Sparte: Sachbuch

Carlos Widmann
Das letzte Buch über Fidel Castro

Biografie

Buchbesprechung

​"Die Geschichte wird mich freisprechen". Als Fidel Castro im Jahr 1953 seinen berühmtesten Satz ausrief, erhob er sich mit theatralischer Inbrunst von der Anklagebank des Gerichts von Santiago de Cuba. Wegen eines überaus dilettantisch geplanten und blutig niedergeschlagenen Putschversuchs – dem später zum kubanischen Nationalfeiertag erhobenen Ansturm auf die Moncada-Kaserne am 26. Juli 1953 – wurde dem jungen, rebellischen Rechtsanwalt und seinen überlebenden Gefolgsleuten der Prozess gemacht. Genaugenommen wäre es damals noch nicht nötig gewesen, die Geschichte zu beschwören. Denn Machthaber Batista, gegen den der Angriff sich richtete, erließ eine Generalamnestie für alle politischen Häftlinge.

Keine sechs Jahre später war Castro dann derjenige, der festlegte, wen die Geschichte frei sprach –zumindest die Geschichte, wie sie in der Presse und den Schulbüchern Kubas festgehalten wurde. Batista war am Neujahrsmorgen des Jahres 1959 überhastet von der Insel geflohen. Einige Stunden später marschierte das siegreiche Rebellenheer der "Bewegung des 26. Juli" in Havanna ein und Chefkommandant Castro hielt seine erste Rede vor einem Menschenmeer. Am Schluss der Ansprache flatterte eine weiße Taube vom Himmel und setzte sich auf seine Schulter. Damit hatten sich Zeichen und Wunder hinreichend erfüllt. Castro galt dem Volk als "Mann der Vorsehung", als Messias in grüner Guerillero-Kluft. Als er sich sechs Wochen später – entgegen seiner früheren Beteuerung – zum Staatsoberhaupt Kubas ernannte, schadete dies seinem Nimbus eben so wenig wie der Überwachungsstaat, den er errichtete, die Massenhinrichtungen, die er durchführen ließ, der Atomkrieg, in den er die Welt um ein Haar gestürzt hätte.

Neben der von Dauerpropaganda berieselten kubanischen Bevölkerung zählten auch zahlreiche ausländische Intellektuelle zu den Anhängern des "Kommunismus unter Palmen", Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir ebenso wie Hans Magnus Enzensberger. Unter den revolutionär gesinnten Idealisten aus Westeuropa – später "Achtundsechziger" genannt – galt ein "Kampfeinsatz" auf kubanischen Zuckerrohrplantagen als die fortschrittlichste Form des Zeitvertreibs.

Der 1938 geborene, deutsch-argentinische Journalist und langjährige SZ-Auslandskorrespondent Carlos Widmann verbrachte die Erntesaison des Jahres 1969 auf Kuba. Tagsüber schwitze er mit der Machete in der Hand auf der Plantage, abends leistete er an der Schreibmaschine seinen Beitrag zur Verwirklichung der karibischen Variante des kommunistischen Traums. Als "eine der größten rhetorischen Leistungen spanischer Sprache des 20. Jahrhunderts" feierte er etwa Castros Moncada-Verteidigungsrede, die unter dem erwartbaren Titel "Die Geschichte wird mich freisprechen" zur staatstragenden Kultschrift auf der Karibikinsel avanciert war.

In den Folgejahrzehnten wandelte sich Widmanns Urteil. Was ihn damals zu seiner Fehleinschätzung getrieben haben mag, fragt sich die Reporter-Legende in ihrem jüngsten Werk: Vielleicht war´s die Revolutionsromantik unter Palmen, "die schäumende Brandung am Malecón, der Hüftschwung der Mulattinnen, die hochprozentigen Rumgetränke [...]. Vieles erklärt, nichts entschuldigt einem Reporter die Beurlaubung seiner kritischen Fähigkeiten". So lautet die saloppe rückblickende Selbstanklage des Autors von "Das letzte Buch über Fidel Castro" – Widmanns sachkundiger, persönlicher und endgültiger Abrechnung mit dem charismatischen Karibikdespoten.

Zwischen Wut und feiner Ironie wechselt der Ton in siebzehn Kapiteln, die sich trotz des überwiegend anekdotischen Charakters zu einem differenzierten Porträt eines problematischen Helden fügen. Während Castro im Amt blieb, wechselten elf mächtige, ihm feindlich gesonnene US-Präsidenten – fast fünfzig Jahre war Fidel an der Macht, bevor er 2008 seinem "kleinen" Bruder Raul, Jahrgang 1931, das Zepter übergab.

Widmann konzentriert sich vor allem auf das gigantische Castro-Ego, das über die ausgeprägte Begabung zu verfügen scheint, sich im Fall eines Triumphs ebenso aufzublähen und an sich selbst zu berauschen wie im Fall einer Niederlage. Diesen Charakterzug hat seinerzeit auch der wichtigste Mitguerillero des Maxímo leader zur Kenntnis genommen. Kurz vor seinem gewaltsamen Tod im Jahr 1967 bemerkte Che Guevara über Kuba unter Castro: „Auf dieser Insel ist nur Platz für einen Individualisten. Ich bin der andere."

Von den Insiderkenntnissen des Autors profitieren nicht zuletzt jene Kapitel, in denen die vermeintlichen innen- und gesundheitspolitischen Glanzstücke Castros durchleuchtet werden. Besonders eindrücklich berichtet Widmann von den menschenunwürdigen Zuständen in der Psychiatrie von Havanna. Bis vor Kurzem wurden regelmäßig ausländische Besuchergruppen durch die bekannteste Nervenheilanstalt Lateinamerikas geschleust – etwa um einer Aufführung des "Krankenorchesters" zu lauschen, das in Wahrheit aus kerngesunden, professionellen und für kubanische Verhältnisse einigermaßen ordentlich besoldeten Musikern bestand.

Zu einer der rätselhaftesten Figuren in Widmanns ebenso unterhaltsamer wie bestürzender Demontage des Castro-Mythos gehört Gabriel García Márquez. Die "numero uno" der südamerikanischen Erzählkunst gilt als langjähriger Intimus Castros und bekleidete lange das Amt des inoffiziellen Prestige-Beauftragten Kubas. Es ist zweifellos befremdlich, mit welch ungebrochener Begeisterung der kolumbianische Literaturnobelpreisträger jahrzehntelang offiziell das Lob des Patriarchen von Havanna sang. Gleich im ersten Kapitel handelt sich "Gabo" deswegen Widmanns Missbilligung ein. Ihm zufolge beruht die Freundschaft zwischen Castro und García Márquez nicht auf strategischen oder materiellen Interessen, sondern hat ihren Grund in der Psyche des Literaten. Márquez, so Widmann, werde seit jeher von einer starken Sehnsucht nach archetypischen Führer- und Vaterfiguren umgetrieben, wie man sie aus seinen Romanen kennt. An späterer Stelle wird dieser Tadel jedoch deutlich abgeschwächt. Offenbar hat sich irgendwann auch bei dem – mittlerweile an Demenz erkrankten – Schriftsteller ein, mit Widmanns eigener Castro-Desillusionierung vergleichbarer, Sinneswandel vollzogen: In Márquez Schublade soll ein dickes Manuskript voller Reportagen liegen, ein "Kuba-Wälzer", in dem eine Geschichte erzählt wird, die Castro schuldig spricht.
Marianna Lieder

Von Marianna Lieder, 18.08.2013

​Marianna Lieder ist seit 2011 Redakteurin beim „Philosophie Magazin“. Als freie Journalistin und Literaturkritikerin arbeitet sie u. a. für den Tagesspiegel, die Stuttgarter Zeitung und Literaturen.