Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Horst Rademacher
Am Rande des Kraters - Die unheimliche Faszination der Vulkane

Buchbesprechung

Wir modernen Menschen des frühen 21. Jahrhunderts haben ein ambivalentes Verhältnis zur Natur. Als Sehnsuchtsort machen wir sie zur Idylle, um in der Freizeit mit unseren umweltzerstörenden Autos in das nächste – oder auch gar nicht so nahgelegene – Erholungsgebiet zu brausen. Zugleich haben wir uns so weit von ihr entfernt, dass es zumindest zu den weit verbreiteten kulturkritischen Anekdoten zählt, dass immer mehr Stadtkinder den Zusammenhang von Milch im Tetra Pak und lebendigen Kühen gar nicht mehr kennen.

Die andere Seite der Natur tritt uns in den medial aufbereiteten Naturkatastrophen entgegen: Kaum etwas bewegt uns derart wie der Ausbruch der unberechenbaren und alle Vorstellung sprengenden Naturgewalt – man denke nur an das Seebeben im Indischen Ozean und den darauffolgenden Tsunami im Jahr 2004. Aufs engste verbindet sich bei solchen Ereignissen unsere Erschütterung über das menschliche Leid mit der gebannten Schaulust an der unbegrenzt-bedrohlichen Macht der Natur.

Eine solche Katastrophe steht auch am Beginn der modernen Geowissenschaften: Nachdem am 1. November 1755 ein verheerendes Erdbeben die portugiesische Hauptstadt Lissabon nahezu vollständig zerstört und Zigtausend Todesopfer gekostet hatte, setzte Immanuel Kant der moraltheologischen Interpretation des Bebens als Gottesstrafe in mehreren seiner Schriften eine systematisch-naturwissenschaftliche Erklärung entgegen.

Auch zweihundertfünfzig Jahre später haben trotz aller modernen Mess- und Untersuchungstechniken die Urgewalten der Natur selbst für den Wissenschaftler nichts von ihrer Anziehungskraft eingebüßt. So weiß Horst Rademacher in Am Rande des Kraters auf packende Weise von der »unheimlichen Faszination der Vulkane« – so der Untertitel des Buches – zu berichten. Der Geophysiker und Wissenschaftsjournalist nimmt uns mit von Vulkanausbruch zu Vulkanausbruch, zeigt uns Vulkane in fast allen Erdregionen – dabei macht er uns zugleich darauf aufmerksam, dass gar nicht alle Feuer speien –, und erzählt anschaulich vom Beruf des Vulkanforschers.

Wir erfahren von der akuten vulkanischen Gefahr für heutige Groß- und Megastädte und über die Bedrohung, die von den Eruptionen für die Ernährungsgrundlage vieler Menschen und das Weltklima ausgeht. Daneben erstaunt die Entstehung neuen Lebens durch Nährstoffe aus dem Erdinneren und die besondere Fruchtbarkeit vulkanischer Böden. Vor allem aber lässt die exzellente, oft doppelseitige Bebilderung erahnen, welchen Sog das Erleben dieser mannigfaltigen Naturschauspiele auf den Betrachter auszuüben vermag.

Ganz schnell wird uns beim Lesen klar: Da meint es jemand ernst mit seinem Thema, ernst nimmt er aber auch sein Publikum. Kein vorauseilend nach unten angepasstes Sprachniveau, keine didaktisierende Verzettelung in Schaubildern hier und Info-Kästen dort (auch wenn das Buch diese wohlgesetzt ebenfalls zu bieten hat). Nein, hier wendet sich ein Autor, der selbst über hundert aktive Vulkane besucht hat, an eine wissbegierige Leserschaft vom Jugendlichen bis zum Erwachsenen und reißt uns durch seinen passagenweit in der Ich-Perspektive gehaltenen wissenschaftlichen Abenteuer-Roman einfach mit.

Im ersten Kapitel lesen wir noch mit bedrückender Irritation und Fassungslosigkeit, wie 1993 eine Forschergruppe im Krater des kolumbianischen Galeras von einer Eruption überrascht wird und mehrere Wissenschaftler sterben. Je weiter Rademacher sein Panorama aufspannt, desto deutlicher wird dann, dass der innere Mechanismus der Vulkane nur ansatzweise verstanden ist und deshalb jedem Forscher klar sein muss, dass er am Rande des Kraters sein Leben riskiert. Dennoch leuchten die Augen vieler Vulkanforscher im Augenblick der Gefahr, ist ihnen der mögliche Tod gleichgültig. Mit dem Nervenkitzel des sprichwörtlichen »Tanzes auf dem Vulkan« allein ist das nicht zu erklären, Faszination scheint ein zu schwaches Wort. Warum also setzt sich jemand diesem Risiko aus?

Horst Rademacher beantwortet diese Frage mit einem persönlichen Schluss, er beschwört den »Respekt vor jedem Vulkan« und offenbart: »Wenn ich nachts am Ätna beobachte, wie ein glühender Lavastrom den Hang hinab gleitet, denke ich nicht an die Wissenschaft.« Trotz aller Vorsicht ist auch er, wie die von ihm begleiteten Vulkanforscherinnen und -forscher, ein Von-Berg-zu-Berg-Getriebener, seine Schilderungen lassen uns erahnen, wie die vulkanische Urgewalt der Natur dem Betrachter eine Erfahrung der Erhabenheit erlaubt, eine letzte Andeutung des archaisch Unverfügbaren. So macht Am Rande des Kraters auch für den Leser unmittelbar nachvollziehbar, dass das Wort »Faszination« von verzaubern, behexen stammt.
Vorname Name

Von Michael Sellhoff, 01.05.2011

​Michael Selhoff arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Philosophischen Seminar der CAU Kiel und ist freiberuflicher Lektor.