Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Nikolaus Nützel
Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg

Sachbuch

Buchbesprechung

​Weshalb brach im Sommer 1914 ein weltweites Blutvergießen von beispielloser Grausamkeit aus, nachdem ein Gymnasiast im bosnischen Sarajevo den österreichischen Erzherzog Franz Ferdinand erschossen hatte? Wer trägt die Hauptschuld am Ersten Weltkrieg? Inwiefern hat er sich als "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" auf den weiteren Verlauf der Geschichte ausgewirkt?

Allein im Supergedenkjahr 2014 füllen monumentale Neuerscheinungen ganze Bibliotheken, um diese nach wie vor zentralen Fragen zu klären. Dass sich die wesentlichen Aspekte des Ersten Weltkriegs samt seiner Folgen allerdings auch auf knapp 150 Seiten darstellen lassen - zahlreiche Illustrationen, Infokästen, Schaubilder inklusive -, demonstriert der Journalist Nikolaus Nützel in seinem Jugendbuch "Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg". Weitreichende historische, politische und mentalitätsgeschichtliche Zusammenhänge werden hier prägnant und angemessen vermittelt: So erklärt Nützel, was man sich im Deutschen Kaiserreich vom Einmarsch in Belgien am 3. August 1914 nach Maßgabe des Schlieffen-Plans versprochen hatte. Ungeschönt schildert er die Grausamkeiten des Schlachtfeldes, skizziert die eigentümliche Dynamik der Kriegswirtschaft und beschreibt die Versenkung des britischen Passagierschiffs "Lusitania". Mit einem Blick auf Imperialismus, Panslawismus und die Großmannssucht des "Alldeutschen-Verbands" wird die Vorgeschichte des Kriegs umrissen. Nazi-Herrschaft und Zweiter Weltkrieg rücken - unter Berufung auf eine unter Historikern keineswegs unumstrittene These - als "logische Konsequenz" aus den Geschehnissen zwischen 1914 bis1918 in den Fokus. Bis in die Kriege der Gegenwart spannt Nützel den Bogen. Aber es geht auch um Neonazis, die heute mit der Flagge des untergegangenen Kaiserreichs aufmarschieren und darum, weshalb in den alten Bundesländern kein staatliches Gymnasium nach dem 1919 ermordeten Antimilitaristen und Marxisten Karl Liebknecht benannt wurde.

Nützel belehrt seine jungen Leser, indem er ihnen auf Augenhöhe begegnet. Aus der Ich-Perspektive nähert er sich dem historischen Geschehen und erzählt davon, wie ihm als Schuljungen im Geschichtsunterricht die Gründe und Motive für den Kriegsbeginn nicht einleuchten wollten. Er erinnert sich an das Unbehagen, dass ihn während eines Urlaubs in Verdun befiel, wo 1916 eine der schrecklichsten und langwierigsten Schlachten zwischen Deutschen und Franzosen wütete. Vor allem aber ist es die eigene Familiengeschichte, durch die es Nützel gelingt, die Weltgeschichte zu veranschaulichen. Das Schicksal seines Großvaters, eines evangelischen Pastors namens August Müller, dient ihm als roter Faden durch die Gedanken- und Gefühlswelt vorangegangener Generationen. Als typischer Repräsentant des wilhelminischen „Hurra-Patriotismus“ zog der junge Müller im August 1914 jubelnd in den Krieg. Bereits wenige Wochen später war er wieder zu Hause. Ein Granatsplitter hatte ihn sein linkes Bein gekostet. An seine nationale Gesinnung klammerte er sich von nun an umso verbissener. Im Friedensvertrag von Versailles sah er eine "Schmach", die unbedingt gerächt werden musste. Die Demokratie der Weimarer Republik war ihm ein Ärgernis. Bereits vor 1933 war August Müller überzeugter Anhänger Hitlers.
Nützel weiß genau, vor welch große Herausforderung die abstrakten, unfassbaren Opferzahlen dieses Krieges einen jungen Menschen heute stellen. Deswegen lässt er neben seinem Großvater noch weitere Individuen aus der anonymen Masse heraus treten: Erwähnt wird das Schicksal des britischen Soldat Thomas Highate, der mit 19 Jahren als Deserteur erschossen wurde. Zitiert wird aus einem Brief des 22-jährigen Frontsoldaten Franz Blumenfeld: "Ich fürchte mich so vor der inneren Verrohung", schrieb dieser seiner Familie im Oktober 1914, als er zu seinem Schrecken begonnen hatte, sich an den Anblick der Leichen und das Geschrei der Schwerverletzten zu gewöhnen. Zwei Wochen später war der junge Mann, der nach dem Krieg Jurist werden wollte, tot.

Durch seinen individualisierende Darstellungen und seinen konsequent subjektiven Blick auf die Geschichte gerät Nützel gar nicht erst in Gefahr, mit letztgültigen Erklärungen aufzuwarten. Umso unerschrockener wagt er sich in seinem kleinen, klugen Buch an die großen Fragen - neben den historischen, auch an die philosophischen und die moralischen. „Was ist der Mensch?“ „Kann er überhaupt ohne Krieg sein?“ „Wie hätte ich mich verhalten, wenn ich in der gleichen Lage wie mein Großvater gewesen wäre?“ Für Nützel lässt sich keine Antwort auf diese Fragen geben. Doch sie gehen alle an und machen unmissverständlich klar, "was der Erste Weltkrieg mit uns zu tun hat".  
Marianna Lieder

Von Marianna Lieder, 19.12.2014

​Marianna Lieder ist seit 2011 Redakteurin beim „Philosophie Magazin“. Als freie Journalistin und Literaturkritikerin arbeitet sie u. a. für den Tagesspiegel, die Stuttgarter Zeitung und Literaturen.