Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Elisabeth Steinkellner
Michael Roher (Illustrator)

Die neue Omi

Buchbesprechung

Mit „Die neue Omi“ haben die Autorin Elisabeth Steinkeller und der Illustrator Michael Roher ein Kinderbuch verfasst, das sich dem schwierigen Thema Älterwerden und Demenz auf einfühlsame Weise annimmt. Auf die Leser wartet eine warmherzige und berührende Geschichte, die eine sich wandelnde liebevolle Beziehung zwischen Oma und Enkelin zeigt.

Die kleine Fini liebt verrückte Frisuren und ihre Oma, obwohl die der seltsamen Haarmode ihrer Enkelin nicht immer etwas abgewinnen kann und ihr daher ganz gerne eine Mütze überzieht. Aber die Oma hat anderes zu bieten – von ihren Reisen in ferne Länder schickt sie nicht nur Postkarten, sondern sie beglückt hinterher auch die gesamte Familie mit exotischen Kochrezepten. Wenn Oma und Enkelin gemeinsam Enten füttern gehen, dann ist die Welt in Ordnung. Bis zu dem Tag, an dem sich alles ändert. Plötzlich gibt es die neue Omi. Sie kann nicht mehr verreisen und zieht zu Finis Familie. Dort schwelgt sie in Erinnerungen an ihr vergangenes Leben, an denen sie ihre Enkelin teilhaben lässt, während sich ihr Blick in der Ferne verliert.

Statt Brotkrumen an die Enten zu verteilen, isst die Großmutter sie jetzt selbst. Und auch sonst macht die alte Dame, wie Fini findet, neuerdings seltsame Sachen. Zum Beispiel schaltet sie die Herdplatten ein, um sich aufzuwärmen statt zu kochen. Und deshalb soll Fini jetzt auf die Oma aufpassen. Sie mag es, mit der „neuen“ Großmutter Kakao zu trinken und ihr Geschichten zu erzählen. Aber als die Oma dann einschläft, wird es ihr zu langweilig. Finis Mutter findet die schnarchende Omi später allein unter dem Küchentisch und ärgert sich über ihre Tochter. Doch Fini fühlt sich ungerecht behandelt und wird sauer: „Wieso muss ich eigentlich auf die Omi aufpassen? Soll sie doch selber auf sich aufpassen!“ Am nächsten Tag kommt Agatha als Aushilfe, um auf die Großmutter acht zu geben. Sie hilft ihr beim Zähneputzen, beim Baden und beim Anziehen. Fini schaut zu und ihr Unmut weicht der tiefen Zuneigung, die sie für ihre Großmutter hegt. „Du bist ein Wunder,“ sagt sie zu der neuen Omi und hilft ihr beim Essen. So entsteht allmählich ein neues Band zwischen Fini und ihrer Großmutter. Die alte, weltoffene Oma hat ihrer Enkelin beigebracht, dass Veränderungen gut sein können, aber Finis verrückte Frisuren mochte sie nie. Die neue Omi kann zwar nicht mehr um die Welt reisen und braucht jemanden, der auf sie aufpasst, aber sie mag die chaotischen Zöpfe ihrer Enkelin. Und am Ende darf Fini die neue Omi jeden Sonntagmorgen frisieren.

„Die neue Omi“ ist ein mit viel Taktgefühl gestaltetes Kinderbuch, dem es gelingt das schwierige Thema der Altersdemenz behutsam und verständlich zu vermitteln. Dabei werden die Probleme, die die Veränderung der Oma für die gesamte Familie mit sich bringt, nicht verschwiegen, sondern offen angesprochen. Das Buch zeigt auf, wie Eltern und Kinder damit umgehen können, wenn ältere Menschen sich verändern und nicht mehr die sind, die sie einmal waren. Dass es wichtig ist, Verantwortung für andere zu übernehmen und gleichzeitig weder Kindern noch Eltern dabei zuviel aufzubürden.

Die Zeichnungen von Michael Rohrer sind gekonnt auf den Inhalt abgestimmt. Es sind ruhige und unaufdringliche Bilder in warmen Rot-Tönen, die der emotionalen Tiefe der Geschichte gerecht werden. Die Charaktere sind mit sanften, weichen Linien gezeichnet. Dank liebevoll gestalteter Details erzählen die Räume selbst kleine Geschichten. Die Wohnung der Großmutter, die auf den beiden Doppelseiten zu Beginn und Ende des Buches abgebildet ist, ist ein Spiegel ihres „alten Lebens“. Die gerahmten Familienbilder, der Teppich aus Indien und die exotische Maske an der Wand zeugen von einer vielseitigen und aktiven Frau. Es ist ein Blick in die Vergangenheit, in eine Wohnung, in der die Oma nicht mehr leben kann. Das Gesamtdesign überzeugt durch spannende Kleinigkeiten – auf jeder Seite gibt es etwas zu entdecken: von Kreuzworträtsel lösenden Mäusefamilien bis hin zu außergewöhnlichen Postkartenansichten aus aller Welt. Insgesamt bestechen die Bilder durch ihre schlichte Schönheit.

Mit „Die neue Omi“ haben Steinkeller und Rohrer ein einfühlsames Kinderbuch geschaffen, eine Geschichte darüber, dass Beziehungen sich verändern und Rollen sich umkehren können. Aus Erwachsenen werden wieder Kinder und aus Kindern kleine Erwachsene, die Verantwortung übernehmen für diejenigen, die einmal auf sie aufgepasst haben. Manche Themen lassen sich schwer in Worte fassen, aber in Bilderbüchern wie diesem gelingt es.
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Von Andrea Müller, 01.01.2012