Sparte: Belletristik

Silke Scheuermann
Shanghai Performance

Buchbesprechung

Diese Stadt ist gigantisch. Mehr als dreiundzwanzig Millionen Bewohner drängen sich durch die Schluchten zwischen Schanghais Wolkenkratzern. Auf einer Fläche, die mehr als sieben Mal so groß ist wie Berlin. Im Jahr 2008 war auch die Schriftstellerin Silke Scheuermann für zwei Monate dort. Und wurde zu einem Roman inspiriert, der den Namen der Stadt sogar im Titel trägt: Shanghai Performance. Und tatsächlich ist die chinesische Hafenstadt mehr als ein Schauplatz der Handlung – sie spielt eine der Hauptrollen.

Icherzählerin Luisa, promovierte Kunsthistorikerin, blickt aus einem Abstand von wenigen Jahren auf ihre Erlebnisse in Schanghai zurück. Ursprünglich aus dem Schwarzwald stammend, arbeitet sie in Frankfurt als Assistentin der angesehenen Performancekünstlerin Margot Winkraft. Sie genießt das Leben in der hippen Kunstszene, fliegt mit der Älteren nach Sydney, Paris, L.A. Und lässt dabei nichts anbrennen. Irgendwann reicht es ihrem Freund, der zu Hause auf sie wartet. Nach ihrem Seitensprung mit einem kalifornischen Surfertyp macht er Schluss mit Luisa. Das Angebot, mit ihrer Chefin eine Performance in Schanghai zu veranstalten, ist für die Sitzengelassene eine willkommene Ablenkung vom Liebeskummer.

Es ist der Sommer der Olympischen Spiele. Knapp sieben Wochen lang lässt sich die attraktive Luisa durch die schwülheiße Stadt im Mündungsgebiet des Jangtsekiang treiben. Genießt die unzähligen Eindrücke, die auf sie einprasseln. Spaziert über den Bund, die lange Uferpromenade am westlichen Ufer des Huangpu-Flusses. Der 38 Jahre alten Scheuermann gelingt es hervorragend, die Atmosphäre Schanghais zu vermitteln. Dampfende Essensgerüche im Wirrwarr der Straßen wechseln sich ab mit kühlen Hotelbars. Angesagte Galerieviertel, wie das M 50 Art Quarter, und Partys hoch über der Stadt kontrastieren mit stillen Tempeln und dem Westsee, zwei Autostunden außerhalb. Es sind vielfach reale Orte, die sie beschreibt, darunter den „Old China Hand Reading Room“ oder das „Vienna Cafe“.

Die Performance mit dem Titel „Arbeiter und Träumer“ ist nur Mittel zum Zweck. Einerseits für die Autorin, die vor allem eine eindrucksvolle Geschichte über Schuld, unterschiedliche Frauenrollen und die Egozentrik einer Künstlerin erzählt. Andererseits für Margot Winkraft, die ihr Kunstprojekt nur als Köder für ihre in Schanghai lebende Tochter auswirft. Luisa bemerkt zwar, dass sich ihr Idol merkwürdig verhält, lenkt sich aber wieder einmal durch eine Affäre von ihren Gedanken ab. Das tragische Ende eines Menschenlebens wirft schließlich alle Protagonisten aus ihren Bahnen. Und Luisa muss erkennen, dass Margot Winkraft eine bedeutende Künstlerin sein mag, als Person hingegen nur um sich selbst kreist und ihre Mitmenschen kühl und berechnend ausnutzt.

Silke Scheuermanns Roman merkt man zweierlei an: die überwältigende Wirkung, die Schanghai auf sie gehabt haben muss. Und ihre Begeisterung für die chinesische Gegenwartskunst. Auch wenn für Winkrafts Performance – 23 fast nackte Frauen stehen stundenlang auf einem Haufen Erde herum – die Rauminszenierungen von Vanessa Beecroft oder Spencer Tunick Pate gestanden haben mögen: Die aufregenderen Künstler scheinen für die Autorin die chinesischen zu sein. Etwa Yang Zhichao aus Peking, der sich Objekte in Beine und Bauch hineinoperieren oder eine Wiese auf den Rücken pflanzen lässt. Gleichzeitig wirft Scheuermann ein satirisches Licht auf die oberflächliche Selbstbezogenheit des Kunstbetriebs – mit popkulturellen Anspielungen von Dr. House bis Belle & Sebastian und Pierce Brosnan. Vor allem jedoch sucht sie Antworten auf die alte Frage: Wie wichtig darf Kunst sein?

Nebenbei gelingt es ihr, fast so etwas wie einen Reiseroman über die Stadt am Ostchinesischen Meer zu schreiben. Mit großer Ortskenntnis führt sie ihre Leser durch die erstaunliche Vielfalt Schanghais. Und schafft es außerdem, die unterschiedlichen Blicke von Europäern und Nordamerikanern auf die chinesische Lebensweise zu zeigen. Wie geht man als Ausländer mit der schwierigen Sprache um? Der staatlichen Zensur? Und wie lebt es sich in einer Stadt, der die Zukunft so viel näher scheint als alles, was gestern war? Nach der Lektüre dieses bemerkenswerten Romans erkennt man auch: So exotisch diese Mega-City daherkommt – im Grunde ist Schanghai längst keine chinesische Stadt mehr, sondern eine globale.
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Von Daniel Grinsted, 01.05.2012

​Daniel Grinsted ist Kulturwissenschaftler und Anglist/Amerikanist. Er arbeitet als freier Kulturjournalist für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Zeit Online, Literaturen, das Börsenblatt und andere Medien.