Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Rafik Schami
Kathrin Schärer (Illustrator)

"Hast du Angst?", fragte die Maus

Bilderbuch

Buchbesprechung

​Über Angst kann man sprechen. Das mag für jemanden ein kleiner Trost sein, der gerade von etwas Bedrohlichem fast zu Tode erschreckt wurde und nun von der Mutter in den Arm genommen wird und sich mit allen Sinnen behütet fühlt. Was aber, wenn ein Kind noch nie bewusst am eigenen Leibe gespürt hat, was Angst ist? Wortreiche Umschreibungen dieses Gefühlzustands wären da wenig hilfreich.

Die erste Begegnung eines kleinen Kindes mit Angst – das ist das Thema eines Kinderbuches von Rafik Schami mit Bildern von Kathrin Schärer. Die Geschichte siedelt im Tierreich. Ganz junge Bilderbuchbetrachter erfassen bedrohliche Situationen leichter und lustvoller, wenn man sie fabel-haft erzählt und bebildert. Und das tun Autor und Illustratorin in dieser kleinen Geschichte vom Mäusemädchen Mina, dessen Mutter eines Tages mit vor Schreck geweiteten Augen in die Mäusehöhle zurückkehrt: „Oje, die Katze, die Katze, die Katze ist hinter mir her, ich habe solche Angst bekommen!“
Mina hat keinen Schimmer, was „Angst“ bedeutet und begibt sich deshalb, neugierig wie sie ist, auf Entdeckungsreise. Auf ihrer Wanderschaft durch Wald und Wiese begegnet sie den seltsamsten Tieren – Löwe, Nilpferd, Stinktier, Igel, Elefant, Hund, Heuschrecke – und erhält die verschiedensten Antworten auf die Frage „Hast du Angst?“, keine jedoch, die ihr weiterhelfen würde. Selbst die hundertfünfzehn Jahre alte Schildkröte labert dem Mäuschen mit der Aufzählung der ihr bekannten 280 Arten von Angst die Ohren voll, bis Mina einschläft.

Und da – völlig unerwartet – passiert es mitten im Schlaf. Eine Stimme zischelt, Mina wacht auf und spürt Kälte in ihren Pfoten. Es ist das Unerwartete, dem man nicht mit Neugierde, Freundlichkeit und Unbekümmertheit gegenübertreten kann. Mina spürt das Lebensbedrohliche das erste Mal in ihrem jungen Leben – Auge in Auge mit einer mächtigen Schlange. Das Herz schlägt dem Mäuschen bis zum Hals. Mina hat die Angst gefunden und entkommt in letzter Sekunde dem Biss des gierigen Kriechtiers, flüchtet in die Mäusehöhle und kuschelt sich neben Mutter und Geschwistern ins Nest. Geborgenheit. Trost. Erleichterung. Und eine Erfahrung fürs Leben.

Was aber wäre diese Geschichte der Angst ohne die Bilder von Kathrin Schärer? Sie wäre klug, aber es fehlte ihr die Anschaulichkeit, die kleine Kinder dringend brauchen. Die Künstlerin ist eine Meisterin der Tierillustration und der szenischen Darstellung menschlicher Gefühle in tierischem Gewand. „Bei menschlichen Gesichtern stößt man mit den Emotionen rasch an Grenzen“, sagt Kathrin Schärer. „Ein wutverzerrtes Gesicht kann abstoßend wirken, Tiere dagegen bleiben eher sympathisch.“ In der Tat, selbst Katzenfreunde werden Mitleid mit den geplagten Mäusen empfinden, können aber den kleinen Nagern nichts weiter empfehlen, als schlauer und schneller zu sein als die Katze.

Die kleinen und die großen Tiere, die bedrohlichen und weniger bedrohlichen Geschöpfe, bewegen sich bei Kathrin Schärer mit ausdrucksstarker Mimik, Gestik und Haltung durch die Landschaft. Nie dominiert die zart angedeutete Naturkulisse die Dramatik des Geschehens, die sich in den Gesichtern der Tiere widerspiegelt. Und so erzählen die Bilder, kongenial zum Text, eine kurze Geschichte der ersten Angst. Verständlich und einfühlsam, aber auch klar und deutlich. 
Siggi Seuß

Von Siggi Seuß, 22.04.2014

​Siggi Seuß, freier Journalist, Hörfunkautor und Übersetzer, schreibt seit vielen Jahren Kinder- und Jugendbuchkritiken.