Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Torben Kuhlmann
Lindbergh. Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus

Bilderbuch

Buchbesprechung

​Mäuse sind in Bilderbüchern meist niedlich und kuschelig oder frech und verschmitzt. Eine Maus, die lesen kann, die Erfindungen macht und eine Flugmaschine baut, um damit den Ozean zu überqueren, die gab es noch nicht! „Lindbergh“, ein ganz besonderes Bilderbuch, erzählt von solch einer Maus und zugleich vom Wunsch nach Freiheit. Der junge Künstler Torben Kuhlmann hat „Lindbergh“ für seine Diplomarbeit erfunden und gestaltet – ein erstaunliches Debüt.

Schon die Innenseiten der Buchdeckel sind zauberhaft: Zeichnungen von zarten Flugapparaten und ihren Details – in leiser Anlehnung an Leonardos technischen Zeichenstil – erstaunen durch ihren Witz, ihre Präzision und ihren Ideenreichtum. Auf der ersten Doppelseite sitzt dann links oben eine Maus mit Zeichenstift im Schnäuzchen; sie also ist die Künstlerin, die diese Skizzen geschaffen hat.

Torben Kuhlmanns Geschichte über die Abenteuer der Erfinder-Maus Lindbergh ist dramatisch und hintergründig, naturalistisch und surreal zugleich: Eine Maus, gebildet und belesen, verliert alle ihre Freunde, denn die sind vor den neuerdings aufgestellten Mausefallen ins Ausland geflohen oder gleich deren Opfer geworden. So beschließt die Maus, ebenfalls auszuwandern. Ihr Ziel: die USA, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Weil die Schiffe im Hamburger Hafen aber von hungrigen Katzen bewacht werden, konstruiert sie mehrere Flug- und Fluchtapparate. Doch die ersten Flugversuche scheitern kläglich. Unverzagt tüftelt Lindbergh wochenlang an einem richtigen Flugzeug, bugsiert es in die Kirchturmspitze des Hamburger Michel, startet an einem dunklen Regentag und entkommt bei ihrem himmelstürmenden Flug sogar den hungrig lauernden Eulen. Nach einer Nacht über dem Ozean landet die Maus – von unzähligen Artgenossen umjubelt – in New York. Und eines Tages liest ein kleiner Junge von den Flugschauen, die sie dort in ihrer neuen Heimat veranstaltet. Sein Name: Charles Lindbergh.

Torben Kuhlmann hat eine intelligente und spannende Geschichte entwickelt. Auf dem Umschlag sehen wir die Maus Lindbergh auf der Schnauze von Charles Lindberghs „Spirit of St. Louis“ sitzen. Sie hat den amerikanischen Pionier der Luftfahrt erst zu seinem Flug inspiriert. Sie hat auch Torben Kuhlmann inspiriert, und sie inspiriert Kinder und Erwachsenezum Anfassen, Be-greifen, Lesen und Betrachten.

Faszinierend ist dieses Buch aber vor allem durch seine Gestaltung. Die äußere Aufmachung – es wirkt wie alt und abgeschabt – verführt sofort zum Anfassen. Altmeisterliche Zeichnungen und Bilder, die wie alte, vergilbte Fotos aussehen, halten den Blick fest. Warme Aquarelle wechseln mit feinst ziselierten Zeichnungen mechanischer Details, witzige Erfindungen kleinster Flugapparate mit intensiven Tierstudien von Katzen, Eulen, Mäusen ab. Mal rührend wirken diese Bilder, mal dramatisch, mal realistisch präzise und dann wieder traumhaft schön. Nicht nur durch seine gedeckten Farben und einen sepiagetönten Realismus wirkt „Lindbergh“, sondern auch durch eine fast romantische Lichtregie. Den Hamburger Bahnhof, den Ozean im Sonnenuntergang oder Manhattan aus der Vogelperspektive – das hat man so noch nicht gesehen. Lokomotiven, Schiffe, Schreibmaschinen und die Kolonnen wartender Auswanderer im Hafen verorten das turbulente Geschehen im ersten Drittel des 20.Jahrhunderts Torben Kuhlmann hat sich mit „Lindbergh“ auf einen Höhenflug der Bilderbuchkunst begeben.

Für die erwachsenen Betrachter steckt – wie immer in guten Bilderbüchern – auch noch mehr hinter dieser Kindergeschichte. Die tödliche Bedrohung durch die allgegenwärtigen Mausefallen, die Auswandererkolonnen im Hafen, die perfekt inszenierte Flucht vorbei an den scharfsichtigen Eulen – vieles erinnert an jene Zeiten, in denen Deutsche von Hamburg aus in die USA flohen. Vor Gewalt, Verfolgung oder Hunger. „Lindbergh“ kann man also auf mehreren Ebenen lesen und anschauen: Als Bilderbuch und als Kunstwerk, als Märchen oder als politische Geschichte, wie sie jeden Tag wieder passieren kann.  
Sylvia Schwab

Von Sylvia Schwab, 22.09.2014

​Sylvia Schwab ist Hörfunkjournalistin und hat sich auf Kinder- und Jugendliteratur spezialisiert. Sie ist Jurorin bei den "Besten 7" von Deutschlandfunk und Focus und arbeitet für den Hessischen Rundfunk, den Deutschlandfunk und Deutschlandradio-Kultur.