Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Jutta Richter
Das Schiff im Baum. Ein Sommerabenteuer

Roman

Buchbesprechung

​Eine Geschichte wie ein friesischer Wölkchenhimmel über flacher, grüner Sommerweidelandschaft. Mit ein paar mächtigen Schatten, wenn sich für Augenblicke eine dicke, flaumige Wolke vor die Sonne schiebt. Mit viel Licht und Luft und Wind, wenn die Wolken weiterwandern und vor himmelblauer Kulisse und unendlich weitem Horizont ihre Gestalten ändern, als spielten sie zur Freude der irdischen Betrachter ein Wölkchen-wechsel-dich-Spiel.

Jutta Richter braucht für ihre Erzählung „Das Schiff im Baum“ (zu der Illustrator Aljoscha Blau ein passendes Wölkchenspiel-Cover und Orientierungskarten auf den Frontispizseiten geschaffen hat) gerade mal 120 Seiten. Und trotzdem eröffnet sie in achtzehn kurzen Kapiteln den ganzen Kosmos des Sommerabenteuers zweier Großstadtkinder in einer Gegend, von der sie glauben, Fuchs und Hase gingen grußlos aneinander vorbei, wenn sie sich zufällig begegneten.

Die elfjährige Katharina, die die Geschichte erzählt, und ihr neunjähriger Bruder Ole sind alles andere als begeistert, als sie ihre alleinerziehende Mutter während der Sommerferien zu steinalten Verwandten in ein Kaff namens Betenbüttel schickt, weil sie selbst zur Kur muss. Zwar hat die Mutter in ihrer Kindheit gerne ihre Ferien bei Tante Polly und Onkel Fiete zugebracht, aber, mein Gott, das ist schon eine halbe Ewigkeit her. Die Ansprüche der Kids von heute haben sich, im Vergleich zur grauen Vorzeit, radikal verändert und vor allem digitalisiert. Außerdem kennen Katharina und Ole die beiden Alten gar nicht.

Mit Widerwillen treten die Kinder die Reise ins Nirgendwo an – und ihre Vorurteile scheinen sich zunächst zu bestätigen. Tante Polly und Onkel Fiete sind wirklich uralt und runzelig, und das Häuschen im Grünen ist äußerst bescheiden eingerichtet. Es gibt nicht einmal einen Fernsehapparat. Außerdem verhält sich der eigenwillige Onkel manchmal sehr komisch. Aber dann ist auch wieder alles ganz anders, wenn er ins Geschichtenerzählen kommt, sein Seemannsgarn spinnt und Kapitän Ahab zum Leben erweckt, mit dem er einst auf hoher See gewesen sein will. Es geschieht so etwas wie eine wundersame Wandlung durch die Macht der Fantasie, die selbst zwei so unterschiedliche Welten wie die von ganz jungen und ganz alten Menschen zusammenfügen kann.

Obwohl Jutta Richter eine Welt lebendig werden lässt, die für die meisten Kinder fast schon aus dem wirklichen Leben verschwunden ist, geht von diesem sich verflüchtigenden Universum ein ungeheurer Reiz aus. Er zeigt sich gerade in der Spannung zwischen einfachen, überschaubaren Lebensverhältnissen und der notwendigen Illusion einer abenteuerlichen Existenz.

Bindeglieder zwischen wirklicher und imaginierter Wirklichkeit sind dabei die Atmosphäre der Geborgenheit, die erzählten Geschichten und nicht zuletzt Wesen und Dinge, an denen sich die eigene Fantasie festklammern kann: Ein freiheitsliebender Kater, ein alter Hund, ein krähender Hahn, ein von Spinnweben umsäumter Schuppen, ein knorriger Apfelbaum, auf dem leicht ein Segelschiff vor Anker gehen kann, ein schilfumwachsener Tümpel, den man gut und gern zur stürmischen See umwidmen kann. Jutta Richter beherrscht dieses Wechselspiel meisterlich und erfreut damit nicht nur junge Leser, sondern auch jene, die der verloren geglaubten Welt bereits nachtrauern.
Siggi Seuß

Von Siggi Seuß, 22.06.2013

​Siggi Seuß, freier Journalist, Hörfunkautor und Übersetzer, schreibt seit vielen Jahren Kinder- und Jugendbuchkritiken.