Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Sigrid Belzer
Die genialsten Erfindungen der Natur - Bionik für Kinder

Buchbesprechung

Wenn Sigrid Belzer über Bionik, die Zusammenarbeit von Biologen und Technikern, schreibt, dann weiß sie, wovon sie spricht, schließlich hat die Diplom-Geologin am Biotechnik-Zentrum der TU Darmstadt gearbeitet. Sie ist aber nicht allein wissenschaftlich »vom Fach«, sondern widmet sich seit Jahren besonders der Vermittlung von Naturwissenschaften an Schüler, Lehrer und interessierte Laien. Es ist diese spürbare Verbindung von Expertise und pädagogischem Eros im besten Wortsinne, die ihr Kinder- und Jugendsachbuch Die genialsten Erfindungen der Natur auszeichnet und zu einem anregenden Erlebnis nicht nur für junge Leser macht.

Indem sie ihr Publikum direkt anspricht, gelingt es Sigrid Belzer, den Leser von Anfang einzubeziehen in die Faszination, die die Natur selbst auf eine Kennerin wie sie noch immer auszuüben vermag: »Du wirst in diesem Buch lesen, was die Flugzeugbauer vom Vogel gelernt haben, […] und warum manche Pflanzen immer sauber bleiben.« Das Staunen über die Wunder der Natur ist hier erwünscht und die Frage nach dem »Warum«, nach den Zusammenhängen und Funktionsweisen der unterschiedlichsten Naturphänomene und Erfindungen höchst willkommen.

Durch eine klare Gliederung und eine reiche, eindrucksvolle Bebilderung gelingt es dem Buch, das sich durchweg durch eine prägnante und klare Sprache auszeichnet, komplizierte Sachverhalte anschaulich zu erklären, ohne deswegen auf die dem Gegenstand angemessene Komplexität verzichten zu müssen. So erhalten wir schon in den einleitenden Absätzen am Beispiel des Urpferdchens Einblick in den evolutionären Nutzen des »Erfindungsgeistes«, der in der Natur waltet.

»Bionik für Kinder«, so der Untertitel des Buches, spannt ein breites Panorama auf: Die Themen reichen vom uralten Menschheitstraum des Fliegens mit seinen klassischen Orten in der Ikarus-Sage und den Studien Leonardo da Vincis über die Erkenntnisse der Robotik bis hin zu den aktuellen Fragestellungen der Energiegewinnung und -effizienz. Geschickt verbindet die Autorin dabei das Große mit dem Kleinen, die avancierte Forschung und die grundsätzlichen Fragen mit dem alltäglich Erfahrbaren. Indem sie beispielsweise den allgegenwärtigen Klettverschluss, den nanotechnologischen Selbstreinigungseffekt der Lotuspflanze und die faszinierenden »Tricks« der Insekten zueinander in Beziehung setzt, vermittelt Belzer ein facettenreiches Bild über »Haften, kleben, reinigen« in Natur und Technik.

Wohlplatzierte Infoboxen zu ausgewählten Stichworten ermöglichen den Quereinstieg und vertiefen zusammen mit den anregenden und zielgruppengerecht erläuterten Experimenten zum Mitmachen das jeweilige Thema. Dass diese Aufforderung zum Selbst-Erfahren aufs anschaulichste gelingt, ist in besonderer Weise auch dem Hamburger Illustrator Peter Nishitani und seinen Zeichnungen zu verdanken.

Scheinbar nebenbei vermittelt Sigrid Belzer auf diese Weise ein positives Bild von Neugier, Experimentier-Lust und Forscherdrang. Sie zeigt den lesenden »Neugiernasen«, dass die Aufzeichnung von Versuchsanordnungen und die Dokumentation der Ergebnisse letztlich wie ein Backrezept funktioniert: Nur wenn man später noch genau weiß, wie viel Mehl und wie viele Eier im Kuchen waren, kann man den Genuss wiederholen und an andere weitergeben.

Wenn die Autorin ihr Publikum dann nach rund 350 Seiten mit dem Appell »Erforsche deine Welt« in die nächsten eigenen Experimente entlässt, hat es nicht nur viel Vergnügen und Einsicht gewonnen, sondern ist eines ganz klar geworden: Die Tugend der »genialen Erfinder« ist es zuallererst, sich kindliche Neugier und Fragemut bewahrt zu haben!
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Von Michael Sellhoff, 01.12.2010

​Michael Selhoff arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Philosophischen Seminar der CAU Kiel und ist freiberuflicher Lektor.