Sparte: Belletristik

Mareike Krügel
Bleib wo Du bist

Roman

Buchbesprechung

Psychotherapeuten, im Volksmund Seelenklempner genannt, sind auf das schwierige Geschäft spezialisiert, sich in andere Menschen hineinzufühlen und dabei die Distanz des professionellen Beobachters zu wahren. Schriftstellern (oder Filmautoren) fällt dann die Aufgabe zu, sich in die Psychotherapeuten hineinzudenken, die ja bekanntlich auch nur Menschen sind. Und spätestens seit Woody Allen wissen wir, dass der Themenkomplex „Therapie“ sich ohne Komik nicht behandeln lässt, obwohl es dabei oft um menschliche Tragödien geht.

Ein gerüttelt Maß an Lebenserfahrung, denkt man, müsste für die literarische Gestaltung des Sujets vonnöten sein, und angelsächsisch trockener Humor wäre von Vorteil. Mareike Krügel, 1977 geboren und bisher mit zwei Romanen hervorgetreten, beweist indes, dass man auch als deutsche Autorin und schon in relativ jungen Jahren eine amüsante Therapeuten-Geschichte mit Tiefgang schreiben kann.

Der Roman Bleib wo du bist beginnt mit einem Szenario aus der Tagungsgastronomie, das nicht nur für Angehörige der Psychobranche hohen Wiedererkennungswert hat und sogleich eine unwiderstehliche Sogwirkung entfaltet: „Schon von Weitem fallen die Unmengen an Speck auf, in Streifen, Stücken und Scheiben auf den silbernen Vorlegeplatten des Büffets. Der ganze Saal ist in traniges Gelb getaucht, die tief hängenden Tiffanylampen brennen, obwohl es draußen noch gar nicht dunkel ist. Über der Tür das geschnitzte Holzschild mit der Aufschrift Große Laugenspitze, auf dem Fußboden ein burgunderfarbener Teppich, dunkelbraune Täfelung an den Wänden. Matthias Harms hat kurz das Gefühl, direkt in einen Albtraum hineinzuspazieren.“

Matthias Harms – er trägt nicht von ungefähr das Kümmern und Sorgen in seinem Nachnamen – ist ein gewissenhafter Vertreter jenes Berufsstandes, der sich in heutiger Zeit wenigstens nicht über Arbeitslosigkeit beklagen kann. In seiner Praxis finden sich vorwiegend Zwangsneurotiker ein, was ihm zwar ein gutes Einkommen und kabarettreife Fallgeschichten beschert, sein Nervenkostüm jedoch unterschwellig strapaziert, zumal er selbst nicht frei von Zwangssymptomen ist. Das wird immer deutlicher, je länger die Autorin ihren Helden als Teilnehmer einer ganz normalen Therapeutentagung im schönen Südtirol herumlaufen, vielmehr herumirren lässt: Durch scheinbar unspektakuläre Begebenheiten und Begegnungen wird der Anfangfünfziger aus Lübeck mit verdrängten Erinnerungen und schlummernden Konflikten konfrontiert, und was als Spaziergang mit Symptomen leichter Desorientierung beginnt, verwandelt sich allmählich in eine halsbrecherische Gebirgswanderung voll äußerer und innerer Gefahrenmomente, bis am Ende nichts mehr so ist, wie es einmal war.

Das Psycho-Drama eines studierten Krisenhelfers, den die Probleme seiner Klienten allzu lange von den eigenen abgelenkt haben, schildert Mareike Krügel, zwischen Vergangenheit und Gegenwart zwanglos changierend, mit Einfühlungsvermögen und Beobachtungsschärfe. Seine größten Stärken zeigt dieser sprachlich sorgfältig gearbeitete kleine Roman aber in den komischen Passagen: Da gewährt uns die Autorin mit leichter Hand heilsame Einblicke in ein Milieu, das unsere Gesellschaft mittlerweile nachhaltig prägt, und in die Besonderheiten einer déformation professionelle, die ebenso viel Verständnis fordert, wie es Heilungssuchende von ihren Therapeuten erwarten dürfen.
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 01.07.2011

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.