Sparte: Sachbuch

Alexander Kluge
Das fünfte Buch. Neue Lebensläufe - 402 Geschichten

Sachbuch

Buchbesprechung

​Walter Benjamin, sagte Alexander Kluge in einem Gespräch, sei für ihn kein berühmter Toter, sondern ein enger Freund, ein vertrauenswürdiger Gefährte, den er immer wieder im Geist aufsuche, mit dem er sich austausche, obwohl er ihm nie begegnet sei. Immerhin könnte Benjamin auf der Durchreise einmal neben seinem Vater, dem Theaterarzt Ernst Kluge, in der Halberstädter Oper gesessen haben, aus der sein Sohn ihn in dringenden Fällen holen musste. Und auch wenn sich keine Bekanntschaft belegen lasse, liefen die Kausalketten doch dicht aneinander vorbei. Daß die Toten und die Lebenden, das Gestern und das Heute nicht streng voneinander geschieden, sondern auf schwer durchschaubare Weise miteinander verknüpft sind, daß sie sich gegenseitig beeinflussen und verwandeln, gehört zu den Grundüberzeugungen des 1932 geborenen Autors: Wir leben schließlich „nicht nur in einer Gegenwart“.

Schon in seiner 2000 erschienenen, zweibändigen „Chronik der Gefühle“ hatte Kluge sogenannte Basisgeschichten mit politischen und historischen Erzählungen kombiniert, hatte mit aufeinanderfolgenden Kurztexten eine Landkarte des eigenen Lebens entworfen und diese in einer Art Cross-mapping-Verfahren auf andere Lebenslandkarten gelegt. 2003 erschienen mit „Die Lücke, die der Teufel lässt“ 500 weitere Geschichten, 2006 noch einmal 350 mit „Tür an Tür mit einem anderen Leben“.

Der 2012 veröffentlichte jüngste Band dieses einzigartigen Projekts heißt programmatisch „Das fünfte Buch. Neue Lebensläufe“ und enthält noch einmal 402 erfundene und gefundene Geschichten, die mit den vorangegangenen Bänden in Dialog treten und das „Rumoren der verschluckten Welt, die Unverwüstlichkeit von menschlicher Arbeit und von love politics“, den „Kältestrom“ und die „unsichtbare Schrift der Vorfahren“ zum Thema haben. Denn nicht nur „Menschen haben Lebensläufe, sondern auch die Dinge: die Kleider, die Arbeit, die Gewohnheiten und die Erwartungen. Für Menschen sind Lebensläufe die Behausung, wenn draußen Krise herrscht. Alle Lebensläufe gemeinsam bilden eine unsichtbare Schrift. Nie leben sie allein. Sie existieren in Gruppen, Generationen, Staaten, Netzen. Sie lieben Umwege und Auswege. Lebensläufe sind verknüpfte Tiere.“

Der unsichtbaren Schrift der Lebensläufe geht der promovierte Jurist, der für Adorno und Fritz Lang arbeitete und filmtheoretische Abhandlungen sowie soziologische Untersuchungen verfasste, auch in seinen Fernsehproduktionen, Interviews und Filmen nach. Sein unterschiedlichste Bereiche und Gebiete einbeziehender, sich nicht auf vorgegebene Erfahrungsmuster verlassender Weltzugang spiegelt sich auch in der Form und Struktur seines literarischen Werkes.

Und so bietet auch das „Fünfte Buch“ kein lineares Erzählschema, keine konventionelle Abfolge von Textpassagen und Abbildungen, sondern entwickelt ein ganz eigenes, assoziatives Zusammenspiel von Fotografien, Zeichnungen, Illustrationen, Familienporträts, Überschriften, Bilderklärungen und Erzählformen. Wer den Band an einer beliebigen Stelle aufschlägt, gerät in ein komplexes Verweissystem, in ein entfernte Lebens- und Wissensgebiete verbindendes Album, mit aufeinander folgenden Überschriften wie: „Eine Beobachtung von Niklas Luhmann, die auf Richard Sennetts Bemerkung antwortet“, „Ein libidinöser Grund für Sachlichkeit“, „Figaros Loyalität“.

Darstellungsfülle und Verknüpfungsvielfalt des Buches zeigen gerade im E-Book- und Internetzeitalter, welchen Formenreichtum dieses alte Medium zu bieten hat. Wie in einem Kaleidoskop ergeben sich aus den Geschichten, Beobachtungen und Verweisen immer neue Konstellationen, die nicht auf den aktuellen Band beschränkt sind, sondern eben auch frühere Bücher einbeziehen, eine Art Klugeschen Weltkosmos entstehen lassen, in dem ein Einschub über Heideggers Griechenlandreise im „Fünften Buch“ an das Kapitel „Heidegger auf der Krim“ in „Chronik der Gefühle“ anknüpft.

Was so entsteht, ist kein zweidimensionales Tableau, sondern ein vielschichtiges Kompendium und Panorama des 20. Jahrhunderts, das weit über diese Epoche hinausreicht, ausgreift bis ins 17. und 18. Jahrhundert, bis in die Antike, bis zu den Anfängen der Welt. Nicht der bekannte Gang der Geschichte bestimmt hier den Lauf der Dinge, es ist das Zusammenspiel kleiner und großer Ereignisse, der Weltkriege und Familiendramen, der Staatskrisen und Faits divers, der Romanpublikationen und Atomexperimente. Der Leser wird auf kaum bekannte Nebenpfade und in scheinbare Sackgassen geführt und findet sich in diesem verschlungenen, auf einer eigenen, inneren Logik beruhenden Labyrinth nur zurecht, wenn er sich selbst Wege und Ausblicke sucht, Verknüpfungen herstellt, Fäden aufnimmt und weiterspinnt.

Kluges eigener Ariadnefaden ist die Geschichte seiner Familie, das Aufwachsen im „Dritten Reich“ im Harz, die Scheidung der Eltern, der Untergang von Halberstadt im Bombenhagel, das Kriegsende. Von hier aus blickt der Autor vor und zurück, berichtet von Begegnungen mit Adorno und Luhmann, der lebenslangen Zusammenarbeit mit der Schwester, von dem im 1. Weltkrieg gefallenen Onkel Otto, der aus Deutschland stammenden Familienlinie, dem englischen Zweig und den aus Frankreich eingewanderten Vorfahren. Ein Zustrom unterschiedlicher sprachlicher, genetischer und kultureller Komponenten, der in einer bestimmten Familie zusammenfließt und ihr genealogisches Profil bestimmt:

„Dass solche Gegensätzlichkeiten keinen Bürgerkrieg in den Seelen und Körpern hervorrufen, sondern sich in jedem Pulsschlag, in jedem Herzschlag von Minute zu Minute einigen, ist das Abbild einer generösen, toleranten, das Menschrecht erweiternden Verfassung, welche die Gene schreiben (auf ihren Inseln), anders als die Staatswesen. Insofern enthält der Körper, zusammengesetzt aus der Vielfalt so gegensätzlicher Vorfahren, eine Art Zauberbuch. Keine Enzyklopädie kommt der Macht dieser Inschriften gleich, welche die Zukunft bestimmen.“

Und weil Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit letztlich eine Einheit bilden, ergänzen sich in diesem weit ausholenden und in die Weite blickenden Buch eben auch eine lange Abhandlung über den höfischen Roman „Die Prinzessin von Clèves“, Reportagen über die japanische Atom- und Flutkatastrophe („Uralte Freunde der Kernkraft“) und die Frage, welche Sprache „in 200 Millionen Jahren gesprochen“ wird. Denn alles, was einmal geschrieben, gedacht, getan wurde, hat Folgen, setzt Energien frei, die sich in fernsten Reaktionen entladen.

Kluges Buch geht diesen Spuren nach, bis in die apokalyptischen Grenzbereiche des Lebens, die Herrschaftsgebiete der Vernichtung und des Todes, der Exekutionen und Standgerichte, des Terrors und der Katastrophen. Für den Geschichtsforscher und Geschichtenforscher sind sie auch Zonen der Erkenntnis, die Auskunft geben über das, was sich erst im Zustand der Extreme enthüllt. Polarforscher wie Robert Scott oder die in Russland erfrorenen Soldaten der Wehrmacht seien nicht an der Kälte gestorben, sondern an „Aussichtslosigkeit“ und „Hoffnungsverlust“. Und wo die Hoffnung endet, endet auch das Leben. Was aber weiterlebt, ist die Erinnerung und die Erzählung.
Matthias Weichelt

Von Matthias Weichelt, 18.01.2013

​Matthias Weichelt ist Chefredakteur der Zeitschrift „Sinn und Form“. Er schreibt unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "Neue Zürcher Zeitung".