Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Peter Stamm
Jutta Bauer (Illustrator)

Warum wir vor der Stadt wohnen

Bilderbuch

Buchbesprechung

Jedem von uns fallen auf die Frage „Wo kann man wohnen?“ sicher auf Anhieb ein paar schöne Behausungen ein, vielleicht auch ein paar weniger schöne Varianten. Peter Stamm schickt in seinem Buch eine Familie, die auf der Suche nach dem idealen Platz zum Wohnen ist, an die ausgefallensten und fantastischsten Orte. Jedem Ort ist eine Doppelseite mit einem kurzen Text und einer großformatigen Illustration von Jutta Bauer gewidmet, die in ihren ausdrucksstarken und jeweils sehrindividuellen Bildern viele detailgenaue Bezüge zu Stamms Texten herstellt. Die Suche nach dem besten Wohnort ist eine Reise durch die Fantasie. Zwar handelt es sich in der ersten und der letzten Geschichte um „ganz normale“ Häuser, in denen die Familie wohnt, dazwischen aber sind es Orte wie „im Kino, „im Meer“ oder auch „nirgendwo“.

Peter Stamm verunsichert den Leser mit seinen Texten, nicht nur mit seiner Auswahl ungewöhnlicher Orte, an denen die Familie zu wohnen versucht, sondern auch durch die sorgfältig konstruierten Texte, deren innere Bezüge nicht immer augenfällig sind und dadurch zum (gemeinsamen) Nachdenken anregen. Stets beginnt der Text mit einer Schilderung dessen, was die einzelnen Familienmitglieder taten, „als wir (z.B.) im Kino, im Meer oder in der Geige der Tante wohnten“, wie sich die anderen Leute dort verhielten und welche Besonderheiten dort zu beobachten waren. Im Trolleybus „roch es den ganzen Tag über nach Diesel und Schweiß“, im Hotel „hörten wir ein lautes Klopfen aus den Heizungsrohren“ und auf dem Mond war alles „voller Staub, aber alles war nicht viel, denn wir hatten unsere Sachen auf der Erde gelassen“.

Dem kindlichen Bedürfnis nach wiedererkennbaren Textmustern kommt Peter Stamm entgegen, indem er jeden Text mit einem je eigenen Zahlen-Wort-Spiel enden lässt. Das fängt in der ersten Geschichte noch ganz „harmlos“ an: „Der Vater las vier Zeitungen, die Mutter kaufte drei Stühle, die Großmutter strickte zwei Paar geringelte Socken für jeden von uns und der Großvater verlor eine Sonnenbrille“. Als die Familie im Regen wohnte, hört es sich so an: „Der Bruder lernte die vier Jahreszeiten aufzusagen, die Mutter betete zum dreieinigen Gott, dass der Regen nicht aufhöre, und der Großvater sah alles doppelt. Da trat der Vater in die Pfütze und alles war nur noch einmal zu sehen.“

Durch die Kombination einer strenge Formvorgabe und den überraschenden, teils surrealen Inhalten in diesen abwärts zählenden Schlussbeschreibungen ergibt sich für Vorleser und Zuhörer die Möglichkeit, eigene Varianten zu erfinden und mit der des Autors zu vergleichen. Jeder Text endet aber mit dem einen, entscheidenden Grund, warum man an jenem Ort leider nicht wohnen bleiben kann, und es folgt das nächste Kapitel mit einem neuen Wohnen auf Probe.

Die an Einzelheiten reichen Illustrationen von Jutta Bauer können ebenso wie die Texte zum Ausgangspunkt dieser ungewöhnlichen Erkundungsreise werden. Auch für Kinder, die noch nicht lesen können, gibt es hier allein oder im Gespräch mit Erwachsenen vieles zu entdecken.

So eröffnet die fantasievolle Erforschung dieser Orte den Kindern Raum für Fragen und eigene Interpretationen, fordert Engagement und Umdenken, bevor die Familie beim achtzehnten Versuch ihr Häuschen vor der Stadt findet – wo sie „wohl noch lange bleiben wird“.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 19.12.2005