Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Alexandra Klobouk
POLYMEER. Eine apokalyptische Utopie

Bilderbuch

Buchbesprechung

​Eine imposante, schwarze Wasserwelle, versehen mit neonfarbenen Plastikmüllteilen, ergreift einen Mann auf einem rosafarbenen Schrank und droht ihn unter sich zu begraben. Diese Welle auf dem Cover des Bilder-Sachbuches zieht uns in eine Geschichte, die mit wenig Text auskommt. Wir schreiben das Jahr 2043 n.Chr.. Die Pole sind geschmolzen, Holland versinkt im Wasser. Der letzte Holländer, durch einen Tsunami von einem Leuchtturm gespült, treibt auf einem Schrank zwischen Dosen, Tuben, Staubsauger, Telefon und Plastikentchen aufs offene Meer hinaus. Nach zwei Monaten auf dem Wasser wird der Student, der auf dem Plastikmüllteppich überlebt, gerettet und wie seine Landsleute in die Schweiz evakuiert. Aber die Holländer ertragen das Leben zwischen und auf den Bergen nicht, sie wollen am Meer leben und beginnen mit der Erforschung des Plastik-Magnetismus. So wendet sich für den Protagonisten und alle Überlebenden der Weltuntergang mittels einer Vision und der Tatkraft zu einer Utopie, die jedoch auf tönernen Füßen steht. Der kleinteilige Müll - geschätzte 100 Millionen Tonnen Plastik - wird dank des erfundenen Magnetismus zu einem neuen Kontinent zusammengetragen und bewohnbar gemacht. Der 7. Kontinent, ein utopischer Ort. Hier können sich die heimatlosen Holländer ansiedeln. Leben auf einem Plastikmüllteppich? In der Konsequenz keine versöhnliche Utopie.

Die Künstlerin Alexander Kobouk recherchierte zum Thema Wasser: „/Das ging/ dann ganz schnell in eine politische Richtung, weil Wasser ein Politikum ist. Und dabei stieß ich /.../ auf die Tatsache, dass es einen riesigen Plastikstrudel im Nordpazifik /.../ gibt. Das klang für mich wie Science-Fiction, dass ich dachte, das kombiniert mit den anderen Tatsachen, die ebenfalls wie Science-Fiction klingen, dass die Pole schmelzen und das Meer steigt und Holland und niedrige andere Länder verschwinden, ist doch eigentlich eine Geschichte, die man sich in den 60er Jahren hätte ausdenken können. Und so kam ganz schnell die Idee mit dem Plastikkontinent, und dass das ein Holländer erfindet, weil die Holländer ganz findig sind und sich jetzt schon Gedanken machen.“

Aber kann man die Meeresverschmutzung, und das damit verbundene Fisch- und Vogelsterben durch eine Erfindung aufhalten? Das Bilder-Sachbuch POLYMEER kann keine Antworten geben, sondern rüttelt auf und hinterlässt Eindrücke, bringt den Leser trotz der Ernsthaftigkeit des Themas zum Schmunzeln und vermittelt auf zwei Seiten Fakten, die nachhaltig beeindrucken und im besten Fall jeden Einzelnen zu einer Veränderung des Verhaltens anregen.

Alexandra Klobouks Bilder sind überwiegend doppelseitige Collagen, bis auf einen Zeitraffer, eine Doppelseite, die in 18 Bildelemente eingeteilt ist. Malerei und Zeichnung, Acryl und Tusche werden mit ausgeschnittenen Plastikgegenständen aus Katalogen und Wurfsendungen kombiniert, alles ist übereinandergeklebt. Das in Schwarzweiß gehaltene Buch, wird zunehmend bunter, greller, neonfarbener, da mit jedem Bild mehr bunter Plastikmüll hinzukommt. Dennoch bleibt das Düstere, das Bedrohliche, das Zerstörerische der Geschichte erhalten und vermittelt sich durch die Schwärze und Wildheit des Wassers.
POLYMEER - eine Utopie? Eine Dystopie? Eine – wie es im Untertitel lautet – apokalyptische Utopie?

Alexandra Klobouk sagt dazu: „Ein scheinbares HappyEnd, die Utopie ist geglückt und am Schluss geht die Geschichte unter und was man sich ausgedacht hat, hat nicht funktioniert. Wenn es eine Moral der Geschichte geben soll, dann: Ganz so einfach kann es ja auch nicht sein.“

POLYMEER, eine hochinteressante, sachlich-fundierte, gesellschaftlich engagierte und dabei amüsante Geschichte über die Umweltverschmutzung der Meere. Ein Buch - genreübergreifend - für alle.
Ute Wegmann

Von Ute Wegmann, 22.10.2013

Ute Wegmann, geboren 1959, studierte Germanistik in Köln und arbeitet als Autorin fürs Theater, Kino und den Rundfunk.