Sparte: Belletristik

Nora Bossong
Webers Protokoll

Buchbesprechung

Vor zehn Jahren hätte man Nora Bossong noch das Etikett „Fräuleinwunder“ angeklebt. Heute darf die 27-Jährige einfach eine besonders begabte Nachwuchsschriftstellerin sein, die zunächst mit Gedichten auffiel, dann 2006 mit Gegend ein vielbeachtetes Romandebüt vorlegte und nun mit einem für Autorinnen ihres Alters ungewöhnlichen Erzählstoff überrascht hat. Webers Protokoll ist die komplexe, kunstreich fragmentierte, auf mehreren Zeitebenen angesiedelte Geschichte eines Diplomaten, der 1943 als deutscher Vizekonsul in Mailand Gelder veruntreut, ins Visier seines neuen, stramm nationalsozialistischen Vorgesetzten gerät und, um sich aus der Klemme zu ziehen, einen Job als bezahlter Fluchthelfer übernimmt. Durch diese Geschäfte immer mehr in die Enge getrieben, setzt er sich in die Schweiz ab. Als er nach dem Krieg versucht, im diplomatischen Dienst der Bundesrepublik unterzukommen, holt ihn die Vergangenheit ein.

Nora Bossong ist von zufällig entdeckten Dokumenten zu dem Roman angeregt worden und hat sich durch akribische Recherchearbeit nicht nur ein fundiertes Geschichtswissen, sondern auch ein erstaunliches Gespür für die Atmosphäre der geschilderten Epochen und Milieus angeeignet. Souverän springt sie zwischen Nazi-Ära, Wirtschaftswunderzeit und Gegenwart hin und her, lässt eine junge Erzählerin im Streitgespräch mit einem betagten Diplomaten den Fall rekonstruieren, wechselt elegant die Schauplätze und lässt die Grenzen zwischen Aktenmaterial und Fiktion verschwimmen. Was sie jedoch vorrangig interessiert, ist das Changieren und Schwanken der Hauptfigur selbst, jenes hypochondrischen, opportunistischen Dr. Konrad Weber, dessen eingebildete Augenkrankheit vielleicht etwas zu symbolträchtig illustriert, dass er vor der Wahrheit zurückschreckt und die Wirklichkeit nicht sehen will – stellvertretend, sollen wir dabei mitdenken, für die schweigende Mehrheit seiner Landsleute und Zeitgenossen.

Mit unübersehbarer Häufigkeit erscheint die Formulierung „Weber ist sich sicher“, und sie bedeutet das schiere Gegenteil: Weder über sich selbst und seine Antriebe noch über die Vorgänge in seiner Umgebung, weder über die politische und gesellschaftliche Realität noch über die Absichten oder Beweggründe der Personen, mit denen er es zu tun hat, vermag dieser furchtsame Karrierist gesicherte Erkenntnisse zu gewinnen. Der Leser wiederum darf grübeln über den Charakter eines Menschen, der sein Amt gewissenhaft versieht und dann große Summen unterschlägt, der Juden und Regimegegnern nicht aus Überzeugung, sondern aus Eigennutz hilft, der mit den Nazis zwar nicht sympathisiert, aber den Bruch mit dem Regime nur vollzieht, um die eigene Haut zu retten.

Nora Bossong hat die flimmernde Polyvalenz ihres Antihelden sowie diverser Nebenfiguren mit bemerkenswerter Einfühlung und Scharfsicht gestaltet und in eine ausgeklügelte Erzähltechnik übersetzt. Sie hat überdies riskiert, die wahre Geschichte des Eugenio Pacelli, der als Papst Pius XII. während des Dritten Reichs eine dubiose und bis heute umstrittene Rolle spielte, mit dem Fall Weber zu verknüpfen. Dass eine Schachpartie sich als Metapher durch den Roman zieht, passt zum Kombinationstalent der Verfasserin und unterstreicht die intellektuelle Ambitioniertheit ihres Projekts. Und das wiederkehrende Motiv des Vogelkäfigs lässt sich nicht nur als Chiffre eines geschlossenen Systems deuten, aus dem es für die Figuren keinen Ausweg gibt, sondern auch als Abbild des feingliedrig konstruierten Erzählgefüges, in dem man sich für die Dauer der Lektüre auf fast gespenstische Weise als Mitgefangener fühlt.
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 01.03.2009

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.