Sparte: Belletristik

Lara Schützsack
Und auch so bitterkalt

Roman

Buchbesprechung

Bulimie und Anorexie werden in jüngster Zeit häufiger jugendliterarisch thematisiert. Aber so kompromisslos und konsequent wie Lara Schützsack in ihrem Roman „Und auch so bitterkalt“ die existentiellen Probleme eines Mädchens beschreibt – in einer klaren, poetischen, bilderreichen Sprache –, dürfte das wohl bisher nicht geschehen sein.

Wenn man sich der, dem gewöhnlichen Alltag fernen Welt der sechzehnjährigen Lucinda nähern möchte, ist es ratsam, ihre Lieblingsmusik zu hören. Nicht erst am Ende der Geschichte, wo fünfzehn Songtitel zu einem Epilog zusammengefasst sind, sondern bereits als Einstimmung auf diesen außergewöhnlichen Roman. Selbst wenn man Janis Joplins „Piece of My Heart“ oder „Girl“ von den Beatles oder „My Body is a Cage“ von Arcade Fire gehört und die Botschaften einigermaßen verstanden hat, wird das wie in einen Kokon eingesponnene Leben Lucindas, das die Autorin aus der Sicht ihrer ein paar Jahre jüngeren Schwester Malina erzählt, ein Rätsel bleiben. Lucindas Leben bleibt ein Geheimnis, dem man vielleicht am ehesten auf die Spur kommt, wenn man sich vorbehaltlos auf die zauberhaften Bilder einlässt, die Lara Schützsack findet, um die Welt der jungen Frau zu beschreiben. Vielleicht ist deren Körper ein Käfig, ihr Geist hat die Grenzen ihrer Möglichkeiten jedenfalls schon längst überschritten.

Die Autorin konstruiert keine in irgendeiner Weise therapeutisch wertvolle, fürs alltägliche Weiterleben heilsame Lebensgeschichte eines anorektischen Mädchens (der Begriff wird übrigens im Buch nie verwendet). Natürlich beschreibt Lara Schützsack die Sehnsucht der Familie nach Normalisierung, gleichzeitig führt sie aber auch die Hilflosigkeit und Ahnungslosigkeit von Vater, Mutter, Schwester und anderen Menschen vor, die mit dem Mädchen zu tun haben. Dabei beobachtet die Autorin mit den Augen ihrer Erzählerin in schmerzlicher Offenheit den Teufelskreis, in dem sich alle Beteiligten bewegen, ohne einen Ausweg zu finden, der es ihnen ermöglichte, die Geschichte noch einmal – unter besseren Voraussetzungen – von vorne zu beginnen.

Die für alle Schattierungen des nicht gewöhnlichen Lebens sensibilisierte Lucinda hat schon längst die Brücken, die sie in ein angepasstes und genormtes, aber für sie unwahrhaftiges Leben zurückführen könnten, hinter sich abgebrochen. Die treffendste Metapher für diese Entscheidung ist der Ort, an dem sie sich mit ihrer Schwester am liebsten aufhält: Eine halb zerfallene Brücke am Rand der Stadt. Dorthin schleichen sich die beiden in warmen, sternenklaren Nächten. Dann liegen sie direkt an der Stelle in der Mitte der Brücke, an der das Gemäuer zerfallen ist, und sehen in den drohenden dunklen Abgrund oder sie beobachten den Sternenhimmel. Überall zirpt und raschelt es, und die Blätter zittern im Wind.

Angst haben die Mädchen nicht. Im Gegenteil: Sie spüren mit allen Fasern des Körpers und der Seele die Faszination des Unbekannten, des Ungewöhnlichen, des Unentdeckten – die Attraktion der Dinge, die alltägliche Menschen in alltäglichen Verhältnissen schon längst zur Seite gedrängt oder vergessen haben. „Die Erwachsenen“, sagt Lucinda, „haben immer Angst. Alles beunruhigt sie. Am meisten die Sterne. Weil sie nicht verstehen können, wie etwas so hell und so schön und gleichzeitig Lichtjahre entfernt sein kann. Am liebsten würden sie so lange in den Himmel schießen, bis der hellste Stern herunterfällt und auf dem Höhepunkt seines Lichts knisternd am Boden verglüht.“

Lucinda empfindet sich als ein solcher Stern. Sie ist eine wunderschöne junge Frau und schlägt mit ihrer kühlen Aura andere Menschen schnell in den Bann – auch ihre kleine Schwester, die ihren Worten immer wieder fasziniert lauscht und Lucindas Umgang mit Jungs mit bewundernden Augen verfolgt. Nach rätselhaften Ereignissen in den Kellerräumen der alten Villa der Familie , ziehen sich die jungen Galane allerdings von Lucinda zurück. Mit Ausnahme eines neuen Jungen aus der Nachbarschaft, der mit ihr eine ganz besondere Seelenverbindung zu pflegen scheint – bis etwas Schreckliches passiert.

Lucinda glaubt sich Lichtjahre von den Niederungen des Gewöhnlichen entfernt. Augenblicken, wie jenen auf der Brücke, in denen die jüngere Schwester fasziniert den Worten der großen Schwester lauscht, sollten die Leser besondere Aufmerksamkeit schenken. Denn in ihnen wird der Abschied Lucindas von einem wie auch immer gearteten normierten Leben deutlich. Es gibt für sie nur noch den Abgrund oder den Sternenhimmel. Vielleicht liegt bereits in diesen beiden Optionen ein kleiner Trost. So mag es auch bei Janis Joplin gewesen sein, deren Sehnsüchte und Lebenshunger zu groß waren für dieses kleine Leben. Wie die Geschichte endete, wissen wir.
Siggi Seuß

Von Siggi Seuß, 22.10.2014

​Siggi Seuß, freier Journalist, Hörfunkautor und Übersetzer, schreibt seit vielen Jahren Kinder- und Jugendbuchkritiken.