Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Axel Brüggemann
Monika Horstmann (Illustrator)

Wie Krach zu Musik wird

Buchbesprechung

Dass der musikalische Nachwuchs ausstirbt, ist vorläufig nicht zu befürchten. Auch gibt es Anzeichen dafür, dass das klassische Konzertpublikum, trotz aller Unkenrufe, immer wieder nachwächst. Dennoch muss ein Buch, das versucht, jungen Leuten die theoreti-schen und historischen Hintergründe der Klangerzeugung auf spannende, lebendige Weise nahezubringen, freudig begrüßt werden. Denn selbst leidenschaftliche Musikliebhaber dürften sich daran erinnern, dass die erste Begegnung mit der Musikgeschichte früher meist trocken und wenig inspirierend ausfiel – oder aber realitätsfern und betulich.

Beide Fehler vermeidet der Musikjournalist und Publizist Axel Brüggemann, 1971 in Bre-men geboren, bekannt unter anderem als Backstage-Plauderer in der ZDF-Sendung „Götz Alsmanns Nachtmusik“. Er hat schon mehrere Musikbücher für Kinder und Erwachsene verfasst und für die Deutsche Grammophon eine preisgekrönte Kinder-Klassik-Reihe entwickelt. Jetzt legt er unter dem Titel Wie Krach zu Musik wird wirdeine „etwas andere Musikgeschichte“ vor, die für Jugendliche gedacht ist, sich aber auch an Erwach-sene wendet - zumal an jene, die in privatem oder professionellem Rahmen musikpäda-gogisch gefordert sind und nach dem richtigen Ton bei der Vermittlung suchen.

Brüggemann spannt den Bogen vom Schrei des Steinzeitbabys bis zu Stockhausen und Cage, von Platon bis zum „Gangsta Rap“, von der urzeitlichen Knochenflöte bis zum Techno Sound und, natürlich, von Beethoven bis zu den Beatles. Sein Ziel ist es, Lust auf das „Abenteuer Musik“ zu machen, und er vertraut auf die sprachlichen und wirkungsäs-thetischen Mittel, die sich im Journalismus bewährt haben: Knappheit und Prägnanz, ein moderates, aber nie schleppendes Erzähltempo, Tiefgang trotz Kurzweil, Farbigkeit der Schilderung bei sachkundiger Seriosität.

Im Blick hat der Autor selbstverständlich die Musik der Welt, auch wenn deren Entwicklung über die Jahrtausende eine eurozentrische Perspektive nahelegt. Die einzelnen Epochen stehen unter sinnfälligen Rubriken, etwa Gottesklang für das Mittelalter, Musik in Bewegung Bewegungfür Renaissance und Barock oder Der Mensch in der Mu-sikfür die Klassik. Das Layout ist bunt und luftig, aber nicht albern; musiktheoreti-sche Informationen und Fachbegriffe fließen zwanglos mit ein. Eine schöne Zugabe sind Originalbeiträge von großen Künstlern unserer Zeit: Daniel Barenboim ergründet das „Unaussprechliche“ in der Tonkunst, Cecilia Bartoli klärt über den Gesang der Kastraten auf, Nikolaus Harnoncourt berichtet von seiner Suche nach dem wahren Klang, Daniel Hope schwärmt von seiner Liebe zur Geige, Thomas Quasthoff äußert sich zum Geheimnis der menschlichen Stimme und der vielseitige Rockstar Sting sinniert über die Zukunft der Musik.

Es versteht sich, dass bei einem solchen Rundumschlag auf zweihundert Seiten der eine oder andere Aspekt nur oberflächlich behandelt werden kann, dass der Text nicht ganz ohne Verkürzungen und Klischees auskommt. Das erzeugt bisweilen unfreiwillige Komik, etwa wenn es über den Komponisten Gustav Mahler heißt: „Er hatte eine hohe Stirn und litt an Hämorrhoiden. Trotzdem beeindruckte er die Menschen, die er traf.“ Das Buch ist jedoch offenkundig so konzipiert, dass es zunächst einmal Interesse wecken, neugierig machen und damit zum Lesen weiterführender Texte anregen soll – vor allem aber zum Hören, zum aktiven Lauschen auf Stille und Geräusche, auf Klang und Krach und auf die sich unablässig wandelnde Melodie der Jahrhunderte. Für die Geschichte, die er erzählen will, hat Axel Brüggemann jedenfalls einen mitreißenden Rhythmus gefunden.
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 01.09.2011

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.