Sparte: Belletristik

Michael Kleeberg
Das amerikanische Hospital

Buchbesprechung

Zunächst scheint formalistische Literatur sich gegen das Leserinteresse zu richten. Sowenig, wie man sich in aller Regel mit dem Teil seines Autos beschäftigt, der unter der Kühlerhaube steckt, sowenig ist man geneigt, über dem Triebwerk eines Romans zu brüten. Aber ein Roman lebt eben nicht nur von seiner Handlung, sondern er ist etwas aus Sprache Gemachtes. Und obwohl das eigentlich jeder weiß, gelten Prosawerke meist dann als besonders gelungen, wenn ihre Mechanismen dem Leser verborgen bleiben. Verständlich ist diese Haltung, aber eben auch ein bisschen verlogen. Was interessiert mich der Motor meines Autos, solange es mich schnell um die Kurve trägt? Man könnte diese Frage auch anders stellen: Was ist es, das mich aus der Kurve getragen hat? Michael Kleeberg gibt darauf in seinem jüngsten Roman Das Amerikanische Hospital zwei Antworten: eine formale und eine inhaltliche.

Der vergleichsweise schmale Roman des 1959 in Stuttgart geborenen Autors mit einem Hang zu komplexen Erzählstrukturen, spielt zu Beginn der neunziger Jahre in Paris. Hélène ist Anfang dreißig und begibt sich zum Zweck einer künstlichen Befruchtung nicht zufällig in das traditionsreiche „Amerikanische Hospital“ im Pariser Vorort Neuilly. Ihr Mann, der sich immer wieder als Ich-Erzähler in das ansonsten aus neutraler Sicht geschilderte Geschehen einschaltet, ist sofort dafür: „Der Name flößte Vertrauen ein, stand für Effizienz und Selbstvertrauen und den letzten Stand der Technik.“ Im Foyer des Krankenhauses kommt es dann zu einer für die weitere Romanhandlung wegweisenden Begegnung. Ein junger Amerikaner bricht wenige Meter von Hélène entfernt auf dem Flur zusammen, er zerrt mit einer Hand an seinem Krawattenknoten, zittert, klappert mit den Zähnen und klammert sich an die junge Französin, der bald darauf die Naht ihres Kleides reißt und die glaubt, es mit einem Fall von Epilepsie zu tun zu haben.

Zunächst löst sich die Szene ganz unbedeutend wieder auf. Der Amerikaner kommt in ärztliche Obhut, Hélène durchläuft die übliche Prozedur einer In-vitro-Fertilisation mit allen Schikanen und ein paar Monate später trifft man sich zufällig wieder in der Krankenhaus-Cafeteria. Während für Hélène das Amerikanische Hospital gar kein Krankenhaus ist, sondern eher ein Ort, an dem Lebensträume erfüllt werden, trägt die Geschichte des Amerikaners die Attribute des Todes. David Cote hat als Soldat im ersten Irakkrieg gekämpft und wird in Paris wegen einer Angststörung behandelt. Für die fehlt den behandelnden Ärzten Anfang der neunziger Jahre noch der rechte Begriff. Viel später erst erfährt der Leser, was er nach heutigem Kenntnisstand schon lange ahnt: David Cote leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Während Hélène im Zyklus ihrer künstlich herbeigeführten Empfängnis und der darauf immer wieder folgenden Aborte auf das Erreichen ihres Lebensziels hinarbeitet, wünscht der Amerikaner nichts weniger als die Erlösung von seinen Qualen. Und in dem Maß, in dem Hélène sich mit zunehmendem Fatalismus von ihrem Mutterschafts-Ideal verabschiedet, befreit sich Cote Schritt für Schritt von seinen Dämonen – und zwar buchstäblich an der Seite Hélènes. Sie ist es, die dem Amerikaner Paris zeigt, die ihn sicher untergehakt durch jede Menschenmenge navigiert und ihm damit einen neuen Zugang zur Gesellschaft ermöglicht.

Eindringlich lässt Kleeberg den Amerikaner Szenen aus seinem Krieg heraufbeschwören. Zunächst sind es Tiere, die qualvoll zugrunde gehen: Ein Schwarm Ibisse verwechselt einen nährenden See mit einem tödlichen Ölteppich. Später erfährt der Leser von irakischen Soldaten, denen man die Achillessehnen durchtrennt hat und Kindern, die am helllichten Tag erschossen wurden. Dazwischen wieder ein Abort: „A bloody mess“, wie beide das nennen.

Nun besteht kein Zweifel daran, dass Michael Kleeberg einer der versiertesten deutschen Erzähler seiner Generation ist. Er beherrscht nicht nur sein sprachliches Spielmaterial, sondern kennt auch alle erzählerischen Mittel, beherrscht gewissermaßen den Konstruktionsplan seiner Geschichten. Das Amerikanische Hospital ist von vorne herein selbst als künstliche Befruchtung angelegt. Entlegene Lebensgeschichten werden an einem Ort, der für Geburt und Tod gleichermaßen steht, zusammengebracht und im Reagenzglas Roman so lange aufgepäppelt, bis der Organismus im Kopf des Lesers wächst und gedeiht und von alleine weiterlebt.

Es ist kein Zufall, dass der Roman am Ende eine organische Dimension entfaltet. In Paris herrscht Generalstreik. Nichts geht mehr. Hélène und Cote, über deren tatsächliches Verhältnis der Erzähler Diskretion bewahrt, müssen ihr Leben jetzt wieder selbst in die Hand nehmen. „Das ganze Spektakel hatte etwas Archaisches, etwas von steinzeitlicher Völkerwanderung auf der Flucht vor Eis und Vulkanausbrüchen, und solche Zeiten, dachte Hélène, waren immer nicht nur Zeichen von Furcht, Anspannung und Auseinandersetzung gewesen, sondern auch von Improvisation, Neuentdeckungen, Mut, Freundschaft und Solidarität.“ Aus dieser Mischung aus Kalkül und Anarchie gewinnt Das Amerikanische Hospital seinen besonderen Reiz, das es zu einem einzigartigen literarischen Ereignis macht.
Katharina Teutsch

Von Katharina Teutsch, 01.04.2011

​Katharina Teutsch ist Journalistin und Kritikerin und schreibt unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, den Tagesspiegel, die Zeit, das PhilosophieMagazin und Deutschlandradio Kultur.