Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Rolf Lappert
Pampa Blues

Roman

Buchbesprechung

​Ben Schilling hasst sein Leben. Sein Vater, ein Wildbiologe in Tansania, starb bei einem Flugzeugabsturz, als er neun war. Seine Mutter tingelt als Jazzsängerin durch Europa und lässt den Sechzehnjährigen mit seinem dementen Opa allein. Und das alles in einem Kaff namens Wingroden, irgendwo in Deutschlands Nordosten. Zeitungen kommen mit zwei Tagen Verspätung an, ein Handy besitzt hier fast niemand. Stellt man die Buchstaben des Dorfnamens um, wird daraus: Nirgendwo.

Es ist der Sommer des Jahres 2011, und die Hitze lähmt das eh schon träge Leben in Wingroden. Für den Icherzähler Ben ist das Dorf wie ein Museum – nur ohne Besucher. Wer hier herkommt, muss sich schon gewaltig verfahren haben. Der Jugendliche fühlt sich gefangen und möchte einfach weg, Mädchen kennenlernen, mal ein Punkrock-Konzert besuchen. Endlich ein eigenes Leben führen. Dass dazu ein Ortswechsel nicht genügt, sondern ein innerer Wandel nötig ist, wird Ben bald merken.

Ohne die Moralkeule zu schwingen, erzählt der Schweizer Rolf Lappert, Jahrgang 1958, vom Erwachsenwerden. Pampa Blues ist ein lakonisch geschriebener, humorvoller und weiser Coming-of-Age-Roman. Mit einem Protagonisten, der so liebevoll und lebensnah gezeichnet ist, dass man sich leicht mit ihm identifizieren kann. Lappert, ausgebildeter Grafiker, ehemaliger Jazzklub-Betreiber und Entwickler der erfolgreichen Sitcom Mannezimmer, berührt durch genaue Beobachtungen allzu menschlicher Verhaltensweisen.

In Wingroden scheint Ben der einzige Teenager zu sein. Wohl auch deshalb ist er eher schweigsam und selten zu Scherzen aufgelegt. Tag und Nacht ist er mit seinem 82-jährigen Großvater zusammen, der seine Zeit damit verbringt, blaue Schnipsel aus Illustrierten zu schneiden und sie an die Wände seines Zimmers zu kleben. Ein Stück Himmel und Meer in einer Einöde, die außer Weizenfeldern und einem Baggersee nicht viel zu bieten hat. Ben fühlt sich als „das verdammte Mädchen für alles“, bekocht, wäscht und füttert seinen Opa, der sich nicht mal mehr selbst die Schuhe binden kann. Offiziell macht Ben bei ihm eine Gärtnerlehre, dabei gilt seine wahre Leidenschaft Autos und Traktoren. Sogar ein Tuk-Tuk hat er sich selbst gebaut. Sein großer Traum ist es, mit einem VW-Bus nach Afrika zu fahren. Bis dahin heißt es: warten.

Dass Langeweile keineswegs langweilig geschildert werden muss, zeigt Lappert auf beeindruckende Weise. Vor allem gelingt es ihm, Bens emotionalen Zwiespalt zu verdeutlichen: Einerseits liebt er seinen hilfsbedürftigen Opa und fühlt sich für ihn verantwortlich. Gleichzeitig ist er der Grund dafür, weshalb Bens Leben im Leerlauf steckt. Die Abende verbringen Großvater und Enkel in der einzigen Kneipe des Dorfes, das Bier dient als „Schluckimpfung gegen den täglichen Stumpfsinn“. Sogar der Hund trinkt mit. Maslow, Kneipier und gute Seele des Dorfes, ist als ehemaliger Hotelbesitzer und Golfprofi in Florida für Ben Vorbild und abschreckendes Beispiel zugleich. Dessen verrückte Ideen, die aus Wingroden einen blühenden Ort machen sollen, bewundert und belächelt er.

Durch eines dieser Hirngespinste kommt tatsächlich Bewegung ins Dorf: Mit einem selbst gebauten Raumschiff gaukelt Maslow seinen gutgläubigen Nachbarn den Besuch von Außerirdischen vor, voller Hoffnung, Wingroden in einen Wallfahrtsort für Ufologen verwandeln zu können. Mit scharenweise Touristen und entsprechendem Umsatz. Fehlt nur noch die Presse. Als es die zwanzigjährige Lena Kramer ins Dorf verschlägt, wittert Maslow in der vermeintlichen Reporterin seine große Chance. Und Ben verliebt sich Hals über Kopf.

Nachdem ein russischer Alkoholiker erstochen aufgefunden worden und Maslows Ufo mitsamt einem Dorfbewohner im Hof eines Gefängnisses gelandet ist, verwandelt sich das verschlafene Nest wirklich in einen Ort, der Schlagzeilen macht. Und Ben lernt durch Lena, was es heißt, sein Leben in die Hand zu nehmen, erwachsen zu sein. In einem Kaff wie Wingroden würde wohl niemand nach Geschichten suchen, vermutete Ben, als Lena ins Dorf kam. Dass sich die besten Geschichten gerade dort ereignen, wo man sie nicht erwartet, beweist Rolf Lappert mit diesem wunderbaren Jugendbuch, das auch Erwachsenen gefallen wird.        
Vorname Name

Von Daniel Grinsted, 19.10.2012

​Daniel Grinsted ist Kulturwissenschaftler und Anglist/Amerikanist. Er arbeitet als freier Kulturjournalist für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Zeit Online, Literaturen, das Börsenblatt und andere Medien.