Sparte: Sachbuch

Claus Leggewie
Harald Welzer
Das Ende der Welt, wie wir sie kannten - Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie

Buchbesprechung

Den Titel des Buches haben die Autoren des Buches der Populärkultur entliehen: It’s the end of the world as we know it heißt der Song der Gruppe R.E.M., den der Sozialpsychologe Harald Welzer und der Politikwissenschaftler Claus Leggewie zitieren. Doch anders als der Titel vermuten lassen könnte, wird in dem Sachbuch kein Weltuntergangsszenario entworfen. Vielmehr zeigt es verschiedene Handlungsoptionen auf, die einen Weg aus der gegenwärtigen Krise weisen können.

Klima- und Finanzkrise sowie Umweltprobleme – die Autoren analysieren, warum in dieser Situation herkömmliche Strategien des Krisenmanagements versagen, und machen deutlich, warum der Weg aus der Krise zwangsläufig über die Repolitisierung der Zivilgesellschaft führen muss. Zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch der letzten großen Ideologie, des Kommunismus, müssen die Bürger sich aktiv für die Gesellschaft einsetzen, in der sie leben wollen. Das Ende der Welt, wie wir sie kannten liefert eine eindrückliche Analyse der gegenwärtigen Bedrohung der menschlichen Lebenswelt und leitet daraus originelle Lösungsstrategien ab.

Die Krise, mit der Welzer und Leggewie die Menschheit rund um den Globus konfrontiert sehen, besteht aus einer Vielzahl von Komponenten, die unter dem Schlüsselbegriff der Endlichkeit der natürlichen Ressourcen zusammengefasst werden können. Der Klimawandel und die durch ihn ausgelöste soziale Katastrophe bedrohen das Überleben ganzer Völker. Der stetig wachsende Energiebedarf steht einer Knappheit der Rohstoffe gegenüber: Die Ölvorräte gehen zur Neige; Wassermangel und die ungelöste Herausforderung, eine unentwegt wachsende Weltbevölkerung ernähren zu müssen, gehören zu den Problemen, die sich in den nächsten Jahren immer akuter stellen werden.

Angesichts dieser diversen Herausforderungen konstatieren die Autoren des Buches eine „Metakrise, die die Überlebensbedingungen des Erdsystems in Frage stellt”. Zu ihr gehört auch die Finanzkrise, die, indem sie das globale Finanzsystem destabilisiert, auch die menschliche Lebenswelt bedroht. Ebenso wie die Klima- und Umweltschäden wird auch sie durch die Logik eines kapitalistischen Systems hervorgebracht, das bedingungslos auf lineares Wachstum setzt. Eine einfache Kurskorrektur reicht daher nicht mehr aus, um die Katastrophe abzuwenden, denn, so die Argumentation von Welzer und Leggewie, ein System, das sich selbst bis an den Rand des Zusammenbruchs manövriert hat, kann aus sich heraus keine Lösungsstrategien mehr entwickeln. Zeit also für einen Perspektiv- und Richtungswechsel.

Warum lässt die Politik den unbestrittenen wissenschaftlichen Erkenntnissen, wie unabdingbar eine weltweite Reduktion des CO2-Ausstoßes ist, keine Taten folgen? Die Reaktionen auf den Klima-Gipfel 2009 in Kopenhagen, der allgemein als gescheitert gilt, machen deutlich, wie fassungslos die Öffentlichkeit einer handlungsunfähigen Politik gegenübersteht. Die Autoren legen überzeugend dar, dass Menschen ihr Handeln von partikularen Rationalitäten bestimmen lassen und dadurch häufig wider besseres Wissen handeln. Beispielhaft dafür ist die millionenschwere Subventionierung der zunehmend bedrohten Autoindustrie in Deutschland.

Obwohl das Auto als Verkehrsmittel einer der Hauptverursacher von CO2-Emissionen ist, bewirkt konkreter volkswirtschaftlicher Handlungsdruck, dass die universelle Rationalität, nämlich das dringend gebotene Vermeiden von schädlichem CO2-Ausstoß, aus dem Blickfeld gerät. Ein ähnlicher Mechanismus kommt zum Tragen, wenn der umweltbewusste Bürger, der generell aufs Autofahren verzichtet, in einer Situation, in der er es eilig hat, doch schnell ein Taxi heranwinkt. Diese lebensnahen Beispiele, anhand derer hier abstrakte Phänomene verdeutlicht werden, machen die sozialen Mechanismen greifbar, auf denen das von Welzer und Leggewie kritisierte System beruht.

Bereits bestehende Strategien zur Überwindung der Krise unterziehen die Autoren einer differenzierten Kritik. In der Hoffnung auf die Wirksamkeit des Emissionsrechtehandels, dessen Begriff und Auswirkungen von Welzer und Leggewie einleuchtend erklärt werden, setzt die Politik auf die Mechanismen des Marktes, um das Problem der CO2-Emissionen in den Griff zu bekommen. Jedoch ohne nennenswerten Erfolg. Unter den technischen Lösungsstrategien ist die so genannte Carbon Capture and Storage besonders bemerkenswert, die Abscheidung und Speicherung von CO2. Dabei soll das Kohlenstoffdioxid aufgefangen werden, bevor es in die Atmosphäre gelangt, und in unterirdischen Speichern eingelagert werden. Dass dies jedoch mit erheblichen Risiken verbunden ist, wird von den Befürwortern der Technik meist verschwiegen.

Doch erst wenn die Klimapolitik sich aus ihrer Abhängigkeit von den Wirtschaftsökonomien befreit, so Welzer und Leggewie, kann ein „grüner Markt” entstehen, der Faktoren wie Nachhaltigkeit und Umweltschutz in seine Rechnungen einbezieht. Die Voraussetzung dafür sehen sie in der Abkehr von der unhinterfragten Ideologie des Wachstums, der sie „magische und parareligiöse Qualität” attestieren.

Dass die Demokratie in der Form, wie sie heute existiert, den notwendigen Schritt zu einer umfassenden Veränderung vollziehen kann, daran haben Welzer und Leggewie Zweifel. Nach außen hin geraten demokratische Systeme gegenüber autokratischen Regierungsformen unter Druck, in denen auch als „unpopulär” geltende Maßnahmen rasch durchgesetzt werden können. Nach innen hin schwindet das Vertrauen der Bürger in die Fähigkeit der Politiker, die sich stellenden Probleme zu lösen. Insbesondere in den parlamentarischen Demokratien der Europäischen Union stellen die Autoren eine starke Elitebildung fest, die eine Trennung in einen politischen Raum der professionellen Politiker und einen „vorpolitischen” der Bürger bewirkt.

Obwohl eine große Zahl der Einwohner der Europäischen Union dringenden Handlungsbedarf beim Klimaschutz sieht, ergreift die politische Führung keine oder zu schwache Maßnahmen. Der Druck, bei der nächsten Wahl kurzfristig Erfolge erzielen zu müssen, lässt die politischen Parteien vorrangig gegenwartsbezogen agieren. Daher plädieren die Autoren für eine Politisierung des „vorpolitischen Raums”: Es sind die das politische Engagement und die aktive Partizipation der Bürger, die die Grundlage für eine „kulturelle Revolution”, wie Welzer und Leggewie sie fordern, bilden. So kann bürgerschaftliches Engagement in sogenannten „Resilienzgemeinschaften”, überschaubaren Zusammenschlüssen von Bürgern auf der Basis gegenseitiger Hilfe, schnell auf Veränderungen reagieren.

Beispiele dafür sehen die Autoren in zahlreichen Basisinitiativen und Nicht-Regierungs-Organisationen, die erfolgreich an alternativen Modellen wie beispielsweise der Öko-Stromversorgung arbeiten oder Druck auf die Politik ausüben. Damit widersprechen sie der weit verbreiteten Ansicht, der Einzelne könne durch sein Handeln sowieso nichts bewirken. Bereits durch sein Konsumverhalten und seine Ernährungsgewohnheiten hat der Bürger Gestaltungsmöglichkeiten, sofern er das Private als politisch begreift. Ein solcher strategischer Konsum hat, erst einmal als „chic” angesehen, symbolische Wirkung und Vorbildfunktion für andere Akteure. „APO 2.0“ nennen die Autoren eine solche Bewegung und spielen damit auf die Möglichkeiten der globalen Vernetzung an, die das Internet derartigen Bewegungen bietet.

„Die Revolution sind wir”, zitieren Harald Welzer und Claus Leggewie Joseph Beuys, und meinen damit auch sich selbst. In ihrem Sachbuch erzählen sie eine neue Geschichte davon, wie die Welt gestaltet werden kann, wenn man sich aus tradierten Denkmustern löst, und verhehlen dabei nicht, dass sie sich selbst als Teil dieser Bewegung verstehen – und fordern ihre Leser ebenfalls zum Handeln auf.

Trotz möglicher Zweifel an der Realisierbar- oder Wirksamkeit dieser neuen außerparlamentarischen Opposition, verfehlt das Buch seinen Appellcharakter nicht. Dazu trägt bei, dass es sich mit seinem übersichtlichen Aufbau, vielen alltagsnahen Beispielen und einem flüssigen Stil stark an den Bedürfnissen des Lesers orientiert. Dass es dennoch nicht auf eine wissenschaftliche Zitierweise und Literaturangaben verzichtet, trägt zu seiner besonderen Qualität bei.

Das Erstaunliche an Das Ende der Welt, wie wir sie kannten ist, wie schon in Harald Welzers vorherigem Buch Klimakriege, nicht die Neuheit der einzelnen Fakten, sondern das schlüssige Gesamtbild, das aus ihrer originellen Verknüpfung entsteht. So schaffen die Autoren eine neue Perspektive, die den Einzelnen dazu anregt, seinen Teil zur Veränderung der Gesellschaft beizutragen. Und so schließt das Buch folgerichtig mit dem vollständigen Titel des R.E.M.-Songs: It’s the end of the world (and I feel fine).
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Von Eva Kaufmann, 01.07.2010