Sparte: Sachbuch

Karin Wieland
Dietrich & Riefenstahl. Der Traum von der neuen Frau

Biografie

Buchbesprechung

Als 1987 die Memoiren von Leni Riefenstahl erscheinen, macht Marlene Dietrich keinen Hehl aus ihrer Abneigung. Alles sei erstunken und erlogen in den Erinnerungen der einstmals glühenden Hitler-Anhängerin, die nun behaupte, dessen Namen vor 1932 nicht einmal gehört und von all den Verbrechen nichts gewusst zu haben. Betrachtet man die Lebenswege der beiden Frauen vom Ende her, ist tatsächlich kaum ein größerer Gegensatz denkbar als der zwischen dem Hollywoodstar Dietrich, der Deutschland schon 1930 verließ, eine Weltkarriere begann und sich auf Seiten der U.S. Army im Kampf gegen Nazideutschland engagierte, und der Tänzerin, Schauspielerin und Filmemacherin Riefenstahl, die nach erfolgreichen Auftritten in Natur- und Bergfilmen zur prominentesten Künstlerin des Dritten Reichs aufstieg und zu Hitlers engster Entourage gehörte.

Und doch gibt es zahlreiche Verbindungslinien und Berührungspunkte, wie Karin Wieland in ihrer voluminösen, akribisch recherchierten und spannend erzählten Doppelbiographie zeigen kann. Geboren Anfang des 20. Jahrhunderts in der nervösen Stadt Berlin und aufgewachsen in der Zeit des Ersten Weltkriegs, müssen sich beide gegen die Moral- und Lebensvorstellungen ihrer Eltern durchsetzen. Das Herauskommen aus einer beengenden Umgebung, das ständige Vorwärtskommen wird zum eigentlichen Ziel.

Im Chaos der Nachkriegszeit und der von Inflation und Arbeitslosigkeit geprägten Unruhe der Zwanzigerjahre entdecken sie die Kunst als Ventil und Fluchtmöglichkeit. Gerade im Tanz, im Theater und im Film können junge Frauen dank ihrer Schönheit und Ausstrahlung zu Stars oder wenigstens zu Sternchen werden. Wichtiger als Talent und Begabung sind dabei oft Willenskraft, Disziplin und die Fähigkeit zur Selbstdarstellung. Und die Nutzung des erotischen Kapitals – Dietrich wie Riefenstahl werden zeitlebens von ihrem enggestrickten Netz von Liebhabern und Verehrern profitieren. Für beide gilt: „Eine Frau ist, was sie aus sich zu machen versteht.“

Während sich Marie Magdalene Dietrich, die sich mit elf Jahren ihren Künstlernamen Marlene zulegt, auf diversen Berliner Theaterbühnen und mit kleinen Filmrollen durchschlägt und 1929 von Josef von Sternberg für die Figur der Lola in „Der blaue Engel“ entdeckt wird, muss Leni Riefenstahl ihre Karriere als Ausdruckstänzerin wegen einer Verletzung beenden, wird dann aber mit Filmen wie „Der heilige Berg“ (1926) und „Die weiße Hölle vom Piz Palü“ (1929) berühmt, in denen sie weniger durch ihr schauspielerisches Talent als durch ihren Wagemut hervorsticht. Kunst und Schmerz gehören für sie von Anfang an zusammen, Schönheit ist für sie ein Resultat von Körperarbeit. Für Karin Wieland ist Riefenstahls Aufstieg als Künstlerin, die die Reinheit der Berge gegen die Verkommenheit der Städte setzt und sich als Mischung aus Priesterin und Femme fatale inszeniert, Teil der noch „unzureichend erzählten Geschichte der Weimarer Republik“.

In „Dietrich & Riefenstahl. Der Traum von der neuen Frau“ erfährt man viel Neues über das Berliner Künstlerleben der Zwanzigerjahre, über Anarchie und Libertinage, über die bevorzugten Bars und Lokale der Stars und die Treffpunkte all derer, die dazugehören und dazugehören wollen. Mit der sogenannten Machtergreifung der Nazis ist es damit vorbei. Marlene Dietrich, die sich mit Hilfe ihres Entdeckers und Geliebten von Sternberg in Hollywood durchsetzt und dort mit Ernst Lubitsch, Billy Wilder und G.W. Pabst drehen wird, widersetzt sich allen Angeboten, nach Deutschland zurückzukommen. Mit Hitler, der sie verehrt, und Goebbels, der sie umwirbt, nichts zu tun zu haben, ist für sie eine Frage des Anstands.

Für Leni Riefenstahl hingegen beginnt 1933, so Wieland, die beste Zeit ihres Lebens. Hitler, dessen Bekanntschaft sie schon zuvor gesucht hatte, ist von ihr begeistert und macht sie zu seiner Lieblingskünstlerin. Da sie mittlerweile auch Regie führt, wird sie mit der Dokumentation der Nürnberger Reichsparteitage und der Olympischen Spiele von 1936 betraut, die sie spektakulär in Szene setzt. „Mit dem Olympia-Film“, meint Karin Wieland, „ist Leni Riefenstahl das Kunststück gelungen, einen eminent politischen Film zu drehen, der gleichwohl bis heute als einer der besten Sportfilme überhaupt gilt.“

Der Krieg bedeutet einen tiefen Einschnitt im Leben der so ungleichen Frauen. Während sich Marlene Dietrich zur amerikanischen Armee meldet, in Nordafrika und Europa vor Zehntausenden von Soldaten singt und mit den Truppen nach Deutschland vorrückt, nimmt Riefenstahl 1939 an der deutschen Siegesparade in Warschau teil, arbeitet aber vor allem an dem unter Protektion von Reichsfilmminister Goebbels entstehenden Endlosprojekt „Tiefland“, das sie zehn Jahre ihres Lebens beschäftigen und Unsummen verschlingen wird.

Ausführlich kommt bei Wieland auch die zweite Hälfte dieser kunstvoll ineinander gespiegelten Jahrhundertleben zur Sprache, die durch Auswertung aller verfügbaren Dokumente und Unterlagen rekonstruiert werden. Im Gegensatz zum öffentlich zugänglichen, mehr als 300.000 Blatt umfassenden Nachlass der Marlene Dietrich Collection, der auch Kleider, Zigarettenetuis und Schminkutensilien enthält, ist von Leni Riefenstahl so gut wie nichts für Forscher einsehbar. Und das vermutlich aus gutem Grund. Denn das Ende der Naziherrschaft empfindet sie nicht als Neuanfang, sondern nur als kurzzeitige Unterbrechung ihrer Karriere. Sie fühlt sich mißverstanden und zu Unrecht beschuldigt und wird bis ans Ende ihres Lebens jede Verstrickung in die Untaten ihrer früheren Gönner leugnen.

Stattdessen gelingt es Riefenstahl, mit Bildern unbekannter afrikanischer Stämme und als Unterwasserfotografin neue Karrieren zu beginnen. Sie fotografiert Mick Jagger, wird zu Festivals eingeladen und von der künstlerischen Bohème des Pop vereinnahmt. Die ewige Jubilarin des deutschen Feuilletons, die 2003 mit über hundert Jahren stirbt, ist die einzige Künstlerin der Nazis, die in der Nachkriegszeit nichts von ihrer Berühmtheit einbüßt.

Auch Marlene Dietrich muss sich in der Welt des Kalten Krieges erst zurechtfinden. Sie kann noch einige große Filme drehen, konzentriert sich dann aber auf ihre Karriere als Sängerin, bei der es immer mehr darauf ankommt, das unveränderliche Bild ihrer selbst zu bewahren: „In diesem Konzept ist ihr Alter nicht vorgesehen. Ihre Show ist der wehmütige Rückblick einer Frau, die mit ewiger Jugend gesegnet zu sein scheint. Marlene Dietrich bleibt ein Stück Film, doch es ist der Film ihres Lebens, dessen Regisseurin sie nun ist.“ Sie wird zu einer Maschine, die perfekt funktionieren muss, um die endlosen Tourneen durchzustehen und das dringend benötigte Geld einzuspielen. Ohne Alkohol und Tabletten ist dieses Leben nicht durchzustehen. 1992 stirbt sie einsam und abgeschottet in ihrem Pariser Appartement, aber ihr Gesicht ist zu einer Formel des 20. Jahrhunderts geworden.

Karin Wielands facettenreiches Porträt erzählt nicht nur die Geschichte zweier Ikonen der modernen Kunst, sondern auch die Geschichte eines Jahrhunderts, in dem der „Traum von der neuen Frau“ von vielen Frauen geträumt wurde. Und die so gegensätzlichen Lebenswege der ungleichen Zwillingsschwestern Dietrich & Riefenstahl erweisen sich als unterschiedliche, aber miteinander verbundene Formen, diesen Traum zu leben. Welchem Weg die Sympathie der Autorin gilt, daran lässt sie keinen Zweifel.
Matthias Weichelt

Von Matthias Weichelt, 18.05.2012

​Matthias Weichelt ist Chefredakteur der Zeitschrift „Sinn und Form“. Er schreibt unter anderem für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und die "Neue Zürcher Zeitung".