Sparte: Sachbuch

Henning Ritter
Notizhefte

Buchbesprechung

Über James Boswell, der in seinen Schriften die Alltagschronik des 18. Jahrhunderts mit dem Kult um die eigene Person verband, bemerkt Henning Ritter an einer Stelle seiner Notizhefte: „Darin dürfte das Geheimnis seiner Zeitgenossenschaft liegen: Eine ich-besessene Aufmerksamkeit treibt ihn zur Jagd nach Gegenwärtigem schlechthin, das wegen seiner Präsenz, nicht wegen seiner Bedeutung geschildert wird.“

Was hier als Besonderheit des exzessiven schottischen Tagebuchschreibers herausgestellt wird, liest sich wie das Gegenmodell zu Ritters eigenem literarischen Verfahren: Nur bei wenigen der philosophischen und politischen Kurzessays, Lektüre-Anmerkungen, Maximen, Anekdoten, die in den „Notizheften“ versammelt sind, meldet sich das „Ich“ des Autors zu Wort. Mit autobiographischen Details und unmittelbaren Selbstzuschreibungen geht Ritter sparsam um, die eigene Persönlichkeit hält er vornehm im Hintergrund, lässt sie beinahe restlos im Kosmos seiner stupenden Gelehrsamkeit aufgehen. Rar gesät sind auch die Kommentare zum gegenwärtigen Geschehen. Auf über vierhundert Seiten findet sich höchstens ein Dutzend Einträge zu konkreten Ereignissen der jüngsten Zeit- und Kulturgeschichte. Katastrophen und Entwicklungen, die momentan alle Welt in Atem halten oder dies vor wenigen Jahren noch taten, dienen Ritter lediglich als Stichworte, um einen überraschenden historischen oder ideologischen Bedeutungszusammenhang aufzufächern. So wird an einer Stelle ein Bogen von der Kulturpolitik der DDR zurück in die Zeit der deutschen Kleinstaaterei gespannt. Ein längerer Eintrag, der mit der Erwähnung der Anschläge des 11. September anhebt, entpuppt sich als pointierter Kommentar zu theologischen Spezialproblemen des 1966 hingerichteten radikalen islamischen Intellektuellen Sayyid Qutb.

Der Blick in die Vergangenheit dominiert die Perspektive dieses Bandes. Ritter hat hier – wie er vorab erklärt – lediglich eine Auswahl, etwa ein Zehntel, seiner privaten Aufzeichnungen vorgelegt. Der Entstehungszeitraum dieser Notate fällt ungefähr mit jenem Vierteljahrhundert zusammen, in dem er, gewissermaßen von Amts wegen, Maßstäbe in der Debattenkultur der Gegenwart setzte: Von 1985 bis 2008 verantwortete Ritter das Ressort „Geisteswissenschaften“ bei der FAZ. In seinen ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmten Notizen fand er jenes Gegengewicht, nach dem sein intellektuelles Temperament verlangte. Frei von den beruflichen Verpflichtungen zu Aktualität und Leserorientierung eroberte er sich schreibend das Feld der Assoziationen und gedanklichen Höhenflüge, konnte sich nach Herzenslust der unzeitgemäßen Betrachtung bekannter und weniger bekannter Denker vergangener Epochen widmen.

Unverkennbar liegen Ritters persönliche Vorlieben bei den französischen Moralisten des 17. und 18. Jahrhunderts: Montesquieu, Pascal, Chamfort, La Rochefoucauld, Galiani – ebenso wie bei deren geistigen Erben. Fürs 19. Jahrhundert stehen hier Stendhal, Schopenhauer und Nietzsche; der konservative spanische Dandy-Philosoph José Ortega y Gasset und der rumänisch-französische Chefpessimist Cioran führen die Linie im 20. Jahrhundert fort. Ritter beschränkt sich keineswegs darauf, die Eindrücke seiner ausufernden Lektüre dieser Autoren wiederzugeben. Unaufdringlich schreibt er sich selbst in die Tradition der „Maximen und Reflexionen“ ein, sowohl auf inhaltlicher als auch auf formaler Ebene: In den Notizheften gibt es weder Register, noch Datum oder Überschriften. Mit gattungstypischer Unsystematik werden moralistische Topoi wie Eitelkeit, Authentizität, Heuchelei und Mitleid verhandelt. In der Beherrschung der sprachlichen Mittel reicht Ritter an die alten Meister des Stils heran. Allerdings ist die schöne Passage, in der er sich zur Funktion des Aphorismus bei seinen Bezugsautoren äußert, nur bedingt aufschlussreich: Lichtenberg, heißt es dort, habe sich durch den Aphorismus vor den Zumutungen der Gelehrsamkeit geschützt, Schopenhauer habe damit die eigenen Einsichten geschmeidig gehalten und seine Philosophie vor rechthaberischer Erstarrung bewahrt. Andere wiederum, die wie Jules Renard oder Nietzsche zum Nihilismus drängten, hätten in der Sprache jenen Halt gesucht, den ihnen das Denken versagte. Ritter selbst scheint all diese Merkmale in der eigenen Aphoristik zu vereinen, hinter seiner sprachlichen Formvollendung verbergen sich bisweilen – und auch dies weist ihn als genuin moralistische Begabung aus – inhaltliche Widersprüche oder Trivialitäten.

Auch wenn Ritter seiner Verbundenheit mit dem intellektuellen Klima vergangener Jahrhunderte nicht deutlicher zum Ausdruck hätte bringen können – der Vorwurf des manierierten Epigonentums kann ihm nicht gemacht werden. Trotz seiner intimen Vertrautheit mit dem Gedankenschatz der Geistesaristokraten aus vier Jahrhunderten, bewahrt er sich die Fähigkeit zur gedanklichen Originalität und analytisch-kritischen Distanz. Gegen Nietzsche etwa, den Ritter mit schier unersättlicher Begeisterung erforscht, fällt plötzlich das Verdikt des „Gedankenkitsches“. Diesen Vorwurf müssen sich etliche Seiten später auch Walter Benjamin und Michel Foucault gefallen lassen. Vor Ritters spöttischen Pointen ist niemand sicher, selbst der idealistische Dichterfürst der Weimarer Klassik nicht, über den es lakonisch heißt: „Schiller wollte `Zeitgenosse aller Zeiten´ sein. Er neigte ohnehin dazu, sich zu übernehmen.“

Die Notizhefte sind die kritische Selbstvergewisserung eines eigenwilligen Freigeistes, der seine enzyklopädische Bildung und zeitlose intellektuelle Schärfe darauf verwendet, den eigenen Individualismus zu behaupten. Ritter sieht in der drohenden „Entwertung der Individualität“ eine der unterschätzten Hauptgefahren der gegenwärtigen „Spaßgesellschaft“, in der man keine Furcht mehr kenne, sich der Lächerlichkeit auszusetzen. Auch in anderen Passagen, in denen vom „Zeitalter der Playback-Authentizität“ oder vom „Skandal der Political Correctness“ die Rede ist, macht er keinen Hehl aus seinem Kulturpessimismus. Von apokalyptischer Verbitterung bleibt sein Tonfall jedoch frei, vielmehr manifestiert sich mit voranschreitender Lektüre der Eindruck einer kultivierten Melancholie, aufgelockert durch selbstironische Überzeichnungen nach dem Motto: „Untergang des Abendlandes: Was kann es Schöneres geben, als mit dem Abendland unterzugehen!“

Auch sollte man nicht der Versuchung erliegen, das Diktum „Man kann die Gegenwart nicht in den Kategorien der Gegenwart verstehen“ lediglich als Mängelbeschreibung der heutigen Zeit zu deuten. Denn eine Gegenwart, welche Ritter die Kategorien zu seinem eindrucksvoll demonstrierten Verständnis der Vergangenheit liefert, dürfte ganz in seinem Sinne sein.
Marianna Lieder

Von Marianna Lieder, 01.09.2011

​Marianna Lieder ist seit 2011 Redakteurin beim „Philosophie Magazin“. Als freie Journalistin und Literaturkritikerin arbeitet sie u. a. für den Tagesspiegel, die Stuttgarter Zeitung und Literaturen.