Sparte: Kinder- und Jugendbuch

John Henry Eagle
Der Eiserne König. Ein Abenteuer

Roman

Buchbesprechung

​Man muss ja nicht immer alles glauben, was auf dem Schutzumschlag eines Buches steht. Ein Jugendbuch also, empfohlen ab 14 Jahren. Dagegen gibt es im Grunde wenig zu sagen; schließlich könnte man auch den „Felix Krull“ schon im Alter von 14 lesen und Spaß damit haben. Doch auch der bislang vollkommen unbekannte Name des Autors und dessen kuriose Biografie geben Anlass für leise Zweifel:

John Henry Eagle, so wird behauptet, sei 1971 als Sohn eines in der Lüneburger Heide stationierten britischen Offiziers und einer deutschen Mutter geboren, habe in London als Börsenmakler gearbeitet, unter Pseudonym Drehbücher geschrieben und nun endlich erstmals unter seinem eigenen Namen einen Roman veröffentlicht: „Der Eiserne König“. Und dann beginnt man das Buch, das die Genrebezeichnung „Ein Abenteuer“ trägt, zu lesen; oberflächlich betrachtet eine Fantasy-Geschichte mit allen dazu nötigen Zutaten, und fängt an, zu staunen und sich zu wundern und kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Wie da ein Autor mit irrem Witz und einer ungeheuren Begabung für Dialoge arbeitet; wie souverän er mit seinem Wissen in Literatur- und Märchengeschichte umgeht; wie originell und verblüffend seine Einfälle sind und wie selbstverständlich er die Grenzen zwischen Möglichem und Unwahrscheinlichem einreißt und damit einen ganz eigenen, eigenwilligen Literaturkosmos schafft – das kannte man bislang nur von einem einzigen Autor der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur: Henning Ahrens. Und man muss kein selbst ernannter Literaturdetektiv sein, um herauszufinden, dass genau der sich tatsächlich hinter dem Pseudonym John Henry Eagle verbirgt, denn auf Anfrage erhält man beim S. Fischer Verlag eben diese Auskunft ohne große Umschweife.

Henning Ahrens, der 1964 geboren wurde und in der Nähe von Hannover auf einem Bauernhof lebt, hat schon mit seinen drei bisherigen Romanen unter Beweis gestellt, dass es zur Zeit keinen anderen gibt, der die diversen Welten und Beziehungsebenen so komisch, intelligent und funkensprühend miteinander verquicken kann.

Schon in seinem Debüt „Lauf Jäger lauf“ gerät ein Mann, der aus einem ICE steigt, um den Spuren eines Fuchses zu folgen, in den Parallelkosmos einer Räuberbande um den Hauptmann John Isegrim Reineke-Schmutz; eine Mischung aus permanent Rührei spachtelnder Kommune, Kampftruppe und literarischem Zirkel, die sich in einer Sprache unterhält, die direkt dem Grimm’schen Wörterbuch entlehnt sein könnte – ein Wortschatz, konstituiert aus Märchenzitaten, Volksliedern und Binsenweisheiten.

In seinem dritten Roman „Tiertage“, ein Buch, das von einem heißen Sommer der Sehnsucht und des Sichverzehrens handelt, lässt Ahrens in einer Krimi-Parallelhandlung einen sprechenden Hasen und dessen besten Freund, einen philosophierenden Reiher, eine Reihe von Kriminalfällen aufklären.


Es hat schon seinen Sinn, dass Ahrens für „Der Eiserne König“ ein Pseudonym gewählt hat – es gibt ihm einerseits die Freiheit, sich in einem populären und vermeintlich weniger literarischen Genre nach Herzenslust auszutoben; andererseits aber als Schriftsteller der zu bleiben, der er ist.

Alles beginnt mit einer Räuberbande, deren Anführer selbstverständlich nicht zufällig Grimm heißt. Die Bande, die in alter Vorzeit durch das imaginäre Land Flutwidde streift, greift ein sommersprossiges Mädchen mit grünen Augen auf, auf dessen Rücken die rätselhafte Zeichnung einer Landkarte eintätowiert ist. Als die Bande sich an ihr zu schaffen machen will, zuckt ein grünes Flammenmeer vom Himmel und tötet die Schurken, bis auf einen: Der junge Hans, der durch Zufall zu den Räubern gestoßen ist, nachdem er und seine Schwester Grete von einer Hexe im Wald in einem Käfig gefangen gehalten worden waren, bleibt etwas abseits und überlebt.

Grimm, der Räuberhauptmann, wird später von einer dunklen Macht wieder zum Leben erweckt und geistert als untoter, aber nicht unkomischer Bösewicht durch den Roman, während Hans sich mit einer Reihe von kuriosen Gefährten aufmacht, um das darbende Flutwidde zu retten und vor allem zu verhindern, dass der so legendäre wie berüchtigte Eiserne König zum zweiten Mal an die Macht gelangt.

Diesen abenteuerlichen und mit allen Mitteln geführten Kampf zwischen Gut und Böse inszeniert Ahrens alias Eagle in einer Form, die das Genre Ernst nimmt und dennoch ironisiert. Nicht nur Hans’ Gefährtentruppe besteht aus einem Kabinett von Grimm’schen Märchenfiguren, die allerdings einen Umgang miteinander pflegen, als seien sie gerade einem Berliner Kiez entsprungen. Flutwidde entpuppt sich als ein in Faulheit und Dekadenz gefangenes Land, in dem keiner mehr seine Arbeit tut, weil es plötzlich Gold im Überfluss gibt.

Einfall an Einfall reiht Eagle aneinander, von Station zu Station schickt er seine Helden Hans, Sneewitt (panische Angst vor Äpfeln!), Kunz (dessen richtigen Namen man nicht laut aussprechen darf; man weiß, warum) & Co., bis es nach rund 600 Seiten, die wie im Fluge vergehen, zu einem apokalyptisch-blutigen Endkampf kommt.

Von wegen Jugendbuch: Deftig geht es hier zu und ganz und gar nicht gewaltfrei. Und selbstverständlich gibt es auch wieder ein sprechendes Tierduo: Fuchs und Dachs, in innigster Abneigung untrennbar verbunden. Dem Meister Grimbart, dem Dachs, gehört dann auch das Nachwort: „Wovon ich träume, wollt ihr wissen? Natürlich von Kampf und Abenteuer.“
Christoph Schröder

Von Christoph Schröder, 19.04.2013

​Christoph Schröder, lebt als freier Autor (Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Die Zeit) in Frankfurt am Main und ist Dozent für Literaturkritik an der dortigen Universität.