Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Jutta Richter
Hildegard Müller (Illustrator)

Ich bin hier bloß der Hund

Roman

Buchbesprechung

​Selbst der liebevollste Katervater wird nach der Lektüre von Jutta Richters „Ich bin hier bloß der Hund“ sein Weltbild revidieren müssen: Hunde sind nicht das glatte Gegenteil unserer freiheitsliebenden Haus-, Hof- und Stubentiger. Sie sind nicht untertänig, opportunistisch, bestechlich und ein bisschen treudumm. Jedenfalls nicht nur. Hunde sind nicht „das Gegenteil von“, sie sind einfach anders als die andern. Und vor allem: Sie haben ein erstaunliches Reflexionsvermögen und einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Und manchmal sogar das Zeug zum (sehr bescheidenen) Helden des Tages. Mag sein, dass hie und da ein paar Doofköppe in der Spezies zu finden sind – das ist ja bei Menschen nicht anders –, aber, was uns der wuschelige schwarze Hirtenhund Anton ganz im Vertrauen erzählt, das hinterlässt bei jungen und bei älteren Lesern gleichermaßen Respekt und Mitgefühl.

Nicht nur, weil er einst unter dem Namen Brendon in der ungarischen Puszta seinen Dienst verrichtete und Graurinder, Wollschweine und vor allem Zackelschafe im Zaume und ihnen Wildkatzen und Goldschakale vom Leibe hielt. Altes Hütehundegeschlecht eben. Dann gab es ein paar tragische Ereignisse, über die wir hier nicht reden wollen, und schließlich landete Brendon als Anton in einer deutschen Kleinfamilie. Vater. Mutter. Kleinkind. Und Katze. Mizzi (wie kann man nur so heißen!).

Jutta Richter macht eigentlich nicht mehr und nicht weniger als Anton die Stimme zu verleihen, die ihm schon lange gebührt. Und der erzählt in zehn, von Hildegard Müller kongenial mit schwarzweißen Illustrationen untermalten Kapitelchen, was er so in den Herbst- und Wintertagen in der Familie erlebt, mit Vater Friedbert (der sich mit der Rolle als Rudelführer abmüht), mit Mutter Emily (sanfter, manchmal aber auch hysterisch), mit dem Töchterchen (seinem Lieblingsgeschöpf, das er „die Kleine“ nennt), und natürlich mit Mizzi, die ihm mit unverschämter Selbstverständlichkeit nicht nur seine besten Ruheplätze streitig macht. Und dann ist da noch die Erinnerung an Onkel Ferencz, den weisen alten Hütehund aus Pusztazeiten.

Jutta Richters Kunst besteht zum einen besonders darin, sich als Erzählerin unsichtbar zu machen. Wenn wir es nicht besser wüssten, glaubten wir nicht nur daran, Anton würde seine Geschichte selbst kundtun, während wir mit ihm am Küchentisch säßen. Nein, wir würden auch keine Sekunde an der Wahrhaftigkeit seiner Worte zweifeln. Außerdem ist der Text ungewöhnlich rhythmisch komponiert und liest sich wie ein einziges langes Prosagedicht – als poetischer Monolog eines freud- und leiderfahrenen klugen Hundes, der es, wie er sagt, „im großen Ganzen gut getroffen hat.“
Siggi Seuß

Von Siggi Seuß, 19.06.2012

​Siggi Seuß, freier Journalist, Hörfunkautor und Übersetzer, schreibt seit vielen Jahren Kinder- und Jugendbuchkritiken.