Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Marjaleena Lembcke
Sybille Hein (Illustrator)

Ein Märchen ist ein Märchen ist ein Märchen

Bilderbuch

Buchbesprechung

Was tut ein König, wenn in seinem Schloss plötzlich nichts mehr geht? Zunächst wundert er sich – und wenn das nichts hilft, zieht er hinaus in die Welt, um der Störung auf den Grund zu gehen.

So beginnt das moderne Märchen von Marjaleena Lembcke, dessen zentrales Thema die Suche ist: da ist der Schriftsteller, der nach Ideen sucht, und da sind die Märchenfiguren, die ihrerseits ihren Autor suchen. Damit verbunden wird auch die Frage nach dem Verhältnis von fiktiver Welt und Realität. Es ist ein Märchen, das einerseits die Regeln des Märchengenres befolgt, andererseits nach dem Prinzip der russischen Puppe eine ganze Reihe unterschiedlicher Erzählebenen eröffnet, um diese dann am Schluss doch wieder zu vereinen.

Die Geschichte beginnt, wie schon erwähnt, im königlichen Märchenschloss: Die Familie sitzt beim Frühstück und will sich wie gewohnt von den zahlreichen Bediensteten den Kaffee servieren lassen, doch auf einmal rühren sich die Diener nicht mehr. Offenbar hat der Schriftsteller zu schreiben aufgehört, und so wissen die Figuren nicht, was sie als nächstes tun sollen. Im Schloss wird es langsam kalt, und deshalb beschließt man, draußen selbst nach dem Rechten zu sehen.

Diese Entdeckungsreise führt die Familie in die wirkliche Welt außerhalb des Märchens, in die moderne Welt mit Einkaufszentren und Arbeiterdemonstrationen, aber schnell stellt sich heraus, dass die Menschen die Märchen- und anderen erdachten Figuren nur wahrnehmen können, wenn diese ihnen in Büchern begegnen. Welch frustrierende Erfahrung für eine königliche Familie!

Die Hauptgeschichte wechselt ab mit kurzen Zwischenszenen einer Parallelhandlung, die das Dilemma des inspirationslosen Schriftstellers zeigt. Der wandert mutlos herum und trifft im Park einen alten Stadtstreicher, dessen einfache Logik und Lebensweisheiten den Schriftsteller über den wahren Zweck von Märchen aufklären: Märchen existieren, damit man träumen kann und auf diese Weise ein wenig glücklicher wird. Und: Was man einmal angefangen hat, muss man auch zu Ende bringen!

Doch zurück zur Königsfamilie: In der Stadt gibt es noch viele Figuren, die heimatlos herumirren, weil sie in ihren Geschichte nur kurz auftauchen durften und dann gestrichen wurden. Seite Dreizehn ist ein solcher Junge, nicht mal einen Namen hat er bekommen, weil er so unwichtig war. Aber die Prinzessin findet ihn entzückend! Das Schicksal der armen Kinder rührt die Könige und so beschließen sie die heimatlosen Kinder mitzunehmen und mit Hilfe des etwas undurchsichtigen Graf von Eselsbrücken ins Schloss zurückzukehren und ihr Leben fortan selbst zu regeln. Aber, naiv, wie Märchenfiguren nun einmal sind, gehen sie dem Grafen in die Falle: Er ist ein Märchenkinder-Fänger und vertreibt sich außerdem die Zeit damit, Geschichten in seinen Computer zu tippen und anschließend zu löschen. Doch glücklicherweise ist Seite Dreizehn ein gewiefter Straßenjunge, und es gelingt ihm, zusammen mit dem Schriftsteller alle wieder zu befreien. Gemeinsam zieht man zum Schloss, wo es dem Schriftsteller schließlich gelingt, eine Geschichte zu schreiben, die für alle Platz bietet.

Marjaleena Lembcke hat mit ihrem Märchen eine vielschichtige und originelle Collage aus bekannten Märchen und Geschichten geschaffen, bei der die Lust am Zitieren in idealer Weise mit der kindgerechten Verfremdung von Bekanntem einhergeht. Auf diese Art ist ein ganz neues Märchen entstanden (Stadtstreicher: „Irgendein Märchen wird es jawohl geben, das es noch nicht gibt.“), dessen Ende offen bleibt. Es handelt sich hier also letztlich um ein Märchen im Märchen, in dem das Thema Märchen immer wieder von den Figuren diskutiert wird, ebenso wie das Verhältnis von „Dichtung“ und „Wahrheit“. Lembckes Figuren beziehen sich ebenso selbstverständlich auf den traditionellen Wertekanon des Märchens wie ihre Vorgänger. So wird beispielsweise das Schicksal der „kleinen Meerjungfrau“ zu Erziehungszwecken ebenso beschworen wie die böse Hexe aus dem „Schneewittchen“.

Dem Genre entsprechend stellen die Märchenfiguren zwar durchweg Typen und keine Individuen dar, aber ihr individueller Umgang mit der Sprache macht die besondere Komik von Lembckes Märchen aus. Während der König sich auch weiterhin gediegen-königlich ausdrückt, verändert sich der Wortschatz von Frau und Tochter schon bald und sie passen sich auch verbal der veränderten Situation an. Besonders komisch ist es, wenn die Straßenkinder zum Märchenerzählen eingeteilt werden und nicht nur den altbekannten Duktus des Märchens, sondern auch den moralischen Standpunkt des Erzählten verändern: denn ob ein Märchen gut ausgeht oder nicht, kommt eben immer darauf an, auf welcher Seite man steht.

Obwohl es kein Bilderbuch im herkömmlichen Sinne ist, sind die Illustrationen von Sybille Hein weit mehr als schmückendes Beiwerk. In ihrem unverwechselbaren Stil ergänzt diese Buchkünstlerin die Geschichte und illustriert sie im besten Sinne des Wortes. Mit Aquarellfarben kolorierte Kreidezeichnungen skurriler Figuren bevölkern die Seiten, oft werden beschriebene und bedruckte Buchseiten collageartig in die Zeichnungen integriert. Viele witzige Details begeistern Lesende und Zuhörer beim gemeinsamen Betrachten: Da ist ein Drache mit drei Köpfen, aber nur einer der Köpfe trägt eine Brille, oder ein Baum, an dessen Stamm ein großes Schild mit dem Wort „Stamm“ befestigt ist. Sybille Hein pflegt auch hier ihren leicht anarchischen Stil und der passt ganz ausgezeichnet zu diesem ungewöhnlichen Buch!
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 27.04.2005