Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Felicitas Hoppe
Michael Sowa (Illustrator)

Iwein Löwenritter

Buchbesprechung

In ihrem ersten Kinderbuch erzählt die vielfach ausgezeichnete Autorin Felicitas Hoppe die Geschichte von Iwein, dem Löwenritter. Als Vorlage dient ihr der mittelhochdeutsche Roman von Hartmut von Aue, der sich um das Jahr 1200 in seiner Bearbeitung des Artusstoffes wiederum vom französischen Chrétien de Troyes inspirieren ließ. Es ist also ein traditionsreicher Stoff, den die Autorin für Kinder erschließt. Herausgekommen ist eine bilderreiche, mitreißend und einfühlsam erzählte Geschichte, die den Leser in märchenhafte Welten entführt.

Iwein Löwenritter ist in zwei große Abschnitte geteilt. Der erste Teil, „Iwein“, handelt von Iweins Auszug vom Hof Arturs, seiner Hochzeit mit Laudine und davon, wie der Ritter all dieses Glück wieder verliert und erneut von vorne anfangen muss. Im zweiten Teil, „Löwenritter“, wird erzählt, wie Iwein an der Seite des Löwen erfolgreich Abenteuer besteht – und am Ende wieder zurück zu Laudine findet. Diese zweigeteilte Struktur sieht einerseits das Doppelwegschema der mittelalterlichen Vorlage vor. (An dieser Stelle sei erwähnt, dass mit Felicitas Hoppe durchaus eine Kennerin des mittelhochdeutschen „Iweins“ am Werk ist.) Andererseits erleichtert diese Zweiteilung auch den Überblick über die komplexe Handlung, auf den gerade bei jungen Lesern geachtet werden muss. Darüber hinaus erleichtert die weitere Untergliederung der Erzählung in sehr kurze Kapitel die Orientierung. Nur drei bis fünf Seiten sind die Kapitel lang, die außerdem thematische Überschriften tragen.

In der Schilderung des Handlungsverlaufs folgt Hoppe in weiten Teilen der Darstellung von Hartmut von Aue, weiß dabei aber genau, dass sie „Übersetzungsarbeit” für ein junges Publikum leisten muss: Was genau bedeutet es, wenn Iwein sein Herz mit Laudine tauscht? Und warum verlässt Iwein seine Frau wieder, obwohl er sie gerade erst geheiratet hat und erklärt, sie mehr als sein Leben zu lieben? Für solche Fragen, die möglicherweise bei der Lektüre auftreten können, hat Felicitas Hoppe einen überaus präsenten Erzähler geschaffen. Er erklärt die Handlung, wenn sie aus sich selbst heraus für ein in Mittelalterfragen ungeschultes Publikum nicht auf Anhieb verständlich ist. Diese „Vorlesestimme“ spricht die Kinder zu Beginn des Buches direkt an und macht sie zu Vertrauten:

„Kennt ihr die Geschichte von Iwein, der eines Tages aus lauter Langeweile auszog, um Abenteuer zu suchen und sein Herz dabei gegen ein anderes tauschte und deshalb seinen Verstand verlor? Danach irrte er durch den Immerwald und musste gegen tausend Ungeheuer kämpfen, bis alles doch noch ein gutes Ende nahm. Wie das kam, wollt ihr wissen? Dann hört mir gut zu, denn besser als ich erzählt die Geschichte euch keiner, ich war nämlich dabei.”

Iwein ist bei Hoppe ein Abenteurer, der es satt hat, am Artushof immer nur erfundene Geschichten zu hören. Das „Abenteuer” (Hoppes freizügige Übersetzung des mittelhochdeutschen âventiure) verlockt ihn so sehr, dass er aufbricht, ohne sich von König Artus und seinem besten Freund Gawein zu verabschieden. Im „Land Nebenan“ weist ihm ein ungeheurer Mensch, der in Tierfelle gehüllt und über und über mit Schmutz bedeckt ist, den Weg zur Gewitterquelle. Dort angelangt, zögert Iwein nicht lange und gießt, wie ihm gehießen wurde, Wasser auf den Stein. Augenblicklich bricht ein gewaltiges Unwetter aus. Aber es handelt sich keineswegs um ein gewöhnliches Gewitter, stellt der Erzähler mit Nachdruck klar. In diesem fernen Land voller Abenteuer hat selbst ein Unwetter eine ungeheure Dimension. Das will er dem Leser verdeutlichen: „Ihr wisst ja selbst, wie Unwetter sind. Erst kommen die Blitze, dann kommen die Donner, und dann kommt ein Regen. Aber das hier war schlimmer als Blitz und Donner, und der Regen danach war kein Regen, sondern ein Hagel mit Körnern wie Steine, die alles erschlagen, was atmet und lebt.”

Auch Iwein stürzt zu Boden, muss sich jedoch sogleich wieder aufrichten, denn der Landesherr, ein Furcht erregender Ritter, taucht auf und fordert den Eindringling zum Kampf heraus. Iwein schlägt sich gut, verletzt seinen Widersacher schwer und jagt ihn in die Flucht. Er verfolgt ihn bis zu seiner Burg, wo sein Gegner sich ins Innere retten kann, Iwein jedoch gefangen zwischen den zwei Toren zurückbleibt, die den Eingangsbereich der Burg begrenzen. Die Lage scheint aussichtsslos, doch da erscheint die kluge Lunete. Sie weist Iwein einen Ausweg und gibt ihm einen Ring, der unsichtbar macht. So gewappnet, betritt Iwein die Festung und wird Zeuge, wie der Burgherr seinen schweren Verletzungen erliegt. Als er Laudine, dessen Frau und nun Witwe, sieht, verliebt er sich sofort in sie.

Lunete zieht geschickt die Fäden und erreicht, dass ihre Herrin bereit ist, einen neuen Mann an ihrer Seite zu akzeptieren: Laudine verliebt sich auch in Iwein. So heiraten die beiden und, so will es die mittelalterliche Vorlage, tauschen ihre Herzen. Ein nicht ganz einfaches Unterfangen, wie der Erzähler nahe legt: „Ich kann euch sagen, dass die Sache nicht einfach war. Man muss dabei nämlich vorsichtig sein, weil so ein Herz sehr empfindlich ist. Schließlich war Iweins Herz an Iweins Brust gewöhnt, und Laudines Herz war an Laudines Brust gewöhnt.“ Von nun an sind Iwein und Laudine auf immer verbunden.

Ausgerechnet jetzt taucht Gawein, Iweins bester Freund am Artushof, auf. Er weckt in Iwein die alte Abenteuerlust. Der bittet seine eben Angetraute um „Urlaub“ (mhd.: urloup) und verspricht, auf den Tag ein Jahr später wieder zurück zu sein. Laudine ist traurig, lässt ihren Gatten aber ziehen. Im folgenden Jahr erprobt Iwein seine Manneskraft mit Gawein auf Turnieren und wird seinem Ruf als „Bester der Besten“ mehr als gerecht. Im Siegestaumel vergisst er jedoch die Zeit und damit die Jahresfrist – ein schwerer Fehler: So einfach kann er jetzt nicht mehr zu Laudine zurück. Vor Schmerz wird er verrückt.

Was das bedeutet, erklärt der Erzähler: „Wenn ihr mich fragt, was für die Menschen das Schlimmste ist, dann sage ich euch: Nicht der Schmerz, nicht die Angst, nicht die Schuld. Auch nicht die Verzweiflung. Das Schlimmste ist ihre Einsamkeit. Denn die Einsamkeit geht den Menschen ins Herz und wandert von dort aus überallhin. Alles bringt sie im Menschen durcheinander. Sie löscht sogar die Erinnerung aus.“ In Passagen wie dieser zeigt sich eine große Stärke des Buches: die Lebendigkeit, die die Figuren gewinnen.

Natürlich erholt sich Iwein wieder. Er rettet einem Löwen das Leben und findet in ihm einen treuen Begleiter. Gemeinsam bestehen sie eine Reihe von Abenteuer, bis Iwein zu alter Form zurückgefunden hat: Er ist wieder der „Beste der Besten“. Dann ist es an der Zeit, Laudine um Verzeihung zu bitten, denn noch immer trägt er ihr Herz in seiner Brust und sie seines in ihrer…

Hoppes „Iwein Löwenritter“ liest sich wie ein meisterhaft erzähltes Märchen. Unwillkürlich entstehen beim Lesen Bilder von einer sagenumwobenen Welt voller Abenteuer. An manchen Stellen werden sogar Assoziationen vom geheimnisvollen Mattiswald aus Astrid Lindgrens Ronja Räubertochter oder dem Heckenrosental der Brüder Löwenherz wach. Unterstützt wird die eigene Vorstellungskraft durch vier wunderbare Illustrationen aus der Feder von Michael Sowa. Doch der ungeheure Sog, den das Buch entfaltet, ist nicht zuletzt dem Erzähler der Geschichte zu verdanken. Er nimmt die Kinder an die Hand und führt sie direkten Weges in die Fantasiewelt: „Also, vergesst die Schule und stellt euch stattdessen einen Wald vor“. Es ist fraglich, ob diese Art, zu erzählen, tatsächlich in erster Linie Jugendliche anspricht, für die der Verlag das Buch empfiehlt. Ohne jeden Zweifel ist es aber ein hervorragendes (Vor-)Lesebuch für Kinder und für alle mit einer Liebe zu klug und bilderreich erzählten Geschichten.
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Von Eva Kaufmann, 01.09.2008