Sparte: Sachbuch

Rüdiger Safranski
Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus

Biografie

Buchbesprechung

Der zweihundertste Todestag Friedrich Schillers im Jahr 2005 ist Anlass für vielfältige und facettenreiche (Neu-) Bewertungen seines Werkes und dessen Wirkungsgeschichte in Deutschland und weltweit. Rüdiger Safranski, der schon in seinen früheren Arbeiten bewiesen hat, dass Biographien immer auch in ihrem kultur- und philosophiegeschichtlichen Kontext gelesen werden müssen, legt mit seiner Schiller-Biographie wiederum ein Buch vor, das weit mehr ist als die Lebensbeschreibung eines genialen Dichters. In der Zusammenschau von Schillers Werken und den historischen und sozialen Bedingungen ihrer Entstehungszeit entfaltet Safranski ein umfassendes Panorama des ausgehenden 18. Jahrhunderts, anspruchsvoll geschrieben und spannend zu lesen, was sich nicht zuletzt dem Verzicht auf einen akademisch-literaturwissenschaftlichen Jargon verdankt. Seine Werkanalysen, denen er stets kurze Synopsen voranstellt, ermöglichen es auch denjenigen Lesern, denen Schillers Werke nicht geläufig sind, die Bedeutung und Wirkung der Stücke wie auch der theoretischen Schriften auf die zeitgenössische Öffentlichkeit nachzuvollziehen.

Safranski sieht in Schiller den „Erfinder des Deutschen Idealismus“, nicht den mythisch überhöhten Nationaldichter, sondern einen Autor, der trotz großer gesundheitlicher Probleme nie aufhört, seine schöpferische Energie in Form von großen und zugleich spielbaren Bühnenstücken, ästhetisch-theoretischen Schriften oder historischen Arbeiten umzusetzen. Den Biographen faszinieren vor allem Schillers Enthusiasmus und seine Überzeugung, dass der Mensch die Möglichkeit haben muss, sich selbst und seine spezifischen Begabungen sowie insbesondere seine „Fähigkeit zur Freiheit“ zu entwickeln. Aus diesem Grund stellt Safranski den oft belächelten „Deutschen Idealismus“ ins Zentrum seiner kritischen Würdigung Schillers und befreit ihn vom Vorwurf der Naivität und der leichten Instrumentalisierbarkeit. Der Idealismus eröffnet, im Sinne Schillers, den Weg in die geistige Freiheit und zur Selbstbestimmung des Menschen.

Indem Safranski den Lebensweg Schillers nachzeichnet, gibt er auch denjenigen Autoren Raum, die Schiller beeindruckt und maßgeblich beeinflusst haben. Aus der Beschreibung der wesentlichen Lebensstationen, die in Bezug gesetzt werden zu Schillers intellektuellem Umfeld einerseits und seiner literarischen Produktion andererseits, setzt sich nach und nach ein komplexes und zugleich gut nachvollziehbares Gesamtbild zusammen. Längst Bekanntes nimmt Safranski auf und betrachtet es neu. Außerdem greift er andere, die herkömmliche Sicht relativierende Aspekte auf und weist nach, dass auch der Mythos Schiller widersprüchlich war. Als Beispiel mag hier Schillers Zeit in der „Pflanzschule“ des Herzogs Carl Eugen dienen, die als Leidenszeit des jungen Dichters bereits hinlänglich beschrieben wurde. Dass in eben dieser Zeit erste (geistige) Begegnungen mit bedeutenden Denkern und Dichtern stattfanden, erste große Emotionen außerhalb der Familie erlebt wurden und durch das höfische Leben des Herzogs eine erste Auseinandersetzung mit der europäischen Bühnenkunst stattfinden konnte: all diese sind wichtige Aspekte in Safranskis Darstellung der verschiedenen Etappen von Schillers poetischem Schaffen und seiner ästethischen Theoriebildung.

Aber Safranski berücksichtigt nicht nur die einflussreichsten Autoren der Zeit, sondern er zeichnet zugleich in prägnanten Linien die Hauptgedanken der europäischen Philosophie nach, die die Grundlagen für die geistige Entwicklung Schillers und seiner Generation darstellten. Die Auseinandersetzung Schillers mit diesen Ideen und das Entstehen seines ersten Dramas (wie auch der weiteren) dokumentiert Safranski anhand der Briefwechsel, die Schiller mit Freunden und Verwandten intensiv pflegte. Außer den Briefen bezieht Safranski auch eine Vielzahl weiterer aufschlussreicher Zeitdokumente in sein Porträt Schillers ein, insbesondere die Erinnerungen von wichtigen Zeitgenossen.

Detailgenau und doch mit dem Blick für das Wesentliche beschreibt Safranski die Lebensstationen des Dichters: Von Stuttgart geht es zunächst nach Mannheim und später über Leipzig und Dresden nach Jena und Weimar. Er schildert den überwältigenden Erfolg der Uraufführung der Räuber in Mannheim und die großen Hoffnungen, die sich für den jungen Schiller aus diesem Erfolg ergeben. Safranski versteht es, auch die menschliche Seite Schillers anschaulich zu vermitteln. So macht er nicht nur die Entwicklung deutlich, die Schiller als Mensch und Autor durchläuft, sondern hebt auch besonders seine ethische und ästhetische Entschiedenheit als Künstler hervor, die ihn immer wieder über seine Selbstzweifel siegen lässt. Neben der Arbeit an seinen großen dramatischen und ästhetischen Schriften Werken gibt Schiller auch mehrere literarische Zeitschriften heraus , mit denen er jungen Literaten ein wichtiges Forum bietet, selbst aber finanziell erfolglos bleibt. Freunde und Mäzene ermöglichen es ihm dennoch, weiterhin fast ausschließlich literarisch tätig zu sein.

Überhaupt spielt der Begriff der Freundschaft eine zentrale Rolle im Leben und Denken Schillers. Noch in der Karlsschule verbindet ihn eine innige Freundschaft mit seinem Kameraden Scharffenstein, die Schiller jedoch abbricht, weil er meint, der Freund entspreche nicht den hohen Maßstäben, die er selbst an den Freundschaftsbegriff anlegt. Auch später unterhält Schiller enge und intellektuell anregende Freundschaften zu Männern und Frauen. Die wichtigste und berühmteste Freundschaft verband ihn natürlich mit Goethe. Diese intensivierte sich in den neunziger Jahren des 18. Jahrhunderts und währte bis zu Schillers Tod im Jahr 1805. Der geistige Austausch und die enge Zusammenarbeit dieser beiden herausragenden deutschen Denker, die auf gegenseitiger Anerkennung und konstruktiver Kritik basierte, bildet naturgemäß einen Schwerpunkt in Safranskis Darstellung: „Es sind Wunderjahre, die einem helfen, den Sinn für die wirklich wichtigen, für die geistvollen Dinge des Lebens zu bewahren.“

Safranskis Interesse gilt der umfassenden Darstellung der Person und Persönlichkeit Schillers, besonderes Augenmerk richtet er dabei auf dessen philosophische und ästhetische Ideen . Kants klare Trennung zwischen dem Wollen und dem Sollen des Menschen, mit anderen Worten dem sinnlichen Bedürfnis und dem kategorischen Imperativ will Schiller so nicht akzeptieren. Ihm fehlt in Kants Darstellung das Konzept des freien Willens , welches die beiden Aspekte der „schönen Seele“ in sich zu vereinen und somit die eigenen Bedürfnisse mit ethischen und ästhetischen Idealen in Einklang zu bringen vermag: „Bei Schiller war der Wille das Organ der Freiheit.“

Safranskis Buch eröffnet einen Zugang zu Schillers Leben und Werk, der frei von den bekannten Klischees und (Vor-)Urteilen über diesen bedeutenden deutschen Autor zur Lektüre des Originals ermuntert. Einen Vorgeschmack auf das Original vermittelt diese Biographie durch die unzähligen, geschmeidig in den Text integrierten Zitate aus Briefen und Werken, die Fußnoten überflüssig werden und das Buch mit wenigen Anmerkungen auskommen lassen. Zum Weiterlesen regt außerdem das thematisch geordnete Literaturverzeichnis an, das sich neben einer ausführlichen Zeittafel, dem Zitatennachweis und einem Werk- und Personenregister im Anhang dieser faszinierenden Biographie findet.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 27.01.2005