Sparte: Sachbuch

Rüdiger Safranski
Romantik. Eine deutsche Affäre

Buchbesprechung

Als der Hanser Verlag im letzten Herbst ein Sachbuch mit dem Titel Romantik. Eine deutsche Affäre veröffentlichte, stieß dies allgemein auf großes Interesse. Aus dem einfachen Grund, weil der Autor Rüdiger Safranski heißt und weil er auch in diesem Buch tut, worauf er sich wie kaum ein zweiter versteht: Er erzählt. Er erzählt uns von einem Phänomen namens Romantik, das wir alle längst zu kennen meinen, und das uns hier doch völlig neu und überraschend entgegentritt.

Der knapp vierhundert Seiten umfassende Text ist in zwei Bücher unterteilt, in Die Romantik und Das Romantische. Im ersten Buch widmet sich Safranski der Zeit vom Ende des 18. bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, jener Epoche also, die gemeinhin als Romantik bezeichnet wird. Drei Ereignisse sind es im Wesentlichen, die er, bezogen auf Deutschland, als Auslöser und Wegbereiter für diese kulturrevolutionäre Bewegung sieht: Herders Entdeckung der dynamischen Geschichte, Schillers Spieltheorie und natürlich die Französische Revolution. Es geht Safranski nicht nur darum, die wichtigsten Dichter und Denker dieser Zeit nebst ihren Werken aufzuführen, sondern er will mehr: Er will den Geist einfangen, der dieses Feuerwerk an Kreativität, die Fülle von hochfliegenden Theorien, philosophischen Abhandlungen, Romanen und Gedichten überhaupt erst hervorgebracht hat.

Die Abkehr von der Aufklärung, die Forderung nach Autonomie der Kunst, die Hinwendung zum Wunderbaren, die Sehnsucht nach dem Geheimnis, der Glaube an das schöpferische Ich – all das lässt Safranski vor dem inneren Auge des Lesers aufleben, indem er noch die komplexesten Zusammenhänge plastisch und mitreißend zu vermitteln vermag. Ebenso ruft er selbst dem kundigen Leser Friedrich Schlegels progressive Universalpoesie und Fichtes Ich-Philosophie, die romantische Ironie in den Werken Tiecks und den magischen Idealismus von Novalis, Schleiermachers Religionslehre und die berühmten Zusammenkünfte im Hause der Schlegels in Jena auf anschauliche und erhellende Weise wieder ins Gedächtnis. Auch die Wandlungen und Brüche innerhalb der Epoche legt Safranski offen, wie sich zum Beispiel der gedankliche Horizont im Laufe der romantischen Jahrzehnte verengt, wie, ausgehend von den Heidelberger Romantikern um Brentano, ein gesteigertes Interesse für die Vergangenheit, für Sagen und Volksmärchen entsteht und wie das anfängliche Streben nach Universalismus in Patriotismus umschlägt – all das zeichnet er differenziert nach.

Im zweiten Buch untersucht Safranski „das Romantische als Geisteshaltung“. Hervorgegangen aus der Epoche der Romantik, lässt sich diese Safranski zufolge bis heute wiederfinden. Er verfolgt sie durch mehr als ein Jahrhundert, wird fündig bei Marx und Heine, in den Opern Wagners und bei Nietzsches Prinzip des Dionysischen. Nach dem George-Kreis, Hermann Hesse und Thomas Mann nimmt die Spurensuche schließlich den Nationalsozialsozialismus und, zum Abschluss des Buches, auch die Bewegung der 68er in den Blick. Zentral für dieses zweite Buch ist die Auseinandersetzung mit der vieldiskutierten These, die deutsche Romantik habe die Katastrophe des Holocaust begünstigt, wenn nicht letzten Endes sogar herbeigeführt, wie sie die Ideenhistoriker Isaiah Berlin und Eric Voegelin in jüngster Zeit vertreten haben.

Spätestens in diesem zweiten Teil wird deutlich, dass wir es hier nicht mit einer kulturgeschichtlichen Darstellung im klassischen Sinn zu tun zu haben. So geht zwangläufig in die Irre, wer Safranskis „große Erzählung über die Romantik“ auf Daten, Namen und Fakten abfragt. Es fehlt so manches, wonach eine umfassende Darstellung der romantischen Epoche verlangt hätte. Als ein explizit europäisches Phänomen ist die Romantik nicht denkbar ohne die Einflüsse aus anderen Kulturen – von Safranski jedoch wird sie nur in Bezug auf Deutschland untersucht. Ebenso ausgespart bleibt das für die Romantik so zentrale Verhältnis der Künste untereinander; die Malerei kommt gar nicht vor und die Musik nur in Gestalt Richard Wagners. Auch die enge Beziehung zwischen den Naturwissenschaften und der Romantik lässt er ebenso außer Acht wie das veränderte Selbstverständnis der weiblichen Mitglieder der romantischen Bewegung und die von ihnen ausgehenden künstlerischen Impulse.

Safranski dies aber vorzuwerfen, würde bedeuten, die Absicht seines Buches zu verkennen. Selbstverständlich geht es ihm nicht darum, der Vielzahl von Literaturgeschichten über diese Epoche eine weitere hinzuzufügen. Wenn sich ein ausgewiesener Romantikspezialist wie Safranski dieses Themas annimmt, dann nur, um der altbekannten Debatte Neues hinzuzufügen. Das tut er in zweierlei Hinsicht.

Zum einem gelingt es ihm, das Phänomen Romantik nicht nur intellektuell nachvollziehbar zu machen. Durch den gekonnten Wechsel von biographischen Details, spannenden Plots und der anschaulichen Erklärung von philosophischen und ästhetischen Konzepten der Zeit macht er das romantische Gedankengut auch erleb- und erfahrbar. Und mehr noch: Er macht unmittelbar nachvollziehbar, was die Romantik, diese „Fortsetzung der Religion mit ästhetischen Mitteln“, bis heute attraktiv macht.

Zum anderen untersucht Safranski das Verhältnis von Politik und Romantik. Präzise und differenziert setzt er sich mit dem oben genannten Vorwurf auseinander, die Romantik habe der Katastrophe des Dritten Reiches die geistige Vorgeschichte geliefert, sie quasi erst möglich gemacht. Er zeigt auf, inwieweit eine romantische Geisteshaltung dem Nationalsozialismus tatsächlich Vorschub geleistet hat und wo ihre Ideen und Ideale im Sinne einer „stählernen Romantik“ missbraucht worden sind. An diesem Punkt der Geschichtsschreibung bleibt Safranski aber nicht stehen, sondern er weist nach – und dieser Schritt ist zweifellos originell – in welcher Form romantische Elemente auch in die 68er-Bewegung, einschließlich ihrer terroristischen Auswüchse in den siebziger Jahren, eingeflossen sind.

Der Schluß, in den Safranskis Rekonstruktion des Romantischen als Geisteshaltung mündet, ist so einfach wie überzeugend: „Romantik ist der Mehrwert“ für ein erfülltes Leben, der Politik aber sollte sie tunlichst fern bleiben. Mit seiner ebenso inspirierten wie inspirierenden Spurensuche hat Safranski zweifellos einen Meilenstein in der Auseinandersetzung mit der Romantik als einer der zentralen und theoretisch wie künstlerisch produktivsten Epochen der deutschen Kulturgeschichte vorgelegt, dem viele entdeckungsfreudige und begeisterungsfähige Leser zu wünschen sind.
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Von Anne Nordmann, 08.04.2008