 wird Christoph von seinem Vater zu einem Treffen des Lions Club mitgenommen. Geladener Vortragsredner: Joseph Beuys. Der 16jährige ist von dem Mann mit Hut umgehend eingenommen. Die versammelten Mittelständler wirken indes gelangweilt. Bis zu dem Moment als Beuys diesen einen Satz herausstößt: „Ich garantiere Ihnen, dass dieses Gesellschaftssystem in sieben Jahren komplett zerstört ist.“ Ruckartig empört sich das Publikum. Schlingensief fasziniert die Tatsache, „dass da jemand mit einem einzigen Satz einen ganzen Saal mit dösenden Menschen in Aufruhr versetzen konnte, dass da eine Prognose, ein Gedanke die Leute zu einer Reaktion zwang.“

Er selbst wird diese Fähigkeit später perfektionieren. Als er die Partei Chance 2000 gründet, bei den Wiener Festwochen unter dem Motto „Ausländer raus“ einen Container voller Asylbewerber aufstellt oder zum „künstlerischen Mord“ an Helmut Kohl aufruft, hyperventilieren die Medien. Doch Schlingensief meinte seine Aktionen nie zynisch. Ihn trieb stets der Glaube an das Diskurspotential der Kunst. Auch dann, wenn er germanische Gespensterkunde betrieb. Ob in Filmen wie "100 Jahre Adolf Hitler", Theaterstücken wie "Rocky Dutschke" oder seinen "Parsifal"-Inszenierungen in Bayreuth: Deutsche Schuld, deutsche Mythen und deutsche Obsessionen, sie ließen ihn nicht los. Denn Deutschland war für Schlingensief das, was Thomas Bernhard einst über Österreich sagte: ein rostiger Nagel, an den man sein Herz hängt, um es dort verbluten zu lassen.

Sein letztes Herzensprojekt, das Operndorf Afrika, lag jedoch in Burkina Faso. Für die Realisierung dieser vierzehn Hektar großen Begegnungsstätte mit Schule, Theater und Krankenstation hatte er bis zuletzt gekämpft. Spricht er über dieses großartige Projekt, das 2011 teileröffnet wurde, treibt ihn stets die Sorge, dass es als entwicklungspolitischer Ablasshandel oder „abgehobene Kunstscheiße“ missverstanden werden könnte. Heute, da dort erste Ausstellungen stattfinden, bräuchte er keine Angst mehr zu haben. Behutsam wächst mit dem Operndorf Afrika genau jene soziale Plastik, die er stets im Sinn hatte. Christoph Schlingensief fehlt. Von Berlin bis Burkina Faso.
Nils Markwardt

Von Nils Markwardt, 18.09.2013

​Nils Markwardt arbeitet als freier Autor und schreibt u.a. für Literaturen und der Freitag.