Sparte: Sachbuch

Friedrich Kellner
Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne. Tagebücher von 1939-1945 - Hg. von S. Feuchert, R.S. Kellner u.a.; 2 Bände

Sachbuch

Buchbesprechung

Am 25. September 1942 klebte Friedrich Kellner einen Zeitungsartikel in sein Tagebuch, in dem triumphierend über den planmäßigen Verlauf der "Entjudung Südosteuropas" berichtet wurde. Von  65.000 Juden, die bereits in "Transportern abgeschoben" wurden, war darin die Rede, und von 18.000 weiteren, die noch auf den "Abtransport warten". Die  naheliegende Frage, die von der überwältigenden Mehrheit der Deutschen nicht gestellt wurde, weil man – entgegen der zählebigen Beteuerungen in der Nachkriegs-BRD – ahnte,  welch belastende Antwort sich dahinter verbarg, hat der Tagebuchschreiber in ein Wort gefasst: "Wohin?" steht in akkurater Sütterlinschrift neben dem Artikel.

Der 1885 geborene Kellner gehörte zu den Hitler-Kritikern der ersten Stunde. Kurz nach Ende des ersten Weltkriegs trat er in die SPD ein und warnte während der Weimarer Republik öffentlich vor der bedrohlich rasch erstarkenden „Bewegung“. Nach der Machtergreifung 1933 sah auch er sich gezwungen, den Kopf einzuziehen, doch er schaltete ihn nicht ab. Kurz bevor Nazi-Deutschland im September 1939 Polen überfiel und damit jenen Krieg begann, der Abermillionen Menschen das Leben kosten sollte, begann Kellner, seine Empörung über das Regime und die blinde Gefolgschaft der Bevölkerung in Tagebüchern festzuhalten. Sechs Kriegsjahre hindurch, bis Mai 1945 schrieb er beinahe täglich, füllte insgesamt 900 Seiten, verteilt auf 10 Hefte.

Von seiner zeitgeschichtlichen Bedeutung her reicht dieses schriftliche Vermächtnis an die Tagebücher des von den Nazis in ein „Judenhaus“ verbannten und nur knapp ihren mörderischen Absichten entkommenen Romanisten Victor Klemperer heran. Allerdings war Kellner im Unterschied zu jenem weder ein klassischer Intellektueller noch ein unmittelbar Verfolgter. Als einfacher Justizbeamter in der hessischen Provinzstadt Laubach hatte er auch keinen Zugang zu Insiderwissen. Seine unerbittliche Kritik des Nationalsozialismus erfolgte aus der Perspektive eines Durchschnittsbürgers. Und gerade in dieser Alltäglichkeit der Tagebücher liegt ihre Besonderheit. Kellner zeigt, was man wissen konnte, und raubt damit all jenen das Alibi, die sich hinter der Ahnungslosigkeit des kleinen Mannes verschanzt haben. 

Nicht zuletzt dokumentieren die Aufzeichnungen, wie sich das System durch seine Propaganda für jeden klar denkenden Menschen, dessen moralischer Kompass auch nur halbwegs funktionierte, im Grunde hätte von selbst entlarven müssen. Nahezu manisch schnitt Kellner Artikel aus Tageszeitungen und Wochenmagazinen aus, Meldungen die bisweilen derart ideologisch verdreht und offenkundig widersprüchlich sind, dass selbst Kellners nebenstehender kritischer Kommentar überflüssig wirkt. 

Spätestens nach Hitlers Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 waren die Augenzeugenberichte derer, die die Massenhinrichtungen an der Ostfront miterlebt hatten, in der Allgemeinheit fast ebenso verbreitet wie die gleichgeschalteten Pressemeldungen. Ende Oktober 1941 gibt Kellner im mittlerweile dritten Heft die Worte eines beurlaubten Soldaten wieder, der einem Massaker in der Ukraine beigewohnt hatte: "Er hat gesehen, wie nackte Jüdinnen und Juden, die vor einem langen und tiefen Graben aufgestellt wurden, auf Befehl der SS von Ukrainern in den Hinterkopf geschossen wurden u. in den Graben fielen. Der Graben wurde dann zugeschaufelt. Aus den Gräben drangen dann oft noch Schreie!!"

Auch die bestialische Durchführung der "rassenhygienischen" Maßnahmen im Inland, vor allem die Ermordung geistig und körperlich Behinderter, wie sie von den Nationalsozialisten seit 1939 systematisch betrieben wurde, konnte vor der Bevölkerung  nicht geheim gehalten werden. Eine der für diese Vernichtungsaktionen eingerichteten  "Heil- und Pflegeanstalten" befand sich im unweit von Kellners Wohnort gelegenen Hadamar. Den Verdacht, dass es dort keineswegs um das Wohl der Patienten ging,  äußert der Diarist erstmals im Juni 1941. "In letzter Zeit mehren sich die Todesfälle in der Heil- und Pflegeanstalt Hadamar."

Einen Monat später findet sich ein weiterer Eintrag zu den Geschehnissen in der  nahe gelegenen "Klinik". Den Anstaltsbürokraten war eine "Panne" passiert. Sie hatten eines der Kinder wieder nach Hause entlassen, dabei allerdings versäumt, den Namen von der Liste der geplanten "Sterbefälle" zu streichen, so dass die Eltern dennoch die Nachricht vom Tod des Kindes erhielten mitsamt der Ankündigung, in den nächsten Tage die Urne des Verstorbenen zugestellt zu bekommen. Kellner erkennt sofort, was sich hinter diesen Ungereimtheiten verbirgt; unabweislich sei damit "die beabsichtigte vorsätzliche Tötung ans Tageslicht gekommen". 

Neben Nazi-Deutschland richtet sich die Kritik auch gegen die Alliierten, denen er vorwirft, vor lauter Partikularinteressen viel zu zögerlich gegen Hitler vorzugehen. Als altgedienter Soldat verfügt Kellner über ein treffsicheres militärstrategisches Urteilsvermögen. Nach dem Wehrmacht-Desaster vor Stalingrad im Winter 1942/43 ist für ihn klar, dass das NS-Regime am Kampf gegen die Welt zu Grunde gehen wird.

Abgesehen von ihrer Einzigartigkeit als geschichtliches Zeugnis sind Kellners Aufzeichnungen psychologisch hochinteressant. So ist er trotz seiner Immunität gegen die nationalsozialistische Ideologie keineswegs durchweg sympathisch. Sein stellenweise  visionärer Scharfsinn weicht vor allem in den späteren Notaten immer öfter einer selbstgerechten, trotzigen Naivität.

Auffällig ist auch der beiläufige, regelrecht tadelnde Tonfall in seinem Kommentar zu den Widerstandskämpfern um Graf von Stauffenberg, die das gescheiterte Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 mit ihrem Leben bezahlen mussten. Als verberge sich dahinter ein heimlich nagendes Unbehagen angesichts der eigenen Zurückhaltung, eine Unzufriedenheit über den eigenen „bloß“ passiven Widerstand, tut Kellner die beispiellos mutige Tat Stauffenbergs als „stümperhaftes Unternehmen“ ab; und beteuert einmal mehr seine – im damaligen Stadium des Krieges reichlich rätselhaft wirkende – Ansicht, Hitler müsse um jeden Preis „bis zum Ende“ am Leben bleiben, damit keiner ihn nachträglich zum Helden stilisieren könne. 

Dass Kellner selbst bewundernswerten Mut bewies, indem er beharrlich ein Tagebuch führte, das ihn das Leben gekostet hätte, wäre es entdeckt worden, soll hier keineswegs in Abrede gestellt werden. Mitte der sechziger Jahre wurde dieses Verdienst auch von der Bundesrepublik anerkannt. Der pensionierte Justizinspektor bekam einen „Wiedergutmachungsbescheid“, in dem ihm nachträglich jene Beförderung gewährt wurde, die ihm wegen seiner Ungefügigkeit im Dritten Reich verwehrt geblieben war.

Die eigentliche Genugtuung wurde dem unbeirrbaren Chronisten allerdings erst Jahrzehnte nach seinem Tod im Jahr 1970 zuteil. Durch abenteuerliche familiäre Umstände gelangten die Hefte zunächst in die USA, wo sie zum 60. Jahrestag des Kriegsendes Aufsehen erregten. Weitere sechs Jahre darauf haben sie endlich den Weg zu einem deutschen Verleger gefunden. Aus den zehn Notiz-Kladden sind zwei schwere, vorbildlich edierte und hilfreich kommentierte Bände geworden. Weil er sich außer Stande sah, die Nazis zu bekämpfen, wollte Kellner mit seinen Tagebüchern „künftigen Generationen eine Waffe gegen jede Wiederholung solcher Untaten“ geben. Sein Anliegen bleibt aktuell.
Marianna Lieder

Von Marianna Lieder, 18.09.2012

​Marianna Lieder ist seit 2011 Redakteurin beim „Philosophie Magazin“. Als freie Journalistin und Literaturkritikerin arbeitet sie u. a. für den Tagesspiegel, die Stuttgarter Zeitung und Literaturen.